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Die Wahrheit · 1924-06-06 · Heft 23 (6.6.1924) · page 8

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1924
Issue
Heft 23 (6.6.1924)
Date
1924-06-06
Page
– (sequence 8)
Language
German
Belongs to
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Seite 6 t)IE WAHRHEIT Nr. 2S Sohn und Bruder dieser beiden Opfer, der Gelehrte und Dichter Micha J o s e i bin G o r i o n, der damals schon seit langen Jahren in Deutschland lebte, hat diese Erschütterung nicht lange überlebt, er starb, 55 Jahre alt. Seine treue Mitarbeiterin, seine Frau, verwaltet und bearbeitet seinen Nachlaß, und wird imstande sein, einige seiner begonnenen Arbeiten zu vollenden. Zu diesen Arbeilen gehört der „Born J u d a s", der in sechs Bänden beim In sei v erlag in Leipzig erschienen ist. Diese w uiidervolle. Sammlung von Märchen, Legenden und Erzählungen aus der jüdischen Wdt aMer' Zeiten und Sprachen setzt allein schon bei ührem ilexatusgeber eine ganz ungeheure Kenntnis, ein Wissen von gewaltigem Umfang voraus. Dies Wissen, diese tiefe Vertrautheit mit dem Stoffe, mit der alten und lebendigen hebräischen Sprache, mit den Strömungen und Tendenzen so vieler jüdischen Bewegungen und Sekten, wurde in bin Gorion ergänzt und belebt durch eine Größe*und Reinheit des Charakters, durch die er auch solchen ehrwürdig wurde, denen Umfang und Sinn seiner vielfältigen Werke und Studien verborgen blieb. Das Fertigwerden dieser sechs Bände sei mit Freude und Dankbarkeit begrüßt. Der Geist des Judentums gehört heute bei uns, die wir die Kunst entlegenster Negerstämme und die Märchen verschollener Völker sammeln und kennen, zu den unbekanntesten Größen.^ Eine kleine Bresche in diese Mauer von Unwissenheit und teils traditioneller, teils böswilliger und polemischer Ablehnung schlug Martin B u b e r mit seinen Veröffentlichungen aus dem Kreis der chassidischmystischen Judentums, neuestens hat auch Max B r o d mit seinem subjektiven und zum Teil dilettantischen aber aufrichtigen und lierzeirswarmen Buch über: „Heidentum, Christentum und Judentum" dazu beigetragen, daß deutsche Gebildete sich dem Judentum als einem geistigen Phänomen wieder zuwandten Der „Born- Judas", aus einer unendlich reichen vielsprachigen Literatur von Jahrhunderten gesammelt, führt uns ohne Umwege mitten in diese Welt hinein, jn das religiöse und geistige Leben des auserwählten und ausgestoßenen Volkes, in sein Suchen und Begehren, in seine Kulte und Sekten, in seine Vorstellungen und Träume. Eine gewaltig reiche, imponierend -vielstimmige und doch einheitliche Welt ist das, und die dumme Durchschnittsvorstellung vom frommen Juden als einen zwar strengen und eifrigen, aber starren und phantasiearmen Wesen fällt auch beim flüchtigsten Lesen rasch dahin. Als Antwort darauf, daß die „Christlichen" ihm Vater und Bruder totgeschlagen haben, hinterließ Micha bin Gorion eines der schönsten Legenden- und Märchenbücher der Welt, in langen liebe- und mühevollen Jahren gesammelt und verdolmetscht. Ans den Antängen des Leopoldstädter Oemeindetempels. Vortrag von Rabb. Dr. Max Grunwald. (Schluß.) Ein Sorgenkind war von allem Anfange an der Chor unseres Tempels! Schon am 27. Oktober 1858 klagt Dr. Jellinek darüber, daß der Unterricht der Chorknaben äußerst mangelhaft sei, daß eine schreckliche Unordnung herrsche, daß mitunter einige Minuten vor Beginn des Gottesdienstes noch kein Chorknabe im Tempel zu sehen sei u. s. w. Am 6. November 1861 beschwert sich der Bethausvorstand bei den Vertretern über den Verfall des Gottesdienstes im Leopoldstädter TempeL und besonders über die Demoralisation des Chorpersonales. Zur Vornahme einer Remedur berief man, wie noch bis heute stets vor ähnlichen Entscheidungen, Sachverständige. Dies waren damals Prof. J. Helmesberger und der Chormeister des Wiener Männergesangsvereines Prof. J. Herbeck sowie Kapellmeister -Esser. Sie empfahlen eine Reorganisation auf folgender Grundlage. Der Chor bleibe auf der Galerie, weil das Einfallen des unsichtbaren Chores in den Sologesang des Kantors einen ergreifenden Eindruck macht, während die Aufstellung des Chores vor der Bundeslade unästhetisch wirkt. Das Dirigieren vor dem Publikum stört die Andacht. Der Chor beherrscht den Mitgesang der Gemeinde besser von. der Galerie aus. Sopran und Alt sind mit 18 Knabenstimmen ausreichend besetzt, während mit Rücksicht auf die Dimensionen des Tempels mindestens acht Bässe und fünf Tenöre mitzuwirken haben, wenn der Chor sich einigermaßen leistungsfähig erhalten soll: Noch einmal, am 8. April 1863, betont dieselbe Kommission sehr energisch die Notwendigkeit eines mögliehst kräftigen Chores, der imstande sei, die Störungen, die durch das Mitsingen der Gemeinde entstehen, zu decken und dieser einen Halt zu geben. Als sehr wichtig bezeichnen die Gutachter die Bestellung eines energischen Chordirigenten, der die Chorknaben musikalisch zu unterrichten und von ihren Fortschritten durch halbjährige Prüfung Rechenschaft abzulegen habe. Aber alles Raten und Zureden half nichts. Der Chor der Leopoldstadt blieb im Argen. Hilfe kam endlich, wie es in der Megilla heißt, von einer anderen Stelle. Im Jahre '1859 hatte sich ein jüdischer Männergesangsverein „Zion" gegründet, der unter der Leitung eines Karl Goldmark stand. Dieser Verein erbot sich beim Gottesdienste in unserem Tempel mitzuwirken. Am 7. Oktober 1863 wurde mit ihm ein entsprechendes Uebereinkommen getröffen und durch fast 7 Jahre unterstützte der Verein unseren Tempelchor in wirksamster Weise. Wie aber so oft durch persönliche Differenzen das Beste in Trümmer geht, so auch hier. Abermals, am 18. Juli 1891, beschwert sich der Bethausvorstand über den Verfall unseres Chores. Abermals werden Gutachten, unter anderen von ' Eduard Kremser, eingeholt, der in seiner Zuschrift an den Vorstand klagt: „Mit tiefer Wehmut gedachte ich der Tage, in denen es mich, den damals noch jungen Kunstbeflissenen, in den Tempel der Seitenstettengasse zog, um mich an den Leistungen des damals hochgerühmten Tempelchores zu begeistern. Sollte denn eine Widerbelebung des alten Ruhmes unmöglich sein? " Mit diesen Worten Kremsers schließe ich meine Ausführungen. „Sollte eine Wiederbelebung des alten Ruhmes unmöglich sein?" Den äußeren Wiederaufbau unseres Tempels haben \v<r zum großen Teil erlebt. Der Verein der Tempelfreunde scheut kein Opfer, um dieses Werk zu fördern. Nicht weniger aber sollte es seine Aufgabe sein, auch die innere, dieygeistige Seite des Wiederaufbaues unseres so schwer heimgesuchten Gotteshauses durchzuführen. Wir haben gehört, welche Hoffnungen auf unser Bethaus jene Männer setzten, die es gegründet haben, daß sie von den spätesten Generationen Achtung erhofften vor der Glut edler, opferfähiger Begeisterung, die sie beseelte. Wir können diese Achtung nicht besser bekunden, als indem wir, als Erben ihres Geistes, alles aufbieten, um den Gottesdienst und das Ansehen unseres Tempels wieder auf jene Höhe empbrzuführen, auf die sie ihn gestellt haben. Ihre grundlegenden Beschlüsse und Bestimmungen sind Worte eines heiligen . Vermächtnisses (Takanath Hakahal), die ihre Geltung und Wirksamkeit niemals verlieren können nocli dürfen. Der verstorbene Kultuspräsident Dr. Alfred Stern be-.. tonte in der Vorstandssitzung am 31. März 1901: „Es muß -in erster Linie Aufgabe des Vorstandes sein, für den Kultus zu sorgen. Wenn zu weiteren Zwecken die Mittel nicht ausreichen, so muß dies seine einzige Aufgabe sein. Durch die Rückständigkeit der Gemeinde in der Einrichtung von Gotteshäusern wird nur dem religiösen Indifferentismus in die Hände gearbeitet." Dr. Stern sprach diese Worte, um für die Einrichtung eines großen Bethauses im I. Bezirk Stimmung zu machen, .einen Plan, den er beharrlich verfolgte. Wenn aber auch diese Worte für den ersten Bezirk bestimmt waren, wir dürfen, ja müssen sie auf den zweiten ausdehnen. Denn was als Aufgabe der Kultusgemeinde für den einen gilt, gilt auch na^h dem, was wir gehört haben, für den anderen. Die erste und wichtigste Aufgabe der Wiener Judenschaft ist und bleibt die "Fürsorge für den Kultus, das heißt in unserem Kreise für unseren Leopoldstädter Tempel. Als erste Pflicht der Kultusgemeinde steht sie darum auch im Gerneindestatut unter den Aufgaben der-Kultusgemeinde an erster Stelle. (§ 3 lautet: Aufgabe der Kultusgemeinde ist, für die Befriedigung der religiösen Bedürfnisse ihrer Mitglieder zu sorgen und die durch diesen Zweck gebotenen Anstalten zu erhalten und zu fördern.) Wohl hat sich in den 66 Jahren seit der Erbauung unseres Tempels vieles geändert, um uns wie* in unserer Mitte. Ein anderes Land, eine andere. Stadt, eine andere Gemeinde. Ein anderer Hintergrund ist es, den unsere Zeit unserem Tempel gibt. Aber so wahr der Tempel noch auf demselben Platze steht, wie einst zur Zeit seiner Gründung, so sicher soll er auch in unserem Herzen den Platz finden und behalten, den ihm unsere Väter in dem ihren eingeräumt haben. Was er verloren hat an Glanz und Geltung, an Gunst und Recht, wir wollen es ihm zurückerobern. Hier gilt, wie selten zutreffend, das Wort des Dichters: „Was du ererbt von deinen Vätern hast, Erwirb es, um es zu besitzen."

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