Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1925
- Issue
- Heft 17 (1.5.1925)
- Date
- 1925-05-01
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 6 DIE WAflRgffiffi m+ii* 17 uns in dem jungen Ferdinand die ganze Seele des künftigen Lassalle. „Soll ich klug, soll ich tugendhaft sein in meinem Leben? Soll ich den Mantel nach dem Winde hängen, den Großen schmeicheln, mir durch feige Intriguen Vorteile und Ansehen erschleichen, oder soll ich wie der trotzige Republikaner an der Wahrheit und Tugend halten, alles andere nicht beachten und nur darauf ausgehen, dem Aristokratismus den Todesstoß zui versetzen? Aber nein, ich will den Völkern die Freiheit verkünden, obwohl ich auch dazu Talent hätte, ein lächelnder, feiger Hofschranze zu werden! Ich will den Völkern die Freiheit verkünden, und sollte ich im Versuche untergehen. Ich schwöre es bei dem Gott unter den Sternen, und Fluch mir, wenn ich je meinem Schwur untreu werde!" Sehr bezeichnend ist auch folgende Eintragung: „Heute soll Barschall begraben werden. Um achteinhalb ging ich mit Mutter hin zu der unglücklichen Witwe. Sie saß still weinend auf dem Sofa. Sehr rührte mich der Anblick Wilhelms, der, die Größe seines Verlustes halb ahnend, si^h das K a d i s c h lernte. Wir gingen in die andere Stube. Hier war die Leiche des so früh verstorbenen Mannes. Die Kondolierenden sprachen in einzelnen Gruppen von diesem traurigen Todesfall. Da führte der Lehrer Wilhelm an die Seite seines Vaters. „Hier1 siehst du," sagte er leise zu dem weinenden Knaben, „deinen Vater, Du siehst ihn hier nicht wieder. Versprich mir an dieser Stelle, deiner Mutter die nun auch dein Vater ist, immer ein guter Sohn zu sein und;in allem Folge zu leisten. Und der kleine Wilhelm schlug treuherzig in die ihm dargereichte Hand. Mir gingen die Augen über. Ich wendete mich ab." Lassalle war damals auf dem Magdalenengymnasium in Breslau Sekundaner. Alle möglichen, zum Teile selbstverschuldeten Widerwärtigkeiten verleideten ihm den Aufenthalt im elterlichen Hause und) in seiner Vaterstadt. Er selbst bestimmt darum seinen Vater dazu, ihn im Mai 1840 auf die Handelsschule nach Leipzig zu schicken. Während seines etwa einjährigen Aufenthaltes in Leipzig wird es ihm klar, daß er als Kaufmann unglücklich werden müßte Deutlich erkennt er schon damals seinen Beruf als Agitator. Im Mai 1841 war sich Lassalle über seine Zukunft klar. Er will die unterbrochenen Gymnasialstudien wieder aufnehmen, um sich der Wissenschaft zu widmen. Die entscheidende Unterredung mit seinem Vater fand statt. Auf dessen Frage, was er studieren wolle, antwortete er: „Das größte, umfaßendste Studium der Welt, das Studium! der Geschichte." Der Vater setzte ihm auseinander, daß bei der Rechtslage in Preußen die öffentliche Laufbahn einem Juden keine Aussicht biete, und riet ihm zu Berufen, wie Medizin oder Jura, die eine praktische Nutzung verheißen. Alles dies wurde von dem Sohne weit weggewiesen: „Der Arzt wie der Advokat sind Kaufleute, die mit ihrem Wissen Handel treiben. Ich aber will mich dem publizistischen Fache widmen. Jetzt ist die Zeit, in der man um die heiligsten Zwecke der Menschheit kämpft." Und als die väterliche Besorgtheit die begreifliche Frage stellt, warum denn gerade sein einziger Sohn die an sich löbliche Rolle eines Mätyrers für große Menschheitsziele ergreifen müsse, da schallt mit! Pathos, aber mit echtem, prophetischem Pathos die ebenso begreifliche Antwort eines schwungvollen Idealismus zurück: „Warum?" Weil Gott mir die Stimme in die Brust gelegt) hat, die mich aufruft zum Kampfe, weil Gott mir Kräfte gegeben, ich fühle es, die mich zürn Kampfe befähigen. Weil ich für einen edlen Zweck kämpfen und leiden kann! Weil ich Gott um die Kräfte, die er mir zu bestimmten Zwecken gegeben, nicht betrügen will, weil ich mit einem Wort nicht anders kann." In allen diesen jugendlichen Irrfahrten Lassalles klingt als einheitlicher Grundton seines Charakters merkwürdig deutlich seine Anhänglichkeit an das Judentum durch. Mit Stolz hielt er, wie er selbst sagt, in Breslau darauf, „ein guter Jude" zu sein. Nie versäumt er eine Predigt „des Rabbiners Geiger". Bei der Lektüre von Bulwers „Leila" gelobt