Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1924
- Issue
- Heft 22 (30.5.1924)
- Date
- 1924-05-30
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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Seite 4 DIE WAHRHEIT Nr. 22 alten Judentum fehlt jede Spur davon, erst im Zeitalter des Exils und besonders der Diadochen zieht die iranische Ideenwelt dort ein, um dann mit Christentum und Islam ihren Siegeslauf um den Erdball zu vollenden." Diese Scheidung Beckers zwischen dem „alten" und dem späteren Judentum wirkt wie eine Warnungstafel. „Das" Judentum so ohne Vorbehalt als einheitliches Gebilde zu behandeln, ist theoretisch eine ebenso verhängnisvolle Fehlerquelle, wie wenn man praktisch die Juden alle ohne Unterschied über einen Kamm schert. Daß das Judentum in seiner Entwicklung, wie so viele andere fremde Zutaten, auch manches aus der „magischen" Kulturwelt sich amalgamiert hat, liegt auf der Hand. Aber, wie der Jordan auf seinem Laufe durch den Genezareth-See sichtbar seine Strömung bewahrt, so hat der Kern des „alten" Judentums auch in seinen.mannigfachen Hüllen sich artgetreu erhalten. Nur, daß bei oberflächlicher Betrachtung der Blick an der Hülle haften bleibt und darum das Wesen leicht verkennt. Doch schon bei flüchtiger Betrachtung der Gesamterscheinung des Judentums kann man die mythisch-mystische Richtung, die zum Christentum und später zum Chassidismus führte, leicht von zwei anderen Elementen unterscheiden, die parallel laufen": das sozialethische und das religiös-nationale, die beide nicht in das magische Geschichtsbild passen. (Fortsetzung folgt.) Dr.WaltherRiehls GlückuodEnde. (Erinnerungen an deutschböhmisehe National- Heroen.) Von Sigmund Schönau. JLL Gerecht und objektiv urteilende Historiographen, die es sich zur Aufgabe machen werden, die Geschichte Böhmens im Zeitalter Kaiser Franz Josefs zu schreiben, dürften sicherlich meiner Ansicht beipflichten, daß die Aktion jener Männer, die auszogen, um „im Interesse des Deutschtums" die in den vereinigten Ländern Böhmen, Mähren und Schlesien seßhafte deutsche Bevölkerung „vom Joche des Liberalismus" zu befreien, alles eher als eine segensreiche bezeichnet zu werden verdient. Dieser Liberalismus erwachte in den österreichischen Ländern im Jahre 1848. Die Sonne der Freiheit strahlte in den Maitagen dieses Jahres über ein Volk, das seine Sklavenketten abgeschüttelt hatte. Doch nur wenige Monde währte der Freudenrausch, bald war die Herrlichkeit zu Ende, tiefste Finsternis herrschte wieder in Oesterreichs Landen, der Krummstab und Säbel waren die Herren der Situation, und das Naderertum blühte wieder auf. Aber in der Bevölkerung Wiens und Prags gärte das Verlangen nach Befreiung aus diesem unwürdigen Joche. Zwei Kriege mußten verloren, zwei Provinzen, die Lombardei (1859) und Venetien (1866) dem Reiche entrissen werden, ehe das absolute System ins Wanken geriet und erst als Bismarck 1871 dem preußischen König eine Kaiserkrone errang, wofür ihn dessen Enkel Wilhelm den Titel eines „Handlangers" verlieh* da erglänzten endlich wieder sonnige Feiheitsstrahlen in den Habsr burgischen Landen. Nachdem ich in diesem meinen Aufsatze die Absicht habe, außer dem frevelhaften Trachten Dr. Riehls, die Roheit bei der Jugend und seinen Konnationalen zu fördern, die schließlich auch, zum Bruderkampf führen mußte, die ähnlichen Bestrebungen seiner Vorgänger in der