Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1925
- Issue
- Heft 17 (1.5.1925)
- Date
- 1925-05-01
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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Seite 4 Nr.17 seine Existenz, um sein Brot kämpft. Nein, gerade die Parteiführer, die) selbstlos für ihre Sache kämpfen, wollen keine Vereinigung mit anderen Gruppen. Sie befürchten von solcher Vereinigung, die, wie die Erfahrung lehrt, weil äußerlich, nur zu bald zu um so größerer Veruneinigung führt, Verunreinigung und Verwässerung ihres Parteiprogrammes. Sie gehen! mit einer anderen Gruppe nur zeitweise und nur dann einen Pakt ein, wenn der Vorteil der Partei es erfordert. Fällt dieser Vorteil fort, dann „betelo ahawo", hat der Pakt ein Ende. Manchmal scheint es, als ließe sich doch eine Brücke zwischen den Parteien schlagen. Anhänger der einen Gruppe befolgen in ihrem Privatleben zum größten Teil das Programm einer anderen. Allein so lange man in der Partei steht, muß der leitende Hauptgedanke des Parteiprogramms im Vordergrunde bleiben. Die Parteidisziplin fragt nicht nach dem Wert der Persönlichkeit, sondern nach der agitatorischen Leistungsfähigkeit und Werbekraft für das Parteiprogramm. Jede Selbständigkeit und Eigenbrödelei wird unterdrückt. Außer Frage steht der Parteileitung die Unzulässigkeit jeder anderen Auffassung des Judentums. Für sie gibt es nur eine Frage, die Machtfrage, d. h. wer die Macht hat. fragt nicht nach den anderen, und wer sie nicht hat, nach dem fragen die anderen nicht. Außer der Partei kein Judentum! m. Aber hier im Gotteshause gilt keine Partei. Hier hat das Wort einzig und allein das Gesamtjudentum, das alle drei Gruppen als Parteien ablehnen muß, weil hier der Teil der Feind des Ganzen ist. Die Ideen hingegen, die den drei Gruppen zugrunde liegen, sie auf ihre Berechtigung zu prüfen, zu fragen, wie sie historisch zu begreifen, wie sie mit innerer Notwendigkeit entstanden sind, das ist nicht nur gutes Recht, das ist Pflicht an dieser Stätte, die dem Frieden geweiht ist Wie haben sich diese drei Gruppenideen entwickelt? Mose nahm die Reste Josefs mit sich. Aber nicht nur dieses Totengebein. Seit der Offenbarung am Berge Sinai nahm er noch etwas anderes mit sich: die heilige Lade mit den Tafeln des Bundes. „Der eine lebte, was die andere lehrt." Man kann nicht aufmerksamer das Wort Gottes lehren, als indem man auf Beispiele hinweist, die, wie Josef, in seinem Geiste wirken. Das moderne Judentum hat aber zum großen Teil aus seinem geistigem religiösen Bestand die lebendige Gotteslehre gestrichen. Es hält sich nur noch an totes Gebein und macht aus dem Judentum einen regelrechten Totenkult. Man kommt ins Gotteshaus, um Kaddisch zu sagen und zur Haskara. Aber große Belesenheit sowohl in der jüdischen, besonders mystischen, wie in anderen Literaturen befähigt den Verfasser zu völkerpsychologischer Vertiefung bekannter Kulturtatsachen. Was S. 180 über das Verhältnis „Religion und Kultus" gesagt wird, scheint uns zu scharf und weder mit dem, was S. 69 über den Wert überlieferter Gebete zu lesen ist, noch mit der jüdischen Tradition im Einklang. Einen bestimmten Ausschnitt aus der jüdischen Literatur behandelt J. G ü n z i g. Das jüdische Schrifttum über den Wert des Lebens, Hannover 1924, Orient-Buchhandlung, Heinz Lafaire. Die Frage des Pessimismus in! der jüdischen Literatur wird hier wieder erörtert. Die Schrift ist geeignet, zu weiteren Studien über diesen Gegenstand anzuregen. Ganz besonders wäre dann ausführlich die Halacha heranzuziehen, die den Wert des Lebens und die Pflicht seiner Erhaltung betont, und hervorzuheben, daß der Jude nicht ängstlich am Leben hängt, sondern daß er es für einen großen Zweck freudig opfert. Eine Sammlung zur jüdischen Kulturgeschichte beschreibt S. H. Lieben. Das jüdische Museum in Prag. Prag, Verlag Dr. Jos. Flesch. Das reichillustrierte Heftchen wird allen Besuchern der hier beschriebenen Sammlung als Führer gute Dienste leisten. „Die israelitische Kultusgemeinde Nürnberg 1874—1924" fand ihren Historiker in M. Freudenthal (Nürnberg 1925, Bulka), gewiß den berufensten in ihrem Rabbiner, der seit Jahren nicht nur in dieSefwGemeinde wirkt, sondern, wie er S. 62 mit gerechter Genugtuung sagen darf, die Gemeinde führt. Was das deutsche Judentum/während dieser 50 Jahre in äußeren wie in inneren Kämpfen., «durchzufechten hatte, tritt uns in diesem Ausschnitt der: Geschichte einer, .wie wenige, gerade in diesem