er sich, an die Spitze seiner unterdrückten Brüder zu treten, das Land der Väter für sie zu erobern und den Enkeln darin eine neue Heimat zu schaffen. Lassalle der Vorläufer Herzls! In Leipzig geht er nach dem Willen der Eltern an Pessach in die jüdische Restauration; er berichtet darüber: „Abends hörte ich den Zeider (Seder) und das Andenken an die schönen verflossenen Tage kam lebhaft vor meine Seele. Ich sah uns alle herumsitzen um den langen festlichen Tisch, obenan mein geliebter Vater, der mit seiner schönen sonoren Stimme vorsang, neben ihm die geliebte andächtige Mutter, ängstlich herumblickend, ob auch all die Zermonien, die sie bei ihrem seligen Vater als Kind gesehen, streng befolgt würden. Unten aber Schwester Rieckchen mit den lachenden roten Wangen, emsig bemüht, das bittere Moraur geschwind wegzuwerfen. Wertvolle Bekanntschaften macht Lassalle in Leipzig, so die des Dichters Wilhelm Wolfsohn. Lassalle schreibt über ihn: „Wolfsöhn hat einen schönen edlen Zweck. Er ist ein Kämpe für das Judentum. Er ist in der Poesie das, was Gabriel Riesser in Prosa." In den Briefen an seine Familie finden wir noch manche jüdisch-deutsche Wendungen. Er spricht von „Tachles" und sagt selbst von sich, er habe nicht nur Chuzpe, sondern „es steckt auch etwas dahinter". An seinen Vater schreibt er: „Wenn Du sagst, die Mutter studierte Geseires, so hast Du darin eine wahre Professur verdient." Den Vater nennt er scherzhaft „geliebter Saurer Ben Maurer", sich selbst das „Benjochetel" (das einzige Söhnchen), er hat dem Vater oft „eine ganze Megille" zu beantworten. Als er von Breslau nach Berlin übersiedelt und seine Eltern ihn in Breslau besuchen wollen, sollte er ihnen bei frommen altgläubigen Juden in der Nähe der „Schul" eine Wohnung mieten. Er macht eine solche ausfindig und schreibt an die Eltern: „Eine Meile liegt sie von mir, doch dafür seid Ihr nun einmal Juden und ein Jude ist bekanntlich selbst noch in seinem Naches geplagt." Pünktlich sendet er noch in späteren Jahren den Eltern seinen Glückwunsch zu Rosch- Haschonoh. Als ein Heiratsplan seiner Schwester, der ihm nicht genehm ist, scheitert, schreibt er nach der alten Melodie mit dem Refrain: „Alle alle, Rochel ist kein Kalle, Nossen ist kein Chossen" usw. (Fortsetzung folgt.) Glossen* R e m i n is z e n z a n e im e Reminiszenz. Die Leser erinnern sich wohl noch der in diesem Blatte kürzlich veröffentlichten Reminiszenz, in welcher eine Schilderung der Feiler enthalten war, die vor nahezu einem halben Jahrhundert im Seitenstetten-Tempel anläßlich des durch das neue Gesetz gestatteten Rücktrittes eines Getauften zur Religion seiner Väter stattfand1. Die Wirkung., die der herrliche Segenisspruch^ den Dr. J e 11 i n e k für 'diese Gelegenheit in hebräischer und in deutscher Sprache verfaßt hatte, noch heute auf den Leser übt, läßt es wohl begreiflich erscheinen, daß dile Feiler seinerzeit aiuf die im Tempel Anwesenden einen geradezu überwältigenden Eindruck hervorrief. Ein Buidapester Freund 'der „Wahrheit" macht uns fluni die Mitteilung, daß dieser Artikel im „Egyenlöseg" reproduziert wurde, ohne daß mit einem Worte die Quelle angedeutet worden wäre, der er entnommen wurde. Im Gegenteil, es wird in dem ungarischen! Blatte direkt betont, der Artikel sei ihm „ans den Kreisen der Wiener Judenschaft" zugeschickt worden^ Den Redakteur des „Egyenlöseg" wird es als1 einen Gentleman der Feder sicherlich peinlich berühren» wenn er erfährt, 'daß er aus den „Kreisen der Wiener Jutdenschaift" mit eilner Uebersetzung erfreut wurde, die sich fälschlich als eine Oiliginalairibeit ausgibt, und er wird wöhl der Wahrheit zuliebe dem Itoyalen Einsender, dessen Name ihm bekannt sein muß, tüchtig auf die nicht allzu redlichen Fingerklopfen. Der Redakteur des „Egyenlöseg", dler so viele Perlen aus dem Meere dies Talmuds geschöpft, wird sich bei dieser Gelegenheit gerne dos schönen Wortes unserer, jede literarische Unanständigkeit scharf verdammenden Weisen erinnern!, das da ein wenig frei übersetzt lautet: „Wer ehrlich zitiert, wirkt mit für die die Erlösung bringende Wahrheit." * * * Die „Protokolle <der, Weisem von Zion" mußten den Juden vom erlstem Augenblick