Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1924
- Issue
- Heft 25 (20.6.1924)
- Date
- 1924-06-20
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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Seite 4 DIE WAHRHEIT Nr. 25 der Erde diente, vielleicht sogar dienen mußte, bis er sich zur Erkenntnis des Monotheismus durchrang. Auch Birnbaum, großgezogen in den Gedankensphären der Areligiosität, schuf Götzen, die er dann selbst zertrümmerte. Aber die Nachbeter blieben und formen die Götzen wieder. Die Gewalten, die er in seinem Wahrheitsdrang entfesselte, lassen sich nicht mehr bannen. Gewalten, an denen sich die Jungen berauschen. Birnbaum ließ sie am Wege liegen und schritt, mit seiner unfehl- " baren Wünschelrute weit ausholend, vorwärts. Die Quelle war entdeckt Er schlug Wurzel aus diesem Born, sein Stamm wurde, gespeist von der quellenden Frische, knorrig und entfaltete prachtvolle Blüten: Seine Jungen. Es bedurfte erst eines äußern Anlasses, wie es die Abrundung eines Lebensabschnittes. bedeutet, um die gewaltige, geistige Entwicklung nach vorwärts, die Birnbaum durchmachte, dem Bewußtsein der großen jüdischen Oeffentlichkeit so recht klar zu machen. Jetzt erst zeigen sich die tiefen Wirkungen, die er hinterließ. Das Für und Wider prallen aneinander, kreuzen im geistigen Kampf ihre Klingen. Das zeigt eine Erscheinung, die vermerkt zu werden verdient. Die Anbeter der Götzen, die er in seiner Begabung erstehen ließ, dann aber mit seiner haarscharfen Logik zertrümmerte, preisen ihn hoch, als Schöpfer der unterschiedlichen Bewegungen, trotzdem er ihnen untreu wurde. Der große Denker, der in der ersten Reihe der neuzeitlichen jüdischen Geisteshelden seinen verdienten Platz findet, durfte sich von diesem Lob wenig geschmeichelt fühlen. Er will sich sicherlich nur als schöpferische Kraft des Gegenwärtigen, der Probleme, die auf ihn mit Vehemenz einstürmen, und nicht als die des Vergangenen, der Probleme, die gleich Schlacken von ihm fielen, gewertet wissen. Er selbst, der Gefeierte, gesteht mit Bekennermut, daß er seine früheren Lehren und Theorien nicht weiter aufrecht erhalte, sie als Irrlehren erkenne. Aber auch das Lob vieler seiner Verehrer, die durch ihn zum wahren Judentume zurückfanden, dürfte Birnbaum zeigen, daß auch sie ihn nicht ganz richtig in seiner Stellungnahme zu den positiven Gehalten des Judentumes einzuschätzen vermögen. Ein kleines, aber bezeichnendes Beispiel: Viele seine Jünger erklären und künden, daß der Entwicklungsgang Birnbaums ein rückläufiger sei. Wie falsch, wie unjüdisch, ein unverzeihlicher Fehler. Die Entwicklung Birnbaums, von der historischen Perspektive gesehen, ist organisch, kein anormaler Entwicklungsprozeß, wenn auch ein sehr rascher. Und schon gar nicht ein rückläufiger. Birnbaums jetzige Einstellung ergibt folgendes Bild: Ein Hirte fand zu seiner Herde zurück. Tst es nicht ein interessantes und beglaubigtes Zeugnis der inner-jüdischen Kraft, daß die große Masse nicht dem irrenden Führer folgte, sondern geduldig ausharrte, bis er den richtigen Weg fand, der aus dem Dickicht führte. Dem Hirten folgten am Ende seiner Wanderungen, die im Zickzack verliefen, eine Gruppe, die schon längst den Kontakt mit dem überlieferten, historischen Judentume. verloren hatte und in der Wüste herumirrte. Birnbaum nannte sich in den Jahren der Gärung A c h e r. Der Talmud überliefert uns, daß, als Elischa den Abujah der jüdischen Lehre abtrünnig ward, er Acher genannt wurde. Nun, Birnbaum war erst ein Acher. Er fing von rückwärts an. Und nur in diesem Sinne kann von einer rückläufigen Bewegung gesprochen werden. Birnbaum bekennt sich zur Agudah. Aber seine- Bedeutung erstreckt sich auf weitere Kreise, auf diejenigen, die die Sturmunjd Drangperode überwunden oder deren Höhepunkt bereits überschritten. Und die, die sich seiner geistigen Führung anvertrauen, werden es" daher lebhaft begrüßen, daß N. Birnbaum mit einem seiner Jünger, Dr. R. Weiß, die Redaktion der „Menorah", dieser hochkultivierten, unpolitischen Monatsschrift, die in Wien erscheint, übernimmt, um von .dieser Warte aus nochmals seine Stimme zu erheben. Birnbaum erkannte ganz richtig, daß sein Wort ungehört verhallen muß, insolange er aus parteipolitischen Blättern spricht. Das ist der erste Schritt. Wir erwarten aber von ihm einen zweiten, gewichtigeren. Wenn seine Saat volle Früchte tragen soll, muß er sich aller politischen Fesseln entledigen. Auf daß sein Ruf in allen Lagern Anklang finde, in tausendfachem Echo widerhalle. Im Interesse der geheiligten jüdischen Traditionen erwarten wir diesen Schritt. Ein Schritt, der seine Selbstlosigkeit aufs neue bekräftigen und den in Finsternis Wandelnden die ausbrechende Morgenröte künden wird. Das Judentum bei Oswald Spengler. Von Dr. Max Grunwald. (Schluß) Woher diese-Besonderheit? Der Anfang der Bibel und der des Zehngebotes weisen den Weg zur Lös-ung dieses Rätsels. „Und Gott sah, daß seine Schöpfung schön ist." „Ich habe dich aus Aegypten geführt und dir die Freiheit gegeben." Auf dieser Erde kannst du und sollst du dir kr.aft deiner Freiheit dein Glück, bauen. Zwischen zwei Wegen hast du zu wählen. Der eine führt aufwärts zu Leben, Glück und Segen, der andere abwärts zur Knechtschaft, Barbarei und Verderben (Dt. 11, 26; 30, 15, 19). Hier auf Erden blühen deine Freuden. Suche kein Heil über den Wolken (Dt. 30, 11, 14). In deine Hand ist dein Schicksal gelegt. Hier auf Erden zeigt sich dir Gott in seiner Gerechtigkeit und Liebe. Was jenseits liegt, überlasse Gott, dir bleibt es zeitlebens verborgen. Baue nicht auf ein Paradies nach dem Tode, sondern suche es dir und deinen Mitmenschen auf Erden zu schaffen. Die Vertröstung auf ein Jenseits muß dem Rechte den Stachel nehmen, sich in dieser Welt um jeden Preis geltendzu machen. Unerbittlich, wie Logik und Naturordnung,, waltet das Gesetz, daß jede gute Tat Gutes, jede böse Böses erzeugt. Von diesen bösen Folgen rettet nur eines; Rückkehr zum Gesetz (Dt. 30, 10). Jeder haftet nur für seine Tat (Dt. 24, 10). Das Gute ist lehrbar. In dem Gottgedanken ist dem Menschen das Ideal ins Herz gelegt. Auch dieses Ideal ist unveränderlich. Einen Fortschritt gibt es nur, indem, die Menschen nach Gottähnlichkeit trachten dadurch, daß sie ganze Menschen werden, d. h. zum Ganzen »streben. Der einzelne ist nichts ohne den anderen. Sein Wert beruht auf seiner Leistung für die Gesamtheit. Israel, als Träger der Gotteslehre, ist ein heiliges Volk. Während andere Völker Wert darauf legen, daß der einzelne ein sittliches Privatleben führt; in der Politik aber, in der die Moral nach Bedarf ausgeschaltet werden darf, wird in Israel gerade das Volk als solches zur unbedingten Treue gegen das göttliche Gebot verhalten. Nur durch strenge Handhabung dieser Gesetze, die dem sittlichen Handeln Schwungkraft geben und aus dem Volke eine sittlich schöpferische Gemeinschaft machen, wird der einzelne zur Tugend angehalten. Losgelöst von der Gesamtheit, wird er nur auf sein Seelenheil bedacht sein, den anderen seinem Schicksal überlassen. Solidarität mit aller Kreatur ist Voraussetzung des eigenen Glückes. Kein Recht steht so hoch, wie die Pflicht, das des anderen zu achten. Du sollst ihn, auch den Fremden (Lev. 19, 34; Dt. 10, 19), lieben wie dich selbst (Lev. 19, 18). Das Zeichen der Stammesgemeinschaft trägt der Jude unauslöschlich an seinem Leibe. Ihr, die ihm in der Treue gegen sie das Seelenheil sichert, wie sie von ihren Söhnen möglichste leibliche Heil haltung fordert, gehört er vom ersten Atemzuge an. Nur im Zusammenleben mit den Menschenbrüdern, zunächst denen, in deren Mitte ihn Gott durch die Geburt gestellt hat, wird er Mensch. Das ist altisraelitisches Kerngut. Was sich sonst immer in Bibel und Talmud findet, ist Beiwerk. Alle Grübeleien über Unsterblichkeit, die doch in dem Begriffe des Lebens in Gott von selbst gegeben ist, auch wenn nicht von einem Versammeln der Abgeschiedenen zu den Vätern, nicht von der Bestrafung des Uebeltäters an späteren Geschlechtern, nicht von der Rückkehr der Seele zu Gott (Eccl. 12, 7), ausdrücklich die Rede wäre; alle Hinweise auf die Gnade Gottes, die dem Juden den Begriff des Zufalls ersetzt, und so vieles andere tritt zurück hinter diese Forderung der Thora: Lebe im Ganzen! Die Einheit Gottes, deren Bekenntnis das jüdische Credo bildet, das von den Lippen des kaum erwachten Kindes zum Bewußtsein des sterbenden jüdischen Märtyrers kommt, sie verbürgt dem Juden die Erreichung des Zieles alles Lebens auf Erden, das da ist: Einheit der Menschheit im Namen, in der gemeinsamen Anrufung des ewig Einzigen (Zach. 14, 9). Für dieses Ideal hat das jüdische Volk gekämpft und gelitten, in dieser Zuversicht hat es Trost und Mut gefunden. In der Arbeit für die Brüder „in den Sielen sterben" ist beneidenswert. Die Liebe zu Gott, bestätigt in rastlosem Wirken für die Menschen, sie hält uns zufrieden und jung, läßt uns in dem Bewußtsein geübter Menschenpflicht die Liebe Gottes fühlen in Schmerz und Harm. Die Welt ist schön und der Mensch ist gut, solarige in unserem eigenen Herzen Gerechtigkeit und Menschenliebe