Mannheim
Compact Memory

Die Wahrheit · 1925-05-08 · Heft 18 (8.5.1925) · page 5

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Wahrheit
Volume
1925
Issue
Heft 18 (8.5.1925)
Date
1925-05-08
Page
– (sequence 5)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/3062972-3064022-3064039--13644-3081160
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

2 entity mentions

Nr. 18 DiK WAHRHEIT Seite 3 die „Frkf. Ztg." vorwiegend in Arbeiterkreisen gelesen werden soll, wird gewiß manchen überraschen. Ob es wirklich einen Rabbiner Jacobowsky in Grodno gibt oder gegeben hat? Sollte dies wirklich zutreffen, so wird dieser schwerlich in der Lage gewesen sein, seiner subjektiven Ueberzeugung über die Herkunft Lord Northcliffes aus Frankfurt a. M. Ausdruck zu verleihen. Das Märchen über dessen jüdische Herkunft ist während des Krieges durch das unter der Leitung des famosen Obersten Nicolai stehende deutsche Kriegspresseamt verbreitet worden, gestützt auf eine selbstverständlich unwahre Behauptung des „Semi¬ Gotha", wonach Northcliffe der Abkömmling einer aus Frankfurt a. M. nach London übergesiedelten jüdischen Familie Stern gewesen sein soll. Es ist längst erwiesen, daß dieser als Sohn eines Dubliner Anwaltes Harmsworth 1865 in einem Vororte von Dublin geboren ist und daß seine beiden Eltefn irischer Abkunft waren. Nun behauptet der „Feldgeistliche", daß Northcliffe „bekanntlich" aus Frankfurt a. M. stamme. Wie kann das zu der Angabe seines „Materials" stimmen, daß N. der Enkel Moses Montefiores gewesen sef, von dem feststeht, daß er einer italienisch-jüdischen, aus Livorno nach London übersiedelten Familie entstammt ist? Ebenso steht fest, wie bereits oben betont, daß Moses Montefiore im Jahre 1846 nicht in Warschau gewesen ist; er war übrigens damals nicht 7 2, wie der Fälscher angibt, sondern 62 Jahre alt. Die ihm für Warschau zugeschriebene Aeußerung „All euer Gerede von Geld, Geld und nochmals Geld usw." ist ihm auch in anderen antisemitischen Fälscher werken zugeschrieben worden. Zu Anfang der Siebzigerjahre des vorigen Jahrhunderts erschien die Schrift eines angeblichen Majors Osman Bey „Die Welt-Eroberung der Juden", deren Verfasser in Wirklichkeit einer der gefährlichsten internationalen Hochstapler und Betrüger namens Millinger, ein abtrünniger Jude, gewesen ist, der in dieser Schrift wie in verschiedenen andern von ihm verfaßten antisemitischen Schmähschriften nach echter Renegatenart die ärgsten Verleumdungen und Herabsetzungen des Judentums verübte. Bei Osman Bey-Millinger heißt es, daß „auf der israelitischen Ratsversammlung in Krakau im Jahre 1840(0 ein Mann von überragendem Geist, dessen Name leider unbekannt sei", die Aeußerung getan habe: „Solange wir nicht die Zeitungen der ganzen Welt Der jüdische Religionsunterricht kommt zu seinem Rechte in H. Stern, Psychologie des Religionsunterrichtes, Berlin 1924, Philo-Verlag. Seine Belesenheit in der pädagogischen Literatur ließ den Verfasser manchen Ausblick erschließen, der dem jüdischen Erzieher von Nutzen sein kann. Vom Judenhaß, aber auch von Freunden des Judentums außerhalb seiner Gemarkung handeln folgende Schriften: Bei Alfred Kröner in Leipzig erschienen: Friedr. Nietzsche, Worte für werdende Menschen. Eine Einführung in seine Werke von W. v. Hauff. Nicht nur aus den bekannteren Werken, sondern auch aus dem Bruchstücke „Wille zur Macht" sind Gedanken ausgewählt, die der gestellten Aufgabe gut entsprechen. Ganz spinozistiscn ist, wie so vieles andere, das Wort: „Ich lehre das Nein zu allem, was schwach macht. Ich lehre das Ja zu allem, was stärkt." (139) Nietzsche-Worte über Staaten und Völker. (E1 is. Förster-Nietzsche.) „Von dem Volke Israel" (158). „Sie (die Juden) greifen in der Not am seltensten von allen, die Europa bewohnen, zum Becher oder zum Selbstmord, um einer tiefen Verlegenheit zu entgehen. . . Ihr Heroismus im spernere se sperni übertrifft die Tugenden aller Heiligen. Die Art, wie sie ihre Väter und ihre Kinder ehren, die Vernunft der Ehen und Ehesitten zeichnet sie unter allen Europäern aus!" Die jüdische Geschichte kann nur „große geistige Menschen und Werke" erzeugen. Auch Nietzsche erhofft den großen messianischen Sabbat. Ed. v. Hartmann, Gedanken über Staat, Politik und Sozialismus. Herausgegeben von Alma von Hartmann. Auf Seite 87 wird über das Verhältnis von Patriotismus und Nationalgefühl gesagt, daß das erstere keine unentbehrliche Bedingung für das zweite sei. Bei den Juden habe das „sehr lebhafte Nationalgefühl" nicht nur den eigenen Staat, sondern den Untergang der Sprache überlebt. (Fortsetzung folgt.) in den Händen haben, um die Völker zu täuschen und zu betäuben, bleibt unsere Herrschaft ein Hirngespinst". Theodor Gritsch sprach in seinem Antisemiten-Katechismus (6. Aufl. 1888, jetzt Handbuch der Judenfrage) die Vermutung aus, daß Montefiore dieser „Mann von überwiegendem Geist" gewesen sei, und diese Vermutung ist dann von andern, schließlich auch von Fritsch selbst alsfeststehendeTatsache hingestellt worden. Hier erfährt man ateo an eilraem krassen Beispiel, wie antisemitische „Wahrheiten" Zustandekommen. Anigenioirnmen, es wäre währ, 'daß der ehemalige Feldgeistliche dlas von ihm beschriebene „Matenüar im der jüdischen Bibliothek in Onodlno gesehen hat, so wiMe es sich wohl um ein antisemitisches Machwerk gehandelt haben, dias als Kuriosum in dieser Bibliothek aufbewahrt wurde, Wahrschieinililch alber iist, daß der „Völkische Kurier" gelogen hat; jedenfalls muß man mit einer solchen Möglichkeit solange rechnen, bis d e r „Feldgeistliche" mit seinem Namen vor die Oeffenitlichkeit getreten ist. An der Tatsache aber kann nibht gerüttelt werden, daß altes das, was er vorgebracht hat, aus deim vergifteten Arsenal der m Deutschland seit Jahrzehnten betriebenen anlisemftisoben Hetze starnimit. Wird dias Volk in Bayern, aber auch im übrigen Deutschland, dem Lande eines Goethe und Kant, diesem Pfarrer und seinem Unsinn wirklich Glauben schenken? Hier sollte das Kultusministerium baldigst einschreiten, da sonst die jungen Generationen diesem Herrn Pfarrer wirklich einmal in die Häntle fallen können, und dann wird es wirklich etwas zu spät sein. Der Herr Pfarrer wird sicherlich diese Protokolle, die nicht existieren, noch erweitern und in nächster Zeit ein kleines Werk über die „Neuentdeckungeii" zu den „Weisen von Zion" veröffentlichen. Für deutsche und Weltkultur. Der bekannte deutsche Balladendichter Börris Freiherr v. Münchhausen, Verfasser des von E. M. Lilien meisterlich illustrierten Buches jüdischer Balladen „Juda", der noch vor einiger Zeit in öffentlichen Kundgebungen den Antisemitismus abgelehnt und die Verdienste der Juden um das deutscht Geistesleben gerühmt hatte, veröffentlichte vor kurzem in dem Stinnes-Organ „Deutsche Allgemeine Zeitung" einen Brief aus Windischleuba, dem Stammschloß derer von Münchhausen^ in welchem er den früheren Reichsinnenminister Dr. Georg Gothein, Vorsitzenden des Vereines zur Abwehr des Antisemitismus, wegen dessen Stellungnahme gegen die antisemitische Politik des Deutschösterreichischen Alpenvareines scharf angreift. Börries v. Münchhausen schreibt: „Izh bin weder Antisemit noch Phüosemit, aber ich denke, ein Verein hat das Recht zu) bestimmen, was die Mehrzahl seiner Mitglieder will. Und es ist mir persönlich durchaus verständlich, wenn ein arisch-rassischer Verein die Schwarzköpfe, ein Zionistenbtind die Arier . . . auschließt Jeder hat doch das Reiht, zu seinem Umgange zu wählen, wen er will. Vor allem aber hat Doktor Gothein unrecht, wenn er schreibt: ,So wenig auf irgendeinem Gebiete deutscher Kultur man die Mitarbeit jüdischer Mitbürger entraten kann, so wenig vermag dies auch der Alpinismus.1 Verzeihung, Herr Doktor, aber das ist Unsinn! Dürer und Holbein, Goethe und Schiller, Beethoven und Schumann, Kant und Schopenhauer haben deutsche Kultur geschaffen ohne jüdische Mitarbeit, genau so wie Moses, die Talmudisten und Herzl jüdische Kulturwerte geschaffen haben ohne Mitarbeit deutscher und anderer fremdstämmiger Männer. Wie kann man als Deutscher so knechtisch, so jämmerlich von dem Volke denken, das vom Nibelungen-Liede und von Walter von der

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.