Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1924
- Issue
- Heft 41 (10.10.1924)
- Date
- 1924-10-10
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/3062972-3064071-3064110--13155-3080645- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
DIE WAHRHEIT Deulschöslerrelcnisclie Wochensdirttt rar tfldlsdie Interessen Flll dem Beiblatt; Verötfenflidiunfien der ..Union demscftösterreidilsdier Juden" Redaktion und Administration: Wten laU M- - Fernruf 42-2-16 XL. Jahrgang Wien, 10. Oktober 1924 Nummer 41 Zum Sukkoth-Feste. Aus einer erhabenen, düster ernsten Gebirgswelt führt uns der beflügelte Schritt in ein heiteres, sonnig durchleuchtetes Tal. Von der Höhe dter ehrfurchtgebietenden Tage schreiten wir mit frohem Behagen in das Fest der Freude, in das Laubhüttenfest. Mit Üem Feststrauß in der Hand erscheinen wir im Gotteshause und verherrlichen an diesen pflanzlichen Gebilden', an diesen Gaben der Natur den Namen unseres Gottes. Denn die Welt ist eine, Welt Gottes* und die Natur ist vom Geiste Gottes erfüllt. Das Brausen und Rauschen auf den Höhlen und in dien Tiefen, die gewaltige göttliche Werdekraft, welche1 diese Welt im Innersten bewegt, sie, dringt und strömt mit dem Feststrauß herein inj unser Gotteshaus, und' am Sukkot-Feste begreifen wir so recht das erhabene Wort des Psalmisten: „Durch die ganze Erde tönt ihr Klang, bis an des Erballs Saum diringt ihr Ruf, dorthin, wo er der Erde ein Zelt gesetzt." Dieses Wort wollen wir jetzt betrachten. I. „Durch die ganze Erde tönt ihr Klang, bis an des Erdballs Saum dringt ihr Ruf, dorthin, wo er der Sonne ein Zelt gesetzt." Kalt und gleichgültig geht der gewöhnliche Mensch durch die Natur. Wohl schwebt die Sonne in wunderbarer Schönheit durch die Pforten der Morgenröte empor zum glanzumsäumten Himmel, wohl sinkt sie durch den schimmernden Schleier der Abenddämmerung hinab in Nacht und Schatten: der Mensch aber läßt das Wunder unbeachtet, das täglich sich vor seinem Augie vollzieht. Ueber ihn wölbt sich der unergründlich tiefe, nächtliche Himmel, und von der Höhe herab leuchten Myriaden ferner Welten in seine Erdennacht hinein; o, wie flimmern und mühen sich doch der Sterne* ewige Lichter; er aber schreitet dahin., das Haupt zum Staube geneigt, kaum daß er den müden Blick zum Sternenmeer emporhebt, kaum daß der Gedanke ihn leise durchschauert, :daß. über den Sternen ein; ewiges Auge wacht. Sein Sinn ist zu, sein Herz ist verschlossen! Der Weise aber, der Dichter, der Denker, der Psalmist, der Prophet kann die Fülle der Gesichte kaum bezwingen, die im d!er Welt sich ihm offenbaren. Heiliger Ahnungen voll, ruft er entzückt und begeistert aus: „Wie viel sind deiner Werke, o Herr, alle hast Du mit Weisheit gemacht!" Und so läßt uns auch der heilige Sänger einen Blick in die Tiefe der Welten tun. Durch die ganze Erde dringt ihr Klang. Ein Klingen und' Tönen geht durch das Weltall. Der Himmel erzählt es, der Tag verkündet es, die Nacht flüstert es zu. Die Sonne erhebt sich wie ein jauchzender Held und zieht frohlockend ihre Bahn dahin. So weit ihre Strahlen reichen, so weit reicht auch ihr Sonnenlied. Und die Planeten in ihrem ewigen Kreislauf beginnen zu beben umd zu schwingen, die unerforschten Sphären wogen auf und] nieder, das ganze Sonnensystem wird eine heilige Zither in der Allmacht Hand, und es rauscht hinaus ein Lied in die Unendlichkeit, bis zu den äußersten Lichtpunkten, ein Lied von der Erhabenheit, von der Heiligkeit Gottes. Ja, in seinem Tempel verkündet alles: Ihm allein'' sei die Ehre! Und dieses hohe Lied, das die erschaffenen Welten durchwogt, im Gotteshause hallt est wieder. Mit dem Feststrauße, den wir aus dem. lichtdurchflossenen Süden, aus dem mebelschweren Norden, aus den Enden der Erde hierhergetragen, dringt! sein Klang an unser Ohr. Lange, lange hat dieser Feststrauß emporgeschaut zu einem wolkenlosen, schimmernden Frühlingshimmel, lange stand er an den Bächen und blickt hinab in das tiefe Gewässer. Die Sonne hat ihn durchglüht, der Regen hat ihn benetzt, der Wind hat ihn durchbraust, und nun erscheint er, das erlauschte Geheimnis der Natur in sich bergend, im Gotteshause, um seinem Schöpfer Ehre und Preis zu geben. O, wie belebt sich doch und wie flüstert der Feststrauß in unserer Hand. Er stimmt in den jauchzenden Sang der Sonne ein, in deren Strahlen er gegrünt und geblüht. Fürwahr, durch die ganze Erde geht ihr Klang, bis an den Saum d'esErdlballs dringt ihr Ruf, dorthin, wo er der Sonne ein Zelt gesetzt. II. .,Durch die ganze Erde dringt ihr Klang, dorthin, wo er der Sonne ein Zelt gesetzt." Wie der Herr in der äußeren Welt die uns umgibt, die Sonne als Leuchte gesetzt, so hat er auch in der inneren Welt, die sich in unserem Herzen auftut, ein ewiges heiliges Licht entzündet. Und in weiterer Ausführung uncl Ergänzung seiner großartigen Schilderung sagt darum der begeisterte Psalmist: „Die Lehre des Herrn ist vollkommen, erquickt das Gemüt, das Gebot des Herrn lauter, erleuchtet die Augen." Wie sanft und mild funkelt doch in das Dunkel unserer Erdentragik dieses heilige Feuer, das der Herr in dem lebendigen Worte seiner Offenbarung uns gnadenreich hat gespendet! Welch ein Bild taucht jetzt vor meinen Augen auf! Ich sehe eine wundersame Flamme sprühen und lodern, und um diese Glut, die durch kein Wasser der Welt auszulöschen ist, zieht und wallt eine lange Reihe ernster Männer und schwinget die Palmen und rufet: Hossiana! Ist es ein Traiumgebilde, ist es einie Märchenerscheinung? Ja, es ist ein Traumgebilde, das der