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Die Wahrheit · 1924-05-23 · Heft 21 (23.5.1924) · page 8

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1924
Issue
Heft 21 (23.5.1924)
Date
1924-05-23
Page
– (sequence 8)
Language
German
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iUk Veröffentlichungen der m „Union deutschösterreichischer Juden" Wien IX. Berggasse 4 PotttparfcaMea» K*a*» Kr« Telephon Kr.!*»t»W KcMtMnMmmm öötzeudämmerung. Kann ein Volk dauernd seine eigene Seele verleugnen? Kann ein Volk, das der Welt die „Erklärung der Menschenrechte" gegeben und den Kultus der reinen Vernunft proklamiert hat, sich-dauernd dem wildesten Menschenhasse ergeben und 4en Götzