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Die Wahrheit · 1924-05-30 · Heft 22 (30.5.1924) · page 5

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1924
Issue
Heft 22 (30.5.1924)
Date
1924-05-30
Page
– (sequence 5)
Language
German
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Nr. 22 DIE WAHRHEIT hauiptungeii nachweisen, was ihnen kaum gelingen wird, oder ehrlich sagen: wir haben gefehlt und wir wollen-in-Zukunft besser sein; wir werden unsere materiellen Verpflichtungen erfüllen; oder schließlich : sie mögen,, aufhören, sich „z i o n is t i s c IV z un e n n e n . . . Ein anderes gibt es für ehrliche Menschen nicht. Das versichere ich: dieser Kampf \vi r d n i c h t f r ü h e r b e e n d i g t s e i n, a l s e r n i c h t entschieden "ist. Schon heute kann ich sagen, daß der größte Teil der jüdischen Oeffcntlichkeit auf meiner Seite steht. Das gibt mir Mut und Kraft. Das Judentum bei Oswald Spengler. Von Dr. Max Grunwald. (Fortsetzung) Spenglers Denken „alttestamentarisch". Auf Schritt und Tritt stoßen wir in der Durchmusterung der Urteile Spenglers über das Judentum auf schiefe Auffassungen, die zumeist auf einen Grundfehler seiner Geschichtsbetrachtung zurückzuführen sind: alles geschichtliche Leben muß sich die Einzwängung in das Prokrustesbett seines Schemas gefallen lassen. Das rächt sich mitunter, indem ihm mit gleicher Münze gezahlt wird. Wie Schäfer einen „deutschen" Gott verkündet, so will Spengler als „deutscher" Philosoph den Kosmopolitismus als „Literatur4' ins alte Eisen der Geschichtsphilosophie geworfen wissen. Als Nationalist stellt er sich neben Ludendorff. Vor hundert Jahren hat Fichte, auch nach einem schweren Zusammenbruche, seines Volkes, gleichfalls als bewußt deutscher Philosoph an seine Nation Worte gerichtet, die sich nicht minder deutlich gegen ein Weltbürgertum richten, wie es damals im Geiste des Zeitalters der Aufklärung ein Kant, ein Herder, ein Lessing, ein Schiller als erstrebenswertes Ideal, als Ziel einer einheitlichen Entwicklung der „Menschheit" vorgezeiclmet hatten. Unter dem Eindrucke der t-riversalistischen Usurpationssucht Napoleons lehrte Fichte, das. Wesen der Menschheit stelle sich nur in der Mannigfaltigkeit der besonderen Nationen dar. Aehnlich also, wie Schäfer erinnert, daß der Weg des einzelnen zur Menschheit nur durch die Nation geht. Der kräftigste Patriot ist, nach Fichte, eben darum zugleich der regsamste Weltbürger. Durch ihre tapfere Selbstermannung würden die Deutschen nicht bloß sich selbst, sondern auch der Welt die wahre Freiheit erringen. Deutsch ist ihm aber auch der Glaube an einen Fortschritt. „Was an Geistigkeit und Freiheit dieser Geistigkeit glaubt und die ewige Fortbildung dieser Geistigkeit durch Freiheit will, das, wo es geboren sei und welche Sprache es rede, ist unseres Geschlechts, es gehört uns an und wird sich zu uns tun. Was an Stillstand, Rückgang und Zirkeltanz glaubt oder gar eine tote Natur an das Ruder der Weltregierung setzt, dieses, wo es auch geboren sei und welche Sprache es rede, ist undeutsch und fremd für uns, und es ist zu wünschen, daß es. je eher je lieber sich gänzlich von uns abtrenne." Neben diese Charakteristik des wahren deutschen Wesens, das doch im Sinne Spenglers durchaus als „faustisch" bezeichnet werden muß und in einem Schiller, einem Beethoven, einem Bismarck eindrucksvoll in die Erscheinung getreten ist, halte man seine Worte (Preuß. Jahrb. 1921, S. 73 ff.): .„Menschheit ist für mich eine zoologische Größe. Ich sehe keinen Fortschritt, kein Ziel, keinen Weg der Menschheit, außer in den Köpfen abendländischer. Fortschrittsphilistcr. Ich sehe nicht einmal einen Geist, noch viel weniger eine Einheit des Strebens, Fühlens und Verstehens in dieser bloßen Bevölkerungsmasse." Verscherzt er hiernach, an dem bisher geltenden Maßstab gemessen, das Recht, seine Philosophie als' „deutsch" zu bezeichnen, so muß er, der den Anspruch auf „faustischen" Charakter erhebt, es sich überdies gefallen lassen, daß man (wie Becker in der Zeitschrift der D. Morgenl. Ges. 77, S. 270) sein Buch in den „magischen" Kulturkreis einreiht, in den Spengler selbst das Judentum verwaist. Und noch weiter geht Heyer (Goctheanum 3, S. 174), der Spenglers Denken als •alttestame n tarisch anspricht. Indem nämlich Spengler (II, 447) das „Einzelgeschlecht als die kleinste, das Volk als die größte Einheit im Strom des Weltgeschehens" kennt, leugnet er als solche Einheit sowohl das Einzelich wie die Menschheit und geht damit, nach Heyer. in die „vorchristliche" Zeit zurück. Diese Markierung ist zwar unhaltbar: -denn deutlicher und bestimmter als im alten Testament (vgl. Gen. 1. 