Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1924
- Issue
- Heft 41 (10.10.1924)
- Date
- 1924-10-10
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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Seite 2 DIE WAHRHEIT Nr. 41 religiöse Geist vorn; Baume d!er Ahnungen und Visionen als blühendes Reis in die Wirklichkeit gepflanzt hat. Alltäglich am Sukkoth-Feste holen wir aus der heiligen Lade die Thora-Rolle heraus, dieses Feuer von Gotties rechter Hand und wir selber sind es, die wir, mit dem Feststrauße ausgerüstet, um diese Thora schreiten und Hossiana anstimmen. Ist es eine Märchenerscheinung? Ja, es ist ein Märchen, das die Weltgeschichte in ihrer unerschöpflichen Gestaltungskraft aus dem Boden eines vom verzückten Auge des Sehers kaum erschauten Zauberlandes hinausgehoben und in das Reich der tatsächlichen Begebenheiten versetzt hat. Mitten in der Nacht und im Sturme der Jahrhunderte, im Wogen und Brausen der auf- und niedergehenden Zeitläufe, da hat Israel, unbeirrt und unentwegt, das ewige Feuer seiner Thora umkreist, in den Kampf und Streit hinaus hat es das Versöhnungslied von der Bruderliebe erhoben, über das aufschäumende Meer wild erregter Leidenschaften hat es den Feststrauß, das Symbol der Einigkeit und Verbrüderung, geschwungen, in das Völkergetümmel hinaus hat es Hossiana, Hossiana gerufen. Wie oft sprach man zu Israel: Ihr Schwärmer und Träumer, wie lange wollt! Ihr noch um das verlöschende Feuer Eurer Thora Euch scharen? Lasset ab, lasset ab! Euer Friedenslied verhallt ungehört •und Euer Hossiana wird vom Sturme der Weltgeschichte verschlungen. Aber Israel antwortete: Erlischt die Sonne, versiegen die Sterne? Auch das Licht, das der Herr in unsere Mitte gepflanzt, wird nicht untergehen! Gras verdorret, Blume welket, aber das Wort unseres Gottes besteht ewiglich. Wie die Planeten auf Befehl des Herrn die Sonne umkreisen, so haben auch wir von der Vorsehung die Aufgabe erhalten, als treue Hüter um die leuchtenden Kleinodien der Thora, um die höchsten Ideale der Menschheit zu ziehen und zu wallen von Jahrtausend zu Jahrtausend — bis unser Friedenslied wie Frühlingsgeläute durch die Welt geht, bis dias Eis von den Herzen springt und Haß und Hader schweiigen, bis alle Menschen als Brüder, als Kinder desselben Vaters, in ein einziges, großes, heiliges Hossiana einstimmen und sich d!as Wort der heutigen Haftara 'erfüllt: „An diesem Tage ist der Ewige einzig und sein Name einzig." Ja, bis in die fernsten Zeiten dringt dieser beseligende Klang. Wenn unsere Augen nicht mehr sehen und unsere Ohren nicht mehr hören, da werden noch die späteren Geschlechter in den Gotteshäusern sich versammeln, um das Sukkoth-Fest zu feiern, um das Friedenswerk auf Erden, das Werk der Gottesfurcht und der Menschenliebe zu erhöhen und! zu befestigen. Ein Sonnenstrahl blitz dlahin über die dämmerichten Gefilde, ein wunderbares Zittern und Klingen fließt durch die Menschenwelt und von den Enden des Erdballs hallt es und tönt es wieder, anfangs leise und verschwebend, dann zu einem mächtigen Sturme aufrauschend, und alles, was Geist und Odem hat, vereinigt sich zu einem heiligen Chore, der wie eine Flamme zum Himmel emporsteigt, und stimmt das Loblied und das Bekenntnis an: „Der Ewige ist einzig und sein Name ist einzig." Dr. W. M. Dr. Joseph S. Bloch s. A. Zu seinem ersten Todestage. Von Chajim Bloch. In New-York, wohin ich mich im Oktober 1923 begeben habe, traf mich die niederschmettiernde Feuilleton Jadische Jugend für gottesdienstliche Choralgesänge. Eine Anregung von Albert Low. Der vortreffliche Artikel in der „Wahrheit" „DasjüdischeKindund der hebräische Gesang", von dem verdienstvollen Schriftsteller Herrn Rabb. Dr. Max Grunwald veranlaßte Schreiber dieser Zeilen, auf das Wesen der jüdischen Gesänge für Schule und Gotteshaus für die aufstrebende Jugend, der unstreitig die Zukunft gehört, zurückzukommen. Es ist wohl viel Schönes in unseren jüdischen Gemeinden, auch viel Ersprießliches geschehen, dennoch ist und bleibt vieles noch zu schaffen übrig. Empfehlenswert für unsere Jugend wäre es, Wenn dieselbe in den jetzt wohlorganisierten Religionsschulen mit idem Inhalte unserer Sabbath- und Festgebete bekannt gemacht würde, jene jungen Kräfte, welche eine Gesangesgabe besitzen und von anerkannten Kantoren auf Fähigkeit der Anlagen für den Synagogengesang geprüft sind, zu bestimmen, mit im .Choralgesang zu wirken, hierdurch den Gottesdienst durch Knabenstimmen zu erhöhen. Wie schön und erhaben waren die Levitengesänge im Salomonischen Tempel zu Jerusalem, die von den drei Dirigenten A s s a p h, E t h a n und H e m a n geleitet, wie die Chronik K. 28, V. 5, erzählt, waren.. Viertausend Lobsänger des Ewigen im Gesänge mit musikalischen Instrumenten begleitet rezitierten mit Harfentönen und Harfenklang die Psalmen Davids. Auch Sänger beiderlei Geschlechtes haben in diesen Gesängen mitgewirkt. Wir finden im Buche Samuel K 19, V. 3 6 „Und Barsilai sagte zum König: „Kann ich noch vernehmen die Stimmen der Sänger und Sängerinnen?" Bei den Persern, Griechen, Arabern, ja bei sämtlichen Nationen war durch Gesang und auch Musik der Gottesdienst unterstützt. Den herzerhebenden Gesang bezeichnet der Talmud C h u 1 i n als Freude des Herzens. „Wer Lieder einem bösen Herzen singt, gleicht Einem, der einen unwürdigen Schüler lehrt." Vielleicht haben die vielen deutschen Gesangsvereine den Wahlspruch aus obiger Lehre sich geholt? Wo man singt, da laß dich ruhig nieder, böse Menschen haben ksine Lieder". Vortrefflich sagt Schiller im Antritt dies neuen Jahrhunderts: „In des Herzens heilig' Räume — Mußt du fliehen aus des Lebens Drang! Freiheit ist