damaligen Volks- und Völkischen Partei zu illustrieren, welche unter derselben Flagge den Judenhaß propagierten, den Zwist zwischen Tschechen und Deutschen verschärften, den Landfrieden unermeßlich schädigten, daher es sich nachsagen lassen müssen, zum Zusammenbruch der Monarchie mit beigetragen zu haben, so sah ich mich bemüssigt, hier kurz wieder aufs Tapet zu bringen, wie lange es währte, ehe ein liberaler Geist innerhalb der österreichischen Monarchie zur Geltung kommen konnte. Ich will bei dieser Gelegenheit in Erinnerung bringen, wieviel tausende jüdischer Soldaten für dieses Ziel ihr Leben zum Opfer brachten, ebenso wie sie auf den französischen Kampfgebieten 1870 für Deutschlands Ehre den Tod gefunden haben. Trotzdem war es bei Beginn der antisemitischen Bewegung bei den Verehrern der „Schande des Jahrhunderts" Usus, den Juden unter anderem auch den Vorwurf der Feigheit zu machen. Und dieser Vorwurf wird auch heute noch erhoben, heute nach diesem uns von Kaiser Wilhelm, dem Mann der schimmernden Wehr, beschiedenen, vier volle Jahre Mitteleuropa bedrückenden Krieg, der die Hälfte der Bevölkerung zu Proletariern gemacht hat, der Tausende zu Krüppeln werden ließ und Abertausende um ihre Existenz brachte. Unzählige jüdische Väter, Mütter, Schwestern sowie Frauen betrauern tiefbedrückt den Sohn, Bruder oder Gatten, der draußen im Westen, Süden oder Osten im Grabe modert. Die glücklich Heimgekehrten ziert zumeist ein, oft mehrere Kriegsverdienstzeichen und trotzdem wird unentwegt von den lügnerischen Antisemiten unseren tapferen jüdischen Helden die Drückebergerei zum Vorwurf gemacht, wo doch jedem genau bekannt ist, daß die meisten hohen Tapferkeitsauszeichnungen an Res er v e Offiziere, bei denen das jüdische Bekenntnis einen großen Prozentsatz bildete, verliehen wurden. Ich vernahm das selbst von den betreffenden Kriegern, die heil aus den Kämpfen sich retten konnten; und eine Zornesröte erfaßte mich stets, wenn ich erfuhr, inN welch hämischer Weise die von der Schwerindustrie besoldeten Hetzblättern über den feigen Juden sich ihr Maul zerrissen. Schon als kleiner Junge hatte ich Gelegenheit, mir über die Tapferkeit der Juden ein Urteil zu bilden und darüber nachzudenken; da stand1 am jetzt schon längst geschlossenen neuen Judenfriedhof in Wolschan als Ehrengrab ein schönes Monument mit militärischen Emblemen, das des Majors Brisker. Ebenso war es stets mein Stolz, Prag besuchenden, uns befreundeten Gästen im Ghetto die Alt-Neu- Schul (älteste Synagoge in Europa) zu zeigen und sie auf die schöne, mit goldenen hebräischen Lettern gezierte Fahne zu verweisen, dieKaiserFerdinand den Juden für ihre Verteidigung Prags gegen die Schweden verlieh. Später freute es mich stets beim Gottesdienst den rückwärtigen Teil des Tempels am Sabbath und Feiertagen mit Soldaten besetzt zu finden, zunächst Chargen vom Gefreiten bis zum Feldwebel, ein Beweis, daß diese meine Glaubensgenossen ihren Heeresdienst ganz tüchtig versahen. Das waren jüdische Soldaten, die zum achtjährigen Militärfrondienst (der Stockmeister war damals ein Charge und Spießrutenlaufen keine Seltenheit) befohlen, ich sah später die Jungen, die in Bosnien und der Krivoscie sich tapfer geschlagen undschließlich unsere jüngsten Vaterlandsverteidiger. Was die geleistet, konnte vom September 1914 an jeder Leser der Dr.. Bloch'schen Wochenschrift erfahren, beweisen außerdem die an