27; 2, 17, Ezechiel 18, 4. 20 u. s.) katin die Gottesebenbildlichkeit und Willensfreiheit des Menschen, die Selbstverantwortlichkeit des Einzelichs sowie der bis dahin unbekannte Begriff einer „Menschheit" als Kern und Stern der Schöpfungsgeschichte und ebenso Ziel der historischen Entwicklung (JeCaja 11 u. s.) kaum festgestellt werden. Und wenn man schon nicht die Bibel zur Hand nimmt, so sollte doch jedem Protestanten wenigstens das; augsburgische Bekenntnis geläufig sein, das die Hoffnung auf ein Reich der allgemeinen Glückseligkeit, Gleichheit und Freiheit als „iudaicas opiniones" verdammt (Art. XVII.). Lehrreich aber ist die Etikettierung Spenglers als „alttestamentarisch", weil sie zeigt.wohin man. gerät, wenn man. ohne aus primären Quellen zu schöpfen und weitläufigen Schlagworten folgend, selbstherrlich mit kulturgeschichtlichen Begriffen operiert. Was versteht Spengler unter „magischer Kultur"? Seit dem Mittelalter hat die Weise. Geschichte zu betrachten und zu schreiben, mehrfach gewechselt. Im Vordergründe stund bald der kirchlich-universale Gedanke, bald der Humanismus: auf ein theologisches Zeitalter folgte ein politisch-juristisches. Je nach dem Bedürfnisse der Zeit überwog das soziale, das ethische oder das geographische Moment (Näheres bei Lindner, Geschichtsphilosophie 163 ff.). Compte und nach ihm L a m p r e c h t wandten die kulturhistorische Methode an. Wie jedes Volk eine ..typische" Entwicklung habe, so seien auch jedem Kulturzeitalter Typen eigen, durch die es sich bestimmt von anderen unterscheidet. Nach dem Vorbilde Lamprechts konstatiert Spengler ein bestimmtes L c b e n s g e f ü h I — „Gefühl ist alles" — einer Epoche, das auf allen Lebensgebieten einheitlich zum Ausdruck komme. Vom Gefühl geleitet, unterscheidet er acht große Kulturkreise, in denen allen derselbe typische Ablauf der Geschichte zu beobachten sei. An drei Hauptkulturen lassen sich wahrnehmen: a) die antike oder appollinisch-dionysischc, U) die abendländische oder faustische (von etwa 1000 an) und c) die magische oder arabische (oricntalisch-spätantik-frühchristlich-islamitische. als geschlossene Einheit vor etwa 300 ante bis 1000 post). Diese drei Kulturen sind auch zu kennzeichnen durch die Worte: statisch-dynamisch-magisch. Der magischen Seele ist die Welt eine begrenzte Höhle, darin bestimmend das Oben und das Unten. Himmel und Erde. Gut und Böse, Gott und Satan werden zu realen Mächten. „Dieser magische Dualismus unterscheidet sich scharf von dem antiken Dualismus zwischen Stoff und Form und Darstellung bei Becker a. a. o.). „Der faustische Mensch hat ein Ich als eine autonome, auf sich selbst verwiesene Macht, der apollinische steht als Körper unter vielen gleichartigen Einheiten: der magische Mensch ist mit seinem geistigen Sein nur Bestandteil eines pneumatischen Wir. das von oben sich herabsenkend in allen Zugehörigen ein und dasselbe ist." ..Dem pneumatischen Wir der Gemeinschaft entspricht der individuelle Erlösungsgedanke, die Erlösungsgewißheit." ..Der Heilsabsicht Gottes entspricht die Hcilsgeschichtc der Menschheit. Dem Menschen bleibt nur willenlose Ergebung iibrrg." „Der antike Mensch sah nur sich, seine Geschicke als ruhende Nähe. Er fragte nicht nach Woher und Wohin. Universalhistorie war ihm ein unmöglicher Begriff." Das faustische Geschichtsbild zeigt statt der statischen Auffassung der Antike eine gespannte Entwicklung auf ein Ziei. Daher der Fortschrittsgedanke. „Der magische Mensch endlich sieht Geschichte als großes Weltdrama zwischen Schöpfung und Untergang, es ist ein Ringen zwischen Geist und Seele, Gut und Böse, Gott und Teufel, eine strengbegrenzte Aktion mit einer einmaligen Katastrophe als Höhepunkt, der Erscheinung des Erlösers." Becker lehnt bei aller Anerkennung Spenglers — „der ganze Wurf ist ein Kunstwerk ersten Ranges" — auf Grund eingehender Kritik sein Schema ab. Abgesehen davon, daß das Lebensgefühl wissenschaftlich nicht zu erfassen ist, finden wir in einem und demselben Kulturkreise alle drei Typen nebeneinander vertreten. Die Bezeichnung „arabisch" für; „magische" Kultur ist zu verwerfen, die letztere zutreffend. „Der Dualismus des Mazdaismus und noch mehr der mit ihm parallel laufenden Sektenreligionen mit Himmel und Hölle, Engeln und Teufeln hat sich von Iran aus die ganze Welt Vorderasiens und Europas und die islamische Welt erobert. Im

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