Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1924
- Issue
- Heft 23 (6.6.1924)
- Date
- 1924-06-06
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/3062972-3064071-3064093--12850-3080323- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
NT. 23 DIE WAHRHEIT Seite 5 ,,ein Volk von Heiligen"!). Priestertum im jüdischen Sinne heißt heilig, keusch sein. Ahrons Großvater wie sein Enkel greifen zur Waffe gegen Verletzung der Keuschheit in Familie und Stamm, die hasmonäischen Priester zur Reinigung der Vätererde vom Kult der lesbischen Göttin, der Erde, die ausspeit das Volk, das sie durch Unzucht befleckt. Keuschheit ist, nach D ö 11 i n g e r, das im Gesetz ausgeprägte Judentum. Wo in aller Welt ist eine zweite Literatur keusch wie die jüdische? Gegenüber dem Irrlichterieren anderer Kulturen, die ohne Erotik des stärksten Anreizes und wichtigsten Hebels entraten würden, soll das Prophetenwort Israels das Licht der Völker sein, sie aus dem sexuellen Sumpf herauszuführen (Jesaja 49, 6). Wer je einem jüdischen Feste beigewohnt und den dort herrschenden Ton mit der Fröhlichkeit anderer Kreise vergleicht, wird begreifen, in welchem Sinne „das Volk von Heiligen" „die Leitung der Welt" erstrebt, und daß die Vergiftung der Öffentlichen Meinung, so weit sie Juden zur Last gelegt werden darf, nur von traurig Entarteten, Ausnahmen, nach denen man doch sonst nicht ein Volksganzes zu be- und verurteilen pflegt, verschuldet wird, die*, um die öffentliche Gunst buhlend, ihr das ^bieten, was sie selbst fordert. Imperialismus, Herrschsucht, Gloire-Rausch — dem Juden bleiben sie unverständlich. Nur einen Ruhm, nur einen Ehrgeiz kennt er. „Nicht rühme sich der Weise seiner Weisheit, nicht rühme sich der Starke seiner Stärke und nicht der Reiche seines Reichtums, sondern nur dessen rühme sich, wer sich rühmen mag: einzusehen und zu erkennen, daß ich, der Ewige, Liebe, Recht und Gerechtigkeit übe auf Erden und daran allein Wohlgefallen habe, ist der Spruch des Ewigen." (Jerem. 9, 23). Dieser Ruhm, Gott zu erkennen im Walten und Ueben von Gerechtigkeit und Liebe, er ist der einzige, der nicht verstößt gegen den Grundzug des jüdischen Wesens in Reinkultur: Gerechtigkeit und — Bescheidenheit. (Zephanja 2, 3; Micha 6, 8). Hier liegt das, was man als „Mission" des Judentums bezeichnen darf. Es beinhaltet Zweck und Berechtigung seines Daseins und damit seine Daseins- und Selbsterhaltungspflicht. „Gerechtigkeit ist Gottesdienst", das war. die Erkenntnis Abrahams, der nicht zum „Herrn", sondern zum „Vater" von Völkern, zum „Segen" für die Geschichte der Erde sich berufen fühlte. Mit dem ersten und wichtigsten Gruudgebot der jüdischen Gemeinschaft, mit dem. Sabbath trat der soziale Gedanke in die Welt ein! (Vergl. meine Mon. Märchen, S. 29.) Er hebt den Unterschied auf zwischen Herrn und Knecht, zwischen einheimisch und fremd. Vor Gott gibt es keine soziale oder nationale Abstufung. Der Gott, der dem Menschen den Sabbath gegeben, will keine Knechte (Deut. 5, 15). Er, der Himmel und Erde und den Sabbath eingesetzt für alle Kreatur (Exod. 20, 10), verlangt gleiches Recht für den Fremden wie den Stammesbruder. Gottes allein ist das Recht (Deut. 1, 17), sein der Boden des Landes, auf dem selbst der Einheimische nur als Fremdling und Gast gilt (Lev. 25, 23). Es gibt kein unbeschränktes Eigentumsrecht an diesem Boden (und Schutz des Eigentums steht immer hinter Schutz der Person (Dt. 24, 13!). In jedem fünfzigsten Jahre seit der ursprünglichen Bodenverteilung fällt -der Grundbesitz wieder an die Familie zurück, die ihn anfangs erhalten. Aber selbst die Jahresernte gehört dem Besitzer nicht ausschließlich. Von den ständigen Abgaben, vor allem als Armensteuer, abgesehen, bleibt, was der Boden in jedem siebenten Jahre trägt, dem Besitzlosen vorbehalten. Dies waren nicht sittliche Forderungen. Das war Staatsgesetz. Hiermit war nicht nur dem sozialen Frieden im eigenen Land ein fester Grund gelegt. Aus diesem Gesetze spricht eine, solche Weisheit und in einem so begründeten und geleiteten Gemeinwesen sollte ein so wirksames Vorbild sich darbieten, daß andere Völker ganz von selbst dazu gelangen mußten, es nachzuahmen (Dt. 4, 6.) (Fortsetzung folgt.) Hermann tfesse über die Juden. Von Oskar H i r s c h f e 1 & Man kennt den Schweizer Hermann Hes^e als echten' Dichter uiifd als einten Schriftsteller, der' über djeutsches BMungsstreben ■ feihgesehlifiene Werke von retiichem Gehalt geschaffen hat. Manersieht aus diesen Werken seinen tiefgründigen, umfassendein Geist, sein hohes Streben und' die Klarheit seines dichterischen Vorstellungsvermögens. Umso schwerer muß* daher die Tatsache ins Gewicht fallen, daß dieser geistige Führer sich heute, in einer Zeit des rüdesten Antisemitismus, veranlaßt sieht, offen für das Juhentutn einzutreten. Hesse erklärt in diesem beachtenswerten Bekenntnis: Es gibt zwei Wege, das Problem (des Judentums) anzugreifen; den Weg des Hasses und der Dummheit, und deades Geistes. Man kann die Juden, wie es die Herren vom Hakenkreuz predigen, mit Feuer und Schwert, mit Verachtung, Haß im d P ogrom bekämpfen und damit sich s eil b s t erniecfr igen und das Problem verwirren und erschweren — oder man kann versuchen, d e n J ud e n z u verstehen und zu verdauen, i n d e m man ihm gerec h t wir d:, i> n dem man ihn als Menschen sieht, seine Herkunft kennen lernt, seine Mentalität, seine Seele erforscht. Und s i e h e, d a nn ist er ein Bru der von uns. ." In einer Zeil also, wo die „Herren, vom Hakenkreuz" den Juden den Vorwurf machen, daß ihr nächstes Ziel in Europa mindestens die „Versklavung" der Deutschen ist, verlangt ein geistiger Führer dieser Deutschen von seinem Volke, diaß es sich bemühen möge, die Seele des Juden zu ergründen. Hesse reiht sich dadurch würdig jenen bedeutendien Männern an, die diese Forderung wiederholt erhoben haben, darunter namhafte Schriftsteller, es sei nur Gerhart Hauptmann, der Verehrer R a th e n a u s, erwähnt, ein Großteil der Gebildeten und viele katholische und protestantische Geistliche. Man; wird versuchen, als Erklärungsgrund! dieses Verhaltens die ausgedehnte Tätigkeit jüdischer Schriftsteller und Redlner anzuführen. Dieser Grund ist aber hinfällig, denn das Bestreben, dem Juden mit Verständnis zu begegnen und zu versuchen, in ihm den Bruder zu erkennen, war schon zu. einer Zeit vorhanden, als es noch keine „verjudeten" Zeitungen gab, ja d*ie Juden in Rechtlosigkeit lebten. Fühlte sich doch schon G. E. Lessing, dessen Geistesschärfe unid Gewissenhaftigkeit unübertrefflich waren, im „Nathan" gedrängt, die Gleichwertigkeit des jüdischen Glaubens mit dem der Christen zu verkünden. Fällt also dieser Erklärungsgrund weg,.so wird der Antisemit versuchen, sich eine Erscheinung wie die Hermann Hesses als Judenfreund damit zu erklären, daß er sagt: der Dichter ist ein Schwärmer, ein weltfremder Bücherwurm, ein Fachsimpler mit Scheuklappen, der keine Zeitungen liest oder nur „Judehblätter" und darum nicht begreift, was um ihn her vorgeht. Hesse hat aber durch seine Werke bewiesen, daß er das Leben kennt und nicht scheut. Nein, Hermann Hesse, das hochgeachtete1 Urbild des föinerzogenen, edelgesinnten Deutschen, ist von jenem echten deutschen Idealismus beseelt, der stets •den höchsten Menschheitszielien zugewendet war unid hoffentlich auch bleiben wird. Von ihm erfüllt, schrieb er über Micha Josef bin Gorions poetisches Werk „Der Born Judas" folgendes: Im Jahre 1920 wurde bei einem der vielen scheußlichen Pogrome in der Ukraine ein fast achtzigjähriger, ehrwürdiger, jüdischer Rabbi samt einem seiner Söhne totgeschlagen, Der