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Die Wahrheit · 1924-05-23 · Heft 21 (23.5.1924) · page 7

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1924
Issue
Heft 21 (23.5.1924)
Date
1924-05-23
Page
– (sequence 7)
Language
German
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Nf.2l . DlC WAHRHEIT Saite S dabei von dem Unterton' wärmsten Gefühls getragene Rede gehört zu haben. Für den Verein „Wohlfahrt", den der Jubilar leitet, sprach Herr Vizeobmann David Qoldmann. Seine im Augenblick gewählten und mit jugendlicher Verve vorgetragenen Worte wirkten durch ihre Unmittelbarkeit um so mächtiger. Nun schloß sich der treue, langjährige Mitarbeiter Doktor Grunwalds, die verkörperte Herzlichkeit und Güte, Herr Bezirksrat S. W e i n e r, im Auftrage der Sektion IX des Vereines „Wohlfahrt" mit einer Beteuerung von Gefolgschaftstreue an, die alle Zuhörer aufs tiefste bewegte. Aus ihm sprach die seelenvolle Freude an den Erfolgen, die das „Sanierungskomitee" und die „Wohlfahrt" für die Erhaltung notleidender Iiistii'tuite des jüdischen Wien und zahlloser bedrohter Existenzen zu verzeichnen hat. Herr Postamtsdirektor K o 1 m i n, der Obmann des „jüdischen Elternbundes", würdigte die Tätigkeit des Jubilars als Protektor seines Vereines. Seine eindrucksvollen Worte waren geeignet, auf die hohe Bedeutung des Elternbundes hinzuweisen, zumal seime Bemühungen auf 'das Wohl und! die Zukunft der jüdischen Schuljugend im zweiten Bezirke zielen. Stürmisch begrüßt erhob sich sodann Herr Professor Nasche. Der unverwüstliche Humorist, der Wortführer der öffentlichen Meinung der Leopoldstadt, der volkstümliche Repräsentant des jüdischen „Volkes von Wien", ließ einen Sprühregen von Witzraketen über die Versammlung ergehen, die durch ihre zwerchfellerschütternde Komik alles zu Tränen rührten. Den Präsidenten der Kultusgemietode feierbe er als ein Unikum, indem er trotz seiner doppelten Eigenschaft als Rasch hakohol und Arzt einen Rabbiner — leben lasse. Weitere Ansprachen waren vorgesehen auch von Frau Direktor Reg. Ulimann und Frau Doz. Sofie Grünfeld, die mit Rücksicht auf die vorgeschrittene Zeit unterblieben; In Erwiderung aller dieser Huldigungen sprach Herr Dr. G r u n w a 1 d launige Worte des Dankes, in denen sich der familiäre Charakter des Festes bezeichnend wiederspiegelte. Er bat die Versammlung, seinem Hause diese rührende Freundschaft zu erhalten. Das Hebräische weist für die Begriffe Freund und Feind die Worte auhew und aujew auf. Der Unterschied ist ein minimaler. Fällt der kleine Strich des hebräischen He weg, so bleibt der Haken des Jud zurück. Die Erfahrung lehre, wie leicht sich dieser Wandel, vollziehen kann. Anknüpfend an das Wort Heines von „Liebe, Freundschaft, Stein der Weisen" sprach Redner den Wunsch aus, den Stein der Weisen, den Frieden in der Gemeinde, zu finden. Für ihn den Grund zu legen, Thauroh, Awaudo und Gemillus chassodim zu fördern, sei und bleibe sein Bestreben, in dem er an seiner Lebensgefährtin die wirksamste Unter- " Stützung finde. Der folgende Beifall der Versammlung zeigte, daß der Jubilar ihr aus. dem Herzen gesprochen hatte. Nun folgten künstlerisch vollendete Gesangsvorträge der Herren Oberkantoren Müller. AI*er, Marg.ulies und P o s t o 1 o w. Mit dem eindrucksvoll durch den Ersten Kantor des Leopoldstädter Tempels Herrn Leo Funke vorgetragenen Tischgebetes schloß die Feier, die allen Teilnehmern unver- geßlich bleiben wird Daß in ©ilner Großgemeinidte mit so disparaten Elementen ein solcher Gemeinsinn, eine solche Einmütigkeit in Verehrung eines Rabbinerpaares sich kundgeben könne, wurde mit Staunen und Genugtuung als ein Zeichen konstatiert, das für die Zukunft der Gemeinde von glückverheißender Bedeutung sei. Aus den Anfängen des Leopoldstädter Gremeindetempels. Vortrag von Rabb. Dr. Max Grunwald. (Fortsetzung.) Es liefen 29 Gesuche ein. Auf Vorschlag eines hierzu eingesetzten Komitees, dem unter anderen Mannheimer und Josef Ritter von Wertheimer angehörten, wurden 7- Kandidaten zur . Abhaltung von Probevorträgen berufen. Sie haben fast sämtlich später einen solchen Ruf, zum Teil auch so angesehene Stellungen erlangt, daß es ihrem Andenken keinen Abbruch .tut, wenn wir sie nennen. Es waren Joel (Breslau), Meisel! (Stettin), später Budapest; Sänger; Landsberger, Adler (Kassel), Kahn (Mainz), Fürst (Endigen) und Jellinek (Leipzig). Erwähnenswert scheint, daß auch unser unvergeßlicher Di. Schmiedl, damals Rabbiner in Prossnitz, auf das Rabbinat in unserem Tempel reflektierte, das er aber erst vier Jahr- - zehnte später, am 1. April 1894, als 73jähriger Greis erlangte. Wie bekannt, fiel die Wahl auf Dr. Jellinek. Gegen seine Kandidatur waren in der Gemeinde Stimmen laut geworden. Man machte geltend, daß sein Bruder 1848 sich als Revolutionär hervorgetan habe und die Behörde darum an Jellineks Berufung Anstoß nehmen werde. Biedermann, der Hauptvertreter der Opposition, erklärte schriftlich, er habe über Jellineks religiöse Richtung und seinen Charakter soviel /Nachteiliges erfahren, daß er für den Fall der Wahl dieses Kandidaten sein Amt als Vertreter niederlegen werde. Er tat es auch in der Folge, änderte aber später sein Urteil über Jellinek und trat wieder in das Vorstandskollegium ein. Dr. Jellinek selbst entkräftete die politischen* Bedenken durch die Mitteilung, daß der Statthalter von Mähren vor einiger Zeit seiner Freude Ausdruck verliehen habe, als es hieß, daß Jellinek nach Brünn berufen werden sollte. Der österreichische Generalkonsul in Leipzig verkehre in seinem (Jellineks) Hause, und nach zuverlässigen Informationen würde der Minister des Innern seine Anstellung gutheißen. Schließlich glaube er (Jellinek), nicht der Anschauung begegnen zu müssen, daß der revolutionäre Geist in seiner Familie erblich sei. Er wurde mit 12 von 15 Stimmen gewählt. Mannheimer hatte ihm tapfer die Stange gehalten. In der am 9. November 1856 mit Hinzuziehung des Bethausvorstandes abgehaltenen Vertretersitzung wurde nochmals die Parität beider Bethäuser zum leitenden Prinzip erhoben. Als Ausfluß dieses Grundsatzes der Koordinierung wurde weiters beschlossen, daß die Stellung der Rabbiner an beiden Tempeln die gleiche sein und in der Abhaltung der Predigten in beiden Bethäusern ein Turnus stattfinden solle. Später wurde diese Bestimmung durch den Beschluß ergänzt, daß eine Partei der Leopoldstadt, wenn sie eine Trauung im Bethaus der Innnern Stadt anmelde, dort die doppelte Taxe zu entrichten habe. Zur Wahrung dieser Parität und um ihr auch in der Verwaltung einen sichtbaren Ausdruck zu verleihen, wurdebestimmt, daß, so wie die Rabbiner, auch der Bet hausvorstand für beide Tempel ein gemeinsamer sein solle. Der Bethausvorstand wurde für eine Funktionsdauer von 3 Jahren vom Kultusvorstande ernannt. Diese Bestimmung gilt auch nach dem noch heute in Kraft stehenden Statut der israelitischen Kultusgemeinde, dessen § 88 lautet: „Der Kultus vorstand bestellt für die Gemeinde-Bethäuser Bethausvorstände. Ihre Bestellung erfolgt nach Anhörung von Vertrauensmännern, welche der Kultusvorstand aus der Mitte der ständigen Besucher der betreffenden Bethäuser beruft. Die Bestellung der Bethausvorstände oder ihrer einzelnen Mitglieder kann von Kultusvorständen jederzeit widerrufen werden." Der Bethausvorstand sollte aus 15 bis 30 Mitglieder bestehen, die, wie die Rabbiner, turnusweise in beiden Tempeln zu. amtieren hätten. Im April 1857 schritt man an dte Bestellung eiines Kantors für unseren Tempel. Sialomon Sulzer bemühte sich um die Berufung seines Sohnes Julius, der damals in gleicher Stellung in Frankfurt am Main wirkte. Da jedoch gewichtige Gründe dagegen sprachen, beschloß man, den in Fünfhausi amtierenden Moritz Friedawarm, provisorisch als zweiten Kantor nach der Leopoldstadit zu berufen und für die Oberkantorstelle einen Konkurs auszuschreiben. Nur, falls sich kein passender Bewerber finden würde, wäre Julius* SuJzer, mit Fniedmantra koordiniert, anzustellen. Daraufhin reichte Salomon Sulzer um seine Versetzuns in deni Ruhestand ein. Dies bewirkte, daß sein- Söhn alis Kantor bestellt wurde. Da aber der Inzwischen mach Budapest berufene Friedmann auf die hfiesige Steile verzichtete, wählte man statt seiner am 7. März 1858 Josef Goldstern, der drei Jahre lang in Neusatz (Ungarn) als Kantor tätig gewesen war, provisorisch auf zwei Jahre zum Kantor der LeopoJdstadt. Am 8. April desselben Jahres wurde vom Bethausvorstande beschlossen, die seit 1829 im Stadttempel eingeführtie Einrichtung der Teanpelkommissäre auch auf die Leopoldstadt auszudehnen. Diese Tempelkomauissäre hatten die Aufgabe, im Ehrenaante zur Unterstützung dies Bethausvorstandes die Ordnung während des Gottesdienstes aufrecht zu erhalten, bei Trauungen und anderen Anlässen im Gotteshause Spenden für gemeinnützige Zwecke entgegenzunehmen u. dgl. mehr; es sollten! ihrer 12 ernannt werden, davon stets mindestens 4 beim Gotesdiiemst oder anderen Veranstaltungen im Tempel zugegen seito. Diese Eimüchtuag geriet im Laufe der Jahre in Verfall, Imj Jahre 1892 versuchte Wilhelm Ritter von Gutmann als Kultuspräsident dieses Kommissariat wieder aufleben zu lassen ,doch ohne Erfolg. (Fortsetzung folgt)

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