Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1924
- Issue
- Heft 21 (23.5.1924)
- Date
- 1924-05-23
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Sei te 4 DIE WAHRHEIT Nr. 21 so weit gekräftigt, insbesondere als Jude, daß eine für das jüdische Volk so wertvolle Kraft ihrem Wirken wiedergegeben .seä, und endlich 'dem Allgütigen, daß er die 25 Jahre, die er nicht wie Rabbi Akiba fern von seiner Gattin, sondern mit ihr verenint verlebt, mit Glück und Frieden gesegnet habe. Nun folgte in Josef Nagels Restauration dlas Festbankett, für dessen Veranstaltung das Festkomitee, besonders die Herren Redakteur L. H i r s c h t e 1 d und Oskar T o n e 11 o Außerordentliches geleistet hatten. Ueberwältigend war das Bild der Festtafel. Zahlreiche Anmeldungen konnten keine Berücksichtigung erfahren. 127 Gäste füllten den Saal bis auf das letzte Plätzchen. Aus allen Augen leuchtete Dr. Grunwald. und seiner Gemahlin eine Freundschaft entgegen, die echt und unverbrüchlich ist. Es war eine Heerschauseiner Getreuen. Nicht einer darunter, der ihm nichf ganz ergeben wäre. Mancher hatte eine auswärtige Kur unterbrochen, mancher eine dringende Reise aufgeschoben, mancher war vom Krankenlager aufgestanden, um dieser Feier beizuwohnen. Viele, die fern bleiben mußten, hatten Glückwunschtelegramme gesandt, von deren Verlesung aus Mangel an Zeit Abstand genommen werden mußte. Herr Kommerzialrat A. L andesberger eröffnete die Reihe tier Tischreden. Er, der als unentwegter Freund des Jubelpaares von allem Anfange an für den Wiederaufbau des Leopoldstädter Tempels persönliche Opfer gebracht hat, wie sie in der ganzen Geschichte des Wiener Judentums einzig und unvergleichlich dastehen, konnte in Erinnerung an die gemeinsame Arbeit wie keiner sonst aus dem Vollen schöpfen. Der Herr Präsident der Kultusgemeinde, Professor Dr. Pick, toastete, oft von stürmischen Beifall unterbrochen, auf das Jubelpaar mit dem abschließenden Wunsche, es möge der Jubilarin diie alte Leistungsfähigkeit und -freutfigkeit wie-- eingegeben sein und sie sich nicht mehr unter dem „Vorwande einer Erkrankung" von Wien entfernen. Man freute sich beim Anhören dieser von echter Güte und Liebenswürdigkeit diktierten Worte, einen solchen Edelmenschen an der Spitze der Gemeinde waltend zu wissen. Herr Rabbiner Dr. Rosenmann sprach für den Rabbinerverband in formvollendeter 2und begeisternder Rede von den Verdiensten Dr. Grunwalds als Mann der Wissenschaft wie als Mann der Rede und der Tat. Er betrachtete die Ehrung, die dem Jubelpaar zuteil werde, auch als Ehrung für den Rabbinerstand. Die Gemeinde, die den Rabbiner ehrt und so zu ehren allen Grund hat, müsse blühen und gedeihen. Wir wurden durch dfese mit nicht enden wollendem Beifall aufgenommenen Worten an die Tatsache erinnert, daß der Jubilar im Vereine mit Dr. Rosenmann den Rabbinerverband gegründet und in den schwersten Zeiten so geleitet hat, daß ein angesehenes Mitglied dieses Verbandes einem unserer Redakteure gelegentlich eingestand, daß ohne Dr. Grunwald manche Kollegen ohne Kleidung, Nahrung und Bettgewand dagestanden' hätten, und daß die Leitung des Verbandes der Angestellten der Kultusgemeinde durch Dr. Grunwald dieser Vereinigung in den kritischesten Zeiten unberechenbare Vorteile gebracht hätte. Der Präsident des Bethausvorstandesj Herr Anton Beck, der mit seiner Gemahlin erschienen war, wünschte dem Jubelpaar den Segen, den wir im Tischgebete vom Himmel erflehen, in Ehren und unbekümmert um der Menschen Gunst oder Ungunst ihr Haus und Amt bis im diie fernsten Zeiten unter Gottes Schutz und Beistand weiterzuführen. ~ HerF Baurat Wilhelm Kempler hob im Namen des Vertreterkollegiums der Kultusgemeinde hervor, daß 'in der Ehrung dieses Rabbiners die Gemeinde sich selber ehre. Kein Ehepaar sitze so im Glashause, lebe so beständig von den Augen der Oeffentlichkeit begleitet, wie ein Rabbiner und seine Gattin." Und wenn die Gemeinde im Rabbinerhaus ein solches Muster finde, dann könne er nur die Gemeinde beglückwünschen, da doch, wie es heiße, jede Gemeinde den Rabbiner hat. den sie verdient. Der Vizepräsident des BethausverStandes, iHerr Doktor Elias Münz, betonte die seelsojgerischen Verdienste des Jubelpaares. Wie Herr Dr. Rosenmann gedachte er der Vorbilder, die es in deir eigenen Familie finde, und wünschte er ihm Freude an Kindern und Kindeskindern. ' In Vertretung der Bezirksvorstehung des zweiten Wiener Gemeindebezirkes sowie als Obmann des Vereines „Montefiore" richtete Herr Bezirksrat Edmund H 0 f f m a n n Worte der Anerkennung und auch des persönlichen Dankes an die Gefeierten. Die Schlichtheit und Innigkeit seiner Ausführungen übten den tiefsten Eindruck aus. < Sprachlose Bewunderung löste die meisterhafte Rede aus, in der Frau Direktor Mandel als Vizepräsidentin des Frauen verein es die Leistungen insbesondere der Jubilarin feierte. Um so jubelnder war der Applaus, der ihren Worten folgte. Viele erklärten, noch nie aus Frauenmund eine solch würdige,, auf höchstem Niveau stehende, streng sachliche und _ trotz seiner grandiosen Pracht und Schönheit, daß es sich nicht in dem reinlichen Kleide einer deutschen Großstadt zeiligt; eine Empfindung, die sich bei mir verstärkt hatte, als ich da das gewiß schöne Paris auf meinem Rückwege von London aus sah, welches, vom Reinilichkeitsstandpunkt aus beurteilt, den deutschen Ursprung der angelsächsischen Rasse bezeugt Interessant sind besonders für den Oesterreicher dm Freiburg, die vielen Erinnerungszeichen an das alte Oesterreich. Man sieht Gebäude, noch mit dem Doppeladler geschmückt, mit österreichischen Wappenschildern verziert. Gegenüber dem alten Münster "ein Gebäude, im welchem diie) unglückliche österreichische Prinzessin Marie Antoniette auf ihrer Brautfahrt nach Paris Aufenthalt genommen und nicht weit davon dias goldverzierte Gebäude, in welchem Kaiser Max sein Domizil hatte. Das alte Oesterreich lebt jetzt nur noch in seimein Denkmälern der Vergangenheit als historische Seltsamkeit — es ist der gewaltigste Umsturz, den der Weltkrieg gebracht — die österreichische Monarchie mit ihrer uralten Geschichte — eine geschichtliche Reminiszenz! Das jüdische Leben in Freiburg ist eine Idylle — etwas Zionismus, etwas, ganz wenig orthodox, von östlichen Elementen eingeführt, und über das Ganze der Schleier des Badenser Kirchenratswesens, das die einstige liberale — eigentlich „neue" — Richtung repräsentiert, wie man in Deutschland die neologe reformistische zu bezeichnen beliebt. Baden-Baden; über die Schönheit, »geradezu Herdiichkeit dieses Kurortes etwas zu sagen, hieße eigentlich Eulen nach Athen tragen, ist es ia ein Treffpunkt von tausenden Urlaubern und als Perle des Schwarzwaldes umverglelchlich. Es ist ein Weltkurort par excellence, als Baäener bei Wien möchte ich sagen ein doppeltes Baden. Was aber das jüdische Leben betrifft, welches miclii doch in erster Reihe interessiert, ist es weit, weit vorwunserem Wiener Baden zurück. Das ganze jüdische -Leben besteht eigentlich nur darin, daß es eine Synagoge besitzt und eitn jüdisches Restaurant, das einwandfrei orthodox verläßlich ist. Aber Leben, sogenanntes Ki'lleleben, ist nicht'1 vorhanden, geschweige ein jüdisches' Lehrhaus, ja wie man mir sagte, gibt es auch gegenwärtig nicht einmal einen Religionsunterricht. Und die Elemente wären doch da, aus denen sich ein jüdisches Gemeimdeleben entwickeln könnte. Ueberall trifft man auf jüdische Typen unter den zahlreichen Kurgästen; aber'es fet keine Hand da, die sie zusammenfassen würde. Ein Kurort wate Baden-Baden hat nur einen Kantor- Rabbiner, der gelegentlich selbst alles versieht; das Rabbinat ist, nach der Badenser Kirchenratsverfassung; in dem nahen Bühl. ' < Aber 'die Synagoge ist ein prachtvoller, glänzender Bau" und kostbar ausgestattet, ähnlich dem türkischen Tempel in Wien. Eine Leistung ist. dieser Bau, der noch aus der Kr^egsaeit stammt, in Marmor ausgeführt und wie mir der Beamte sagte, ist die große Summe, die erforderlich war, von? Spenden aufgebracht worden. Wieviel Großes und Schönes könnte geleistet werden, wenn da eine schöpferiische; Hand eingriffe! Das Einzige, was erfreulich ist, besteht, wie bereite vorhin erwähnt, in dem Restaurant, in welchem ich logierte, wo der Gast, seihst wenn er an Kost und Logis die höchsten1 Ansprüche stellte, befriedigt sein kann Es ist daher auch am Platze, den Besitzer des jüdischen Hotels besonders zu erwähnen; es ist Herr Köhler, der sich bemüht, den „Tannhäuser" —- so der Name dies Hauses — auf der Höhe zu erhalten. Nach seiner Darstellung ist auch die Führung seines Etablissements nicht so leicht, da er bei der Versorgung des einwandfrei koschern Fleisches großen Schwierigkeiten begegnet, für -edirte ganze Woche an einem Tage sich vorsehen muß, und das hängt eben wieder mit der Schechita-Frage im Orte zusammen, worüber sich hier auszulassen, nicht am Platze ist. „ Baden-Baden, du doppelt schönes Baden, wie weit bist du für den jüdischen Menschen vom einfachen Wiener-Baden zurück!