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Die Wahrheit · 1924-05-30 · Heft 22 (30.5.1924) · page 8

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1924
Issue
Heft 22 (30.5.1924)
Date
1924-05-30
Page
– (sequence 8)
Language
German
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Veröffent Öer Union deutschösterf eicttlseher Juden i . . -•••"3an.--- '?r"i^•2:'..--ä~ -:?Tj;':-• i-. _ i %r . _ Wien HC Krieg im Frieden gegen die Juden.' ist die Weit durch die Friedensverträge von Versailles, St. Germain und Trianon nicht auf das Beste geordnet worden? Sind wir nicht im Besitze eines Völkerbundes, welcher über Recht und Ordnung in Europa wacht und auch den Minoritäten der einzelnen Staaten die ihnen gebührende menschenwürdige Stellung zuweist? Es ist alles auf das herrlichste geregelt und selbst die Juden haben die Möglichkeit einer staatlichen Wiedergeburt in ihrem alten Erez Jisroel erlängt. Es ist alles auf das Beste geordnet, nur'mit dem kleinen Mangel, daß ab und zu der alte Haß, die alten Feindseligkeiten und die alten Leidenschaften wieder hervorbrechen und die Welt in neue Unruhen stürzen. Das alte Rumänien hat seinen eingeborenen Juden die Bürgerrechte verweigert. Seit es durch Siebenbürgen, die Bukowina und das Temeser Banat vergrößert worden ist, hat es die feierliche Verpflichtung übernommen, nicht nur den neu hinzugewachseneu Juden die von ihnen schon vorher ausgeübten Bürgerrechte zu gewährleisten, sondern auch seinen eigenen Juden die vollen staatsbürgerlichen Rechte zu gewähren. Es ging ein Aufatmen durch die Welt, als der rumänische Großstaat sich verpflichtete, seiner jüdischen Bevölkerung die volle Gleichberechtigung zu gewähren und sich so in die Reihe der europäischen Staaten einzuordnen. Aber es zeigt sich nun, daß die Friedensverträge ein leeres Blatt Papier bleiben, wenn die Völker, die sie geschlossen haben, nicht mit dem Herzen bei den übernommenen Verpflichtungen sind. Die letzten Tage brachten Meldungen, daß in Siebenbürgen, in Temesvär und auch in Budapest wilde und blutige Judenexzesse stattgefunden haben. Am 15. Mai fand in der siebenbürgischen Ortschaft Bläsendorf eine Feier des Jahrestages des rumänischen Nationalkonvents statt, zu welcher in Vertretung der rumänischen Regierung auch die Minister Constantinescu und Lepadatu eingetroffen waren. Die Feier selbst verlief ohne Ruhestörung, doch nach der Feier überfielen jugendliche rumänische Faschisten den Klausenburger Personenzug und zerrten aus dem Zuge alle jüdischen Passagiere heraus, die sie mit Bleiknütteln schwer mißhandelten. Ein jüdischer Passagier erhielt einen Messerstich in die Kehle und blieb sofort tot. Die Faschisten besetzten den Zug und warfen während der Fahrt unablässig jüdische Passagiere auf das Geleise. Die beiden Minister, die ebenfalls im Zuge mitfuhren, erhoben gegen die Ausschreitungen keine Einwendung. Auch die Bahngendarmerie verhielt sich passiv. Die blutige Arbeit im Zuge dauerte von Blasendorf bis Klaotsenburg fort und forderte zwei Todesopfer. In Klausenburg stiegen die rumänischen Faszisten aus und stürzten sich auf die Passanten am Promenadeplatz. Auch hier verprügelten sie die Juden und warfen zwei Personen in den Teich der Parkanlagen. Aelmliche Szenen TeMtoit Rr.f »mm*—Wum'l iiPCTSiK£tweCTraAaii«»ic«B»«CT»iiM»<aaa«MtaplB«aBdM ereigneten sich in Temesvär, während in Budapest *die den „Erwachenden Magyaren" ungehörigen Studenten die Juden mit dem Rufe verprügeln wollten, daß sie jüdische Leichen brauchten. Nur mit Mühe gelang es dem Professor, der eben seine Vorlesung abhielt, die jüdischen Studenten durch sein eigenes Zimmer in Sicherheit zu bringen. So sieht der Völkerfriede aus, der durch die Verträge von Saint Germain, Trianon und Versailles abgeschlossen wurde, so sieht die durch Staatsgrundgesetze und Friedensschlüsse gewährleistete Gleichberechtigung der jüdischen Bevölkerung aus. Der Völkerbund wird im Juni zu seiner ordentlichen Tagung zusammentreten, wir wollen abwarten, wie die hier erzählten Vorgänge, wie die Vertragstreue Rumäniens und Ungarns sich bei dieser Tagung spiegeln werden. Man sollte glauben, daß die Vorgänge in Siebenbürgen, im Banat und in der ungarischen Hauptstadt eine allgemeine europäische Angelegenheit sind, weiche den Völkerbund in intensivstem Maße beschäftigen müßte. Wir werden sehen, wer stärker ist, Herr J o r g a in Rumänien und die „Erwachenden Magyaren" in Budapest, oder der gepriesene Völkerbund. Das charakeristische Merkmal der Vorgänge in Rumänien ist nicht die Roheit der studentischen Faszisten, sondern die absolute Passivität der beiden Minister, in deren Gegenwart sich faiese kulturschänderischen und blutigen Szenen ereigneten. Angesichts dieser unerhörten Vorgänge müßte ein einziger Aufschrei des im Völkerbünde vereinigten Europa erfolgen und der Völkerbund müßte alle ihm zur Verfügung stehenden, leider sehr schwächlichen Mittel in Anwendung bringen, um die rumänische und ungarische Regierung für diese unerhörten Ereignisse zur Verantwortung zu ziehen. Wenn solche Dinge sich ungestraft ereignen können, dann ist der ganze Völkerbund einen Pfifferling wert. Das ist die eine Seite dieser schmachvollen Vorgänge; die andere Seite liegt bei uns selber. Vor wenigen Tagen hat in Wien unter dem Vorsitze des Oberrabbiners Dr. Chajes die erste Versammlung der neugeschaffenen jüdischen Völkerbundliga stattgefunden. Sie begnügte sich mit einem sehr akademischen Vortrage des Präsidenten der österreichischen Völkerbundläga, Herrn Dr. D u m b a, gelehrt über den Schutz der nationalen und' religiösen Minderheiten, über die Sanierung Oesterreichs, über die allgemeine Abrüstung und über die Notwendigkeit, einer Revision der Friedensverträge sprach. Die-Vorgänge in Siebenbürgen und im Banat und die Roheiten in Budapest wurden weder von dem Vortragenden, noch von den nachfolgenden Rednern erwähnt. Man muß sich die Frage stellen, welche Aufgaben denn eine solche jüdische Völkerbundliga zu erfüllen habe^ wenn derartige Vorgänge, wie-sie sich unter der stillschweigenden Assistenz von Mitgliedern der Regierung in dem neuen- Ru-

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