Zeitabschnitte; mächtig .erstarkten Gemeinde mit anschaulicher Lebendigkeit ,vor:iAngen^ . : i , : (Fortsetzung folgt.) sogleich nach' der Haskara strömt man in dichten Scharen aus dem Tempel, um deutlich zu bekunden: man kam nicht hierher zu einem Gottesdienst, sondern zu einem Totendienst. Man sucht hier nicht einen Gott der Lebenden, sondern einen Gott der Toten. Und! wir begreifen das Wort des Koheleth: „Glücklicher als die Lebenden preise ich die Toten." Der lebende Vater hat trotz allen Zuredens 'es nicht vermocht, seinen. Sohn auch nur einmal im Jahr in den Tempel zu bringen. Kaum hat er die Augen geschlossen, so eilt der Sohn zweimal im Tage her um seines Vaters willen. Ein Judentum, das nur in solcher Pietät, nicht besser, als Reliquiendienst, besteht, ist zur Mumie geworden. Die jüdische Jugend empfand das schmerzlich und erklärte: „Dem Toten opfere ich1 nichts. Wir wollen ein lebendiges Judentum. Was in der Erde liegt, soll in der Erde bleiben. Lasset die alte Wurzel! Halten wir uns an! den Stamm! Verpflanzen wir ihn in unsere nationale Erde und er wird neue Wurzeln schlagen. Ist seine Rinde schadhaft geworden, so wollen wir sie ergänzen. Aus der altem toten Vätersprache soll eine lebendige Sprache der Enkel werden. Land und Sprache werden eine neue jüdische! Nation, 'ein neues jüdisches Gemeinwesen erstehen lassen." Die dritte Gruppe aber fragt: „Kommt es denn auf die Sprache, kommt es auf Formen, an? Ist nicht allein entscheidend, was mit der Frucht} des Baumes geschieht? Daß die weltumwälzenden Forderungen unserer Propheten verwirklicht werden? Welchen Wert hat es, daß sie gerade in dieser einen Sprache im engen nationalen Kreise gelesen werden, anstatt daß man sie in allen Sprachen laut in alle Welt verkündet?" IV. So sprechen die Parteien. Aber schon aus dieser Sprache hören auch wir, daß ihre Ideen!, wenn sie selbst durch Schützengräben! und Drahtverhaue sich voneinander feindlich scheiden, im Grunde zusammenhängen, so wie eben zusammengehören Wurzel, Stamm und Frucht, wie diese drei Teile nur im Zusammenhange! ein lebensfähiges, gesundes Ganzes, einen ganzen Baum ergeben. Ganz- und Volljude kann man nur sein, wenn man, mit Ablehnung parteimäßigen Zerreißens und Zersplitterns des lebendigen Organismus, die drei Ideen dieser Gruppen in seinem Geiste 'harmonisch' vereint und in dieser Vereinigung liebevoll in seinem Herzen hegt. Ein Judentum, das, wie es in der großen Totenkammer Mizrajim geschah, an totem Gebein verehrend hängt ist kein Judentum. In der Haftara vom Sabbat Cholhamoed-Pessach sieht der Prophet' ein großes Tal rmi Totengebein gefüllt Aber er hört eine Stimme, die spricht: „Siehe, ich bringe Geist in euch, so daß ihr neu auflebet." Die alten Bräuche und Sitten unserer Väter sind nicht tote Formen und das Judentum kein Totenkult wenn wir sie mit immer neuem Geist beleben. Der Zeit entsprechend diesen altehrwürdigen Hütten einen neuen Inhalt geben, das ist wahrer, echter jüdischer Nationalismus. Das Volk schafft sich Satzungen und Sitten und diese Sitten und Bräuche schaffen wiederum das Volk. So wie der Bergsteiger in die steile Bergwand einen Halt schlägt zunächst für seine Hände, der aber dann ein Stütz- Dunkt für seine Füße wird zu weiterem Aufstieg. Diese scheinbar toten Formen, sie sind der Leib der jüdischen Volksseele. Nicht Land und Sprache allein, sondern vor allem dieses heilige Vätererbe, das wir immer neu erwerben, geistig erobern, seelisch uns zu eigen machen müssen, das ist die Grundlage lebendigen jüdischen Volkstums, wie Stamm und Wurzel zusammengehören, sollen sie nicht beide verkümmern und verdorren. Und wenn die dritte Gruppe die Frucht allein für wertvoll hält, ja, wer wird denn1 nicht, wenn er die Frucht so kostbar findet um so sorgsamer den Stamm pflegen, der solche Früchte liefert? Wer darf somit sich Jude nennen in umfassendem, allein berechtigtem Sinne des Wortes,' wenn nicht die drei Elemente friedlich vereint in seinem Herzen wohnen: ehrliche Frömmigkeit, begeisterte Liebe zum alten Stamm und soziales, menschlich warmes Mitempfinden? V. Und doch bekämpfen sie1 sich unbrüderlich hart, die drei Parteien, für die es keine Versöhnung gibt, sondern nur Sieg oder Niederlaga Nun spricht die heutige Haftara von einem Erlöser. Er soll das Panier sei, um das sich friedlich alle Völker scharen. Zunächst soll er aber noch etwas anderes. Die beiden feindlichen Brüderreiche Efraim und Jehuda soll er einen. Auch in der Cholhamaad-Haftara wird dem Propheten