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Die Wahrheit · 1924-06-06 · Heft 23 (6.6.1924) · page 9

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1924
Issue
Heft 23 (6.6.1924)
Date
1924-06-06
Page
– (sequence 9)
Language
German
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j Das Attentat auf den Bundeskanzler. Das fluchwürdige Attentat, das Sonntag abends auf dem Südbahnhofe auf den Bundeskanzler Dr. S e i p e 1 verübt wurde und dessen schwere Verwundung zur Folge hatte, erregt in allen Kreisen der Bevölkerung die tiefste Entrüstung und die innigste Teilnahme. In dem Augenblicke, wo diese Zeilen geschrieben werden, sind die Motive des Verbrechens noch nicht aufgeklärt. Es scheint, daß man es mit einem Eigenbrödler zu tun hat, der mit sich innerlich zerfallen ist und der in seine beabsichtigte Selbstvernichtung auch den hervorragenden Mann mit hineinreißen wollte, dessen politische Tätigkeit er mit Unrecht für sein Einzelschicksal verantwortlich machte. Man mag Herrn Dr. Seipel in welcher politischen Einstellung immer gegenüberstehen, so hat doch er persönlich durch die unbegrenzte Hingabe an das von ihm unternommene Rettungswerk für Oesterreich sich die aufrichtige Zuneigung und Hochachtung aller anständig denkenden Menschen errungen, und auch seine politischen Gegner sind empört'über diesen Angriff auf die Persönlichkeit eines Mannes, der, von welcher politischen Einstellung immer man auch seine Wirksamkeit beurteilen mag, an Hingebung und Liebe zu Oesterreich und seiner Wiedergeburt von niemandem übertroffen wird. Einmütig ist der Abscheu vor diesem scheußlichen und zwecklosen Verbrechen und einmütig der Ausdruck, der Sympathie und der persönlichen Wertschätzung für den schwer verwundeten Kanzler. Dieser Sympathiekundgebung schließt sich auch die „Union deutschösterreichischer Juden" aus ganzem Herzen und mit dem aufrichtigen Wunsche an, daß die kräftige Natur Dr. Seipels über die schwere Verletzung den Sieg davontragen möge. Wir haben in ihm einen Mann von aufrichtigem und warmem Interesse für alle menschlichen Bestrebungen kennengelernt. Während im Deutschen Reiche der Antisemitismus in wilden Wellen emporschlägt und die staatsbürgerliche Stellung der deutschen Juden in der gefährlichsten Weise bedroht erscheint, hat Dr. Seipel die staatsbürgerlichen Rechte der österreichischen •Juden und ihre verfassungsmäßige Stellung gemäß seinen übernommenen Verpflichtungen mit starker Hand geschützt und ihnen jene Gerechtigkeit widerfahren lassen, die. aus seinem tiefsten Bekenntnisse zur christlichen Nächstenliebe fließt. In wiederholten Aussprachen mit dem Bundeskanzler haben wir nicht nur seine Wertschätzung all dessen, was Menschenantlitz trägt, sondern auch seine Gesetzestreue und seine Hingebung an die mit seinem Amte verbundenen Pflichten kennen zu lernen Gelegenheit gehabt Dieser Mann hat seine festumrissene Weltanschauung, er ist kein Heuchler und Lügner, und die Pflichten, die er übernommen hat, führt er bis an das letzte Aufgebot seiner Kräfte durch. Die treue Wien IX.. n Berggasse 4 P«st«p«r$ta« *e!t-&o?48 | ff£» MM *> Te1au*wm Kr. JW^ff Erfüllung übernommener Pflichten fließt bei ihm aus einer wahren Frömmigkeit des Herzens und aus warmer Liebe für alles, was Menschenantlitz trägt. Im Namen der „Union deutschösterreichischer Juden" geben wir unserer tiefsten Betrübnis über das Unglück Ausdruck, welches in Dr. Seipel ganz Oesterreich betroffen hat, und wünschen aufrichtig, daß das kostbare Leben des Bundeskanzlers erhalten bleibe zum Wohle des Volkes und zum Heile des Staates, den er mit voller Hingabe seine reichen Kräfte gewidmet hat. Das deutsche Chaos. Der neue deutsche Reichstag hat unter unbeschreiblichen Tumuliten1, die zunächst von den Kommunisten verursacht wurden, seine ersten Sitzungen abgehalten* nachdem einen Tag vor seiner Eröffnung das Ministerium Marx demissioniert hat. In diesen ersten Sitzungen zeigte es sich deutlich, daß das deutsche Volik in dem Augenblicke, in welchem Frankreich durch den Wahlsieg der Radikalen und die bereits feststehende Ernennung Herriots zum Ministerpräsidenten, seine versöhnende Hand ausstreckte, das deutsche Volk mit Verleugnung aller freiheitlichen U eher lieferungen sich für die Herrschaft der Revanche und der'preußischen Großschnauze entschieden hat. Zum Präsidenten des Reichstages ist tiucht der Sozialdemokrat Lc-ebef sondern der deutschnationiale Revanchepolitiker W a 11raf gewählt worden. Schon heute läßt sich die Situation so weit überblicken, daß mau ein gewaltiges Anwachsen der Revanchepolitik konstatieren kann. Die Exponenten dieser Politik, die Deutsehinationalen, sind die stärkste Partei. Sie wenden noch übertriiimpft durch die Nationalsozialisten unter der Führung L.udend o rf f s -und! ein Großteil (der 'deutschen Volkspartei hat sich diesem Block angeschlossen. Wohl hat der Reichspräsident den bisherigen Reichskanzler Dr. Marx neuerdings mit der Kabinettsbildung betraut, es ist aber angesichts der Schwenkung der deutschen' Volkspartei nach rechts kaum abzusehen, wie unter solchen Umständen ein tragfähiges Kabinett gebildet wnerden könnte. Sowohl die Deutschnatiomalen, als auch die Anhänger des Hakenkreuzes 'haben den Antisemitismus zum Trumpf gemacht. Gleich in der ersten Sitzung hat Herr Luideudorff eine Reihe von Anträgen eingebracht, welche einen „Stoß ins Herz" gegen die Republik bedeuten. Er hat die Aufhebung des Gesetzes zum Schutze der Republik, die Aufhebung der AusnahimeverordiniUHig gegen staatsfeindliche Vergehen im Reiche und in Bayern, die Anklage wegen Hoch- und Landesverrates gegen alle Personen, die an der Vorher eiiiirng des Umsturzes von 1918 bewaren, ferner die Ausweisung aller seit Werbet Abonnenten Nr „Die Wahrheit"!

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