Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1924
- Issue
- Heft 22 (30.5.1924)
- Date
- 1924-05-30
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 22 DiiE WAH&rtBtT __Seite S jüdische Soldaten verliehenen Tapferkeitsmedaillen, die Belobungen ihrer Vorgesetzten, leider auch die vielen Beileidsschreiben derselben zum Tode der tapfer gefallenen, mit dem Ehrenkreuz ausgezeichneten jüdischen Kämpfer. Ich hörte und las auch von jüdischen Militärärzten, von ihrer aufopfernden Tätigkeit, von ihrer Energie und Opferwilligkeit, oft das eigene Leben daranzusetzen, um ein fremdes Menschenleben zu retten, um der Familie den einzigen Sohn, oft auch den Ernährer zu erhalten. Diese Philantropen haben nicht gefragt, ob es sich um einen Gemeinen oder Offizier, um einen Katholiken, Protestanten oder Juden handelte, es galt, einen Menschen am Leben zu erhalten und einem grausamen Sterben auf dem öden Schlachtfelde zu entreißen. Wenn Deutschland noch das Land der Dichter und Denker wäre, hätte ein Heldengesäng gleich dem Lied vom braven Manne diese Taten verewigt, der Krieg hat jedoch alles verroht. Nach dem dreißigjährigen Kriege entstanden die Hexenspiegel und die Hexenprozesse (was sollte man mit den Auswürfen der Soldateska anderes beginnen, . als sie mit Foltern und Strangulieren beschäftigen) jetzt werden die jungen Rohlinge als Hakenkreuzler eingereiht, zum Bruderkrieg abgerichtet! Ludendorff ist ihr Schirmherr und Stinnes war ihr Prophet — die Losung ist: Raus die Juden! (Schluß folgt.) Aas den Anfängen des Leopoldstadter (xemeindetempels. Vortrag von Rabb. Dr. Max Grunwald. (Fortsetzung.) Die Bauarbeiten; am Tempel waren so weit .gediehen, daß am 18. Mai: -1858 (5, SLvan 5816) um 9 Uhr vormittags die Sohlußsteiwlegung erfolgen konnte. Den Schlußstein hatte Doktor Ludwig August FrankJ, damals Sekretär der Gemeinde, von seiner Patlästitnareiise im Jahre 1856 aus Jerusalem vom Berge Zion 'mitgebracht. Die Längsseiten dieses Steines zeigen in erhabener Goldsohrift dile Psaknverse 50, 2 „Von Zion aus. der Schönheit Inbegriff, — strahlt Gott einher", und 102, 15 „Deine Knechte lieben jeden Stein 'davon" (von Zion). Der Deckel trägt in erhabener Vergoldung den Schild Davids und vier Weintrauben. In den Stein gelegt wunden das Statut und das Mitglieder Verzeichnis dier Gemeinde, sowie 'ein Exemplar der Schrift „Zur "Gesohichte der Juden) in Wien" von L. A. Frankl. Nach Absingung des Psalms 118, 16 „Ich danke Dir, o Gott, daß Du mich erhörtest und meine Rettung warst", den Salomon Sulzer vertont hatte, hielt Dr. Jellinek die Festrede. Er erinnerte daran, daß an .diesem Tage Mose einst in der arabischen Wüste 12 Denksteine für die 12 Stämme Israels er- richtest habe und daß jetzt Nachkommen jenes Volkes, das selbst als ein ehrwürdiges Denkmal unverwittert und unerschüttert sich erhalten, den Schlußstein zu eitnem Baue lege, in dein dii)e Lehre Moses verkündet wenden soll. Zwischen dem Herkunfts- und dem Bestimmungsorte dieses Steines, — welche Jahrhunderte der Not und der Schmach! Darum und aus manchen anderen Gründen verdiene dieser Stein den Namen! Eben haeser („Stein der Hülfe", 1, Samuel 7, 12). Dr. Frankl verlas sodann die Gründungsurkunde und Professor Förster bot eine Skizze der Baugeschichte. Hierauf wurde unter Absingung von Psalm 118, 17: „Der Stein', den die Bauleute verschmähten, ist zum Eckstein geworden" der Schlußstein eingesenkt. Nach dem üblichen Hammerischlägen sprach Dr. Jellinek den Segen über das Haus und seine Gründer. Unter den geladenen Gästen bejanden sich der Bürgermeister Ritter von Seiller, einige Hofräte und Ritter, sowie ein Sektionsrat, ferner der Prior der Barmherzigen Brüder u. a. Die Einweihung des Tempels fand Dienstag, den 15. Juli (3 Tammus 5618) statt. Sie begann'- um %6 Uhr abends (damit, daß Rabbiner Horowitz das ewige Licht anzündete. Unter Vorantritt von Fackelträgern wurden sodann von Rabbinern und Vorstehern die Thorarollen zur Bundeslade getragen. Der Synägogenchor wurde von einem Orchester (Blasinstrumente, vier Harfen, zwei Schofarbläsera) begleitet. Die Weifaerede hielt Dr. Jellinek über 'dien Text Psalm 100, 4 „Ziehet ein in seine Pforten mit Daink usw." Nunmehr wurde unter Gesang die Bundeslade geöffnet und mit Thorarollen ein Umzug gelitten. Hierauf sprach Mannheimer ein Weihegebet. Er konnte v/ie der Patriarch Jakob von sich sagen: „Mit meiniem Stabe &in ich (über den Jordan) ausgezogen und nun bin ich zwei Lagern geworden," Nach Vortrag weiterer Kompositionen wurde zum Schlüsse 'die von Rabbiner Horowitz iros Hebräische übertragene Volkshymne gesungen. Ais Gäste woren unter anderem erschienen: Der Finanz - mimister Baron Bruck, Handelsininister Ritter von Toggenburg, Statthalter Baron Emminger, Bürgermeister Ritter von Seifliler, Polizeicfirektor von Czapka, der Abt der Mechitaristen, der Superintendent der evangelischen Gemeinde Kons.-Rat Dr. Paner, sowie zahlreiche Mitglieder der Ministerien, der Universität und dier Akademie der Wissenschaften. Der religiösen Feier, die gegen 8 Uhr endete, folgte eine weltliche beim „Sperl", bei der Johann Strauß die Tafelmusik dirigierte. Sogleich bei der ersten Benützung des Tempels war ein Uebelistarad hervorgetreten, unter dem unser Tempel biis zum heutigen Tage leidet. Es ist die mangelhafte Akustik. Während Förster in Budapest im Tempel der Tabakgasse im diesem wichtigen Punkte vollauf befriedigt hatte, war in unserem Tempel, ein Mißerfolg zu verzeichnen. Man berief eine fachmännische Kommission ein. Ihr Gutachten vom 17. Juli 1858 lautete dahin, die Kanzel müsse möglichst gehoben und an ihrer Rückseilte zur Reflexion des Schales mit einer festen Wand versehen werden. Wäre dies aus irgend! welchen Rücksichten nicht zulässig, so müßte säe an einer der zwei Ecken an den1 Seiten der Bundeslade und den Umgangspunkten der ersten Gallerie, gleichfalls mit der erwähnten Rückwand angebracht werden. Bisher ilst diese Frage nicht befriedigend gelöst worden. In Verbindung mit der Kanzelfrage wurde eine andere Angelegenheit, die Inneneinrichtung des Tempels betreffend behandelt, und zwar die Frage der Gitter an den Frauengalerien. Sie wurden auf Antrag eines der Vertreter gefordert, weil sie 1. althergebracht sind, 2. weil ihr Fehlen den Konservativen anstößig erscheinen kann und 3. weil ihr Vorhandensein in dem im orientalischen Stil gebauten Bethaus durchaus bedingt ist. In der Bethaussektion wurde mit Zuziehung der beiden Rabbiner und, da gleichzeitig das Programm für die Schlußsteinlegung zur Beratung stand, auch des Architekten Förster und des Baumeisters Halmschläger hierüber beraten. Jellinek war gegen die Gitter, da sie nicht orts- und zeitgemäß seien. Mannheimer hingegen erinnerte daran, daß, als man die Gitter im Stadttempel abschaffen wollte, von vielen Seiten sich dagegen ein Widerspruch erhoben habe. Im neuen Tempel seien sie um so notwendiger, weil ein Grüßen der Frauen von einer Galerie zur anderen und ein Hinaufsehen der Männer störend wirken müsse. Die Weglassung des Gitters würde auch bei vielen Anstoß erregen, was gerade im gegebenen Momente aus gemeindepolitischen Gründen vermieden werden sollte. Zum Schlüsse meinte Mannheimer, Prof. Förster habe vom architektonischen Standpunkte aus zu entscheiden. Förster entschied sich durchaus für die Gitter. Sie gehörten zum Stil und würden eine vorzügliche Zierde bilden. Er habe sie ursprünglich beantragt, sei aber auf Widerspruch gestoßen. Auch empfehle sich diese Vorkehrung, um Vorbeugen von Frauen und Herabfallen von Gegenständen möglichst zu vermeiden. Die Anbringung der Gitter wurde beschlossen, Förster führte auch ein Modell aus Holz vor. Trotzdem unterblieb damals die Ausführung des Beschlusses, u. a. mit der Begründung, die Kosten stellten sich zu hoch. Die heiligen Geräte wurden zum großen Teil in natura gespendet, der Rest" aus gesammelten Geldmitteln angeschafft. Moritz Köhigswarter, der die Leitung dieser Aktion übernommen hatte, erzielte einen glänzenden Erfolg. Gespendet wurden: in Barem: 3659 FI. 77 Gegenstände aus Silber, 11 Gegenstände aus Metall und Holz, 6 Vorhänge für die Bundeslade, 4 Kanzeldecken. 8 Schulchandecken, 1 Trauhimmel, 31 Thoramäntel, und vor allem 8 Sifre Thora. Es wurde wie beim Heiligtüme unseres Volkes über den Bedarf hinaus gespendet. (Schluß folgt.)