Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1925
- Issue
- Heft 17 (1.5.1925)
- Date
- 1925-05-01
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 17 cte WAtiRUfcrr Seite 5 der Auftrag, die Namen der feindlichen Bruderstämme auf je ein Holz zu schreiben., Und diese beiden Hölzer, sie soll er in die Hand nehmen, und „sie werden in deiner Hand zu einem Stücke werden". Was ist ein Prophet und welche Wunderkraft ist ihm eigen, daß er vorbereiten könnte, was von dem Erlöser, dem Messias erwartet wird? Der Prophet ist der Gesandte Gottes. Er hat den Auftrag Gottes auszuführen, unbeirrt und unbedingt, ohne nach rechts oder nach links zu schauen; Kämpfer ist er für Gottes Sache, etwa wie der Führer der göttlichen Heerschar, der Josua 'erscheint Als Josua ihn fragt: „GehörsÜ du zu unst oder zu unseren Feinden?", da gibt ihm dieser Gottgesandte eine merkwürdige Antwort. Eri sagt: „Nein". Das heißt doch wohl: „Ich zähle mich nicht zu euch und nicht zu euren Feinden". Und zur Begründung fährt er fort: „Denn als Führer der göttlichen Heerschar bin ich soeben angekommen." Dieses „soeben angekommen" besagt alles. Der Gottgesandte ist den Parteien gegenüber immer der „soeben Angekommene" und er bleibt ihnenimmer fremd und neu und unbeteiligt. Und wenn er Jahre und Jahrzehnte unter ihnen leben müßte, er würde immer der Parteilose und Unparteüsche bleiben, wenn er auch von allen Parteien darob boykottiert wird. Er ist Gottgesandter und Gotteskämpfer, aber nicht Parteimissionär und Programmpropagandist. Was wäre aus unserem jüdischen Volke geworden, wenn an seiner Spitze Parteiführer und nicht Führer der Sache Gottes, Vertreter des Volksgeistes, Vorkämpfer des Gesamtjudentums, Propheten gestanden hätten! Prophet ist somit der Mann, der, weil von Gott gesandt, alle seine Brüder ohne Unterschied mit gleicher Liebe umfaßt und in seinem Herzen trägt die Grundidee des Judentums, von der die jüdischen Parteiprogramme nur Abspaltungen und Splitter sind. Was in der politisch-praktischen Wirklichkeit das Volk in feindliche Lage scheidet, in dem individuellen Fühlen und Empfinden des Propheten ist es Einheit und Harmonie, unzertrennlicher Kern und Stern des Gesamtjudentums. „Eng beieinander wohnen die Gedanken, doch hart im Räume stoßen sich die Sachen". „In deiner Hand werden Efraim und Juda zu einem Stücke werden". Ueber die^ Frage des Messias, wie wir ihn uns zu denken haben, wann er erscheinen wird, ob er als einzelne Person oder als das jüdische Volk zu verstehen ist, darüber ist viel Blut geflossen. Auch unsere Kultusgemeinde war vor Jahrzehnten in einen Prozeß verwickelt, der diese Frage zum Gegenstand hatte. So weit wir nach dem heutigen Stande der Dinge urteilen können, kann der Messias nicht das jüdische Volk als Ganzes sein. Dieses jüdische Volk ist ja kein Ganzes. Es ist zerstückelt, in Parteien zerklüftet. Die eine wie die andere Gruppe hält sich allein für das wahre jüdische Volk, für die berufene Vertretung des Gesamtjudentums. Aber die Idee des Messias, sie kann, ja sie soll die leitende Grundidee jedes Juden im Sinne der Propheten, d. h. doch wohl im Geiste dessen sein, was uns seit der Urväter Tagen als Judentum ist überliefert worden. Hieraus ergibt sich: die Messiasfrage ist, soweit ihre Lösung an uns liegt, die jüdische Erziehungsfrage. Unser Kind nicht zu einem Parteistreiter, sondern zum wahren „Jisroel", zu einem „Kämpfer für Gott", für die drei Ideale: Gott, Volk und Menschheit zu erziehen, das ist die Aufgabe unserer jüdischen Eltern und Jugendbildner. Es ist die Pflicht, Menschen zu bilden, die fähig wären, im Geiste der Propheten zu wirken und die Mission des Messias zu übernehmen, wenn Gctt sie berufen wollte. So können wir uns vorstellen, wie der Messias beschaffen sein, wie er denken und fühlen muß. Das Judentum spricht von einem Moschiach ben Josef und einem Moschiach ben David. Der Messias muß Blut sein vom Blute Josefs. Er muß tief innerlich religiös sein und, wie Josef der Retter nicht nur seiner Brüder, sondern ganzer Völker wurde, sozial empfinden, mitfühlen mit jedem Menschenleid. Aber auch Geist vom Geiste Davids muß er sein, der den Höhepunkt unseres nationalen Glanzes darstellt und doch auch in seinen Psalmen, Offenbarungen unvergleichlicher Gottinnigkeit uns hinterlassen hat. Was beide ihrem Volke gegeben haben, das soll ungeteilt im Herzen des Messias leben und darin soll er sein Volk und alle andern Völker einen. Wann er erscheinen wird? Das zu fragen, steht uns nicht zu. Wir haben nur Menschen zu erziehen, die fähig und bereit sind, jedem Auftrage, Frieden in der Welt zu stiften und zu stärken, zu folgen mit ganzem Herzen und mit ganzer Seele und ganzer Kraft. Unter ihnen zu wählen und die Zeit des Erlösers zu bestimmen, das müssen wir Gott überlassen, der allein weiß, wann unser Volk reif sein wird für Versöhnlichkeit und Brüderlichkeit und die Menschheit fähig eines wahren Völkerbundes und Völkerfriedens. Der Jude Lassalle. Eine Studie über jüdischen Kapitalismus. Von Dr. Max Grunwald. (Fortsetzung.) Aber noch ein anderes historisches Faktum, das dem Schlagwort vom jüdischen Kapitalismus den Boden entzieht! Der unbefangene Historiker kann doch unmöglich achtlos an dem Phänomen vorübergehen, daß gerade die sozialistische Geistesrichtung und Weltanschauung ihre Begründung und Ausbildung von jüdischen Denkern, jüdischen Autoren und Initiatoren, daß sie ihre klugen Parteiführer und redegewaltigen Agitatoren aus der Mitte des jüdischen Volkes empfangen hat. Hermann Onken z. B. sagt wörtlich: „Nicht zufällig sind es zwei deutschjüdische Gelehrte gewesen, die durch politische Aktion und durch umsichtige Arbeit die sozialdemokratische Arbeiterbewegung in Deutschland und Europa ausgelöst haben." Er fügt hinzu: „Schon die Tatsache dieser Abstammung schließt ein Problem in sich, und eines der interessantesten. Das deutsche Judentum sah alle großen, an den Emanzipationskampf des dritten Standes geknüpften Hoffnungen grausam vernichtet. Der Liberalismus erwies sich schwach und versagte vollständig in einzelnen Repräsentanten. Je mehr die Juden an Besitz und Bildung zugenommen, um so empfindlicher wurde der Druck der sozialen Mißachtung und politischer Zurücksetzung. Das hat die He.ine und Börne, die Marx und L a s s a 11 e in die Bahn des Radikalismus geführt; es war nur Logik der Tatsachen, eine strenge Konsequenz der Geschichte daß die mächtigsten, schöpferischen Wortführer im Emanzipationskampfe des vierten Standes jüdischen Blutes sein mußten." Diese Erklärung haftet jedoch zu sehr am Aeußerlichen und läßt außer Acht den Einfluß des Blutes gegenüber dem des Milieus, der Erbdisposition gegenüber der umgestalteten Umwelt. Sie reicht ferner ebensowenig hin. die Tatsache zu erklären, daß auch der englische Jude David Ricardo zum Vorkämpfer des Proletariates geworden. In den 3riefen einer englischen Dame" heißt es von der sozialdemokratischen Doktrin: „Es steckt darin scharfe Beobactungsgabe, exakte Berechnung, streng gegliederte talmudische Kombination und kritischer Scharfsinn." Also auch hier wird der Talmud für das Gegenteil des Kapitalismus zur Erklärung und restlosen Auflösung des Rätsels herangezogen. Seit seinem Eintritte in die Geschichte war das jüdische Volk Gegenstand der Unterdrückung und Verfolgung. Die Erinnerung an die Knechtschaft in Aegypten wurde dem jüdischen Kinde täglich eingeprägt. Aber es bedurfte dessen nicht; die unmittelbar erlebte und erschaute Gegenwart war schlimmer als die überkommenen Bilder aus der Vergangenheit. Gehetzt, gedemütigt, als Paria mißhandelt, zum Scheiterhaufen und zur Schlachtbank geschleift, hat das jüdische Volk durch zwei Jahrtausende in der harten Schule der Leiden und Drangsale Teilnahme, Mitleid und Barmherzigkeit kennengelernt. Teilnahme und Mitleid mit jedem sozial und politisch Entrechteten und Verfolgten. Darum und nur darum standen und stehen unsere Söhne in vorderster Reihe auf allen Schlachtfeldern der Freiheit. So haben sie mitgekämpft alle Schlachten zur Emanzipation des dritten Standes, sind sie die Rufer im Streite geworden zur sozialen Befreiung und Erlösung des Proletariates, sind sie in hellen Scharen, in flammender Begeisterung gegen das zaristische Rußland freiwillig ins Feld gezogen. Nicht äußerliche Nutzzwecke, sondern die Stimme des Blutes, die ererbten Instinkte gelangen in den Erscheinungen der Geschichte zum Durchbruch. An keinem Beispiele läßt sich dies augenscheinlicher dartun, als an dem Werdegange Ferdinand Lassalles. Ferdinand Lassale der Befreier der Unterdrückten und Enterbten, wurde am 11. April 1825 als Sohn eines jüdischen Kaufmannes in Breslau geboren. Den Kreis, in dem er die Kindheit verlebt hat, schildert er uns 'eigenhändig in einem Schülertagebuch, das er im Alter von 15 Jahren begonnen und genau geführt hat. Eine Stelle in diesem Tagebuch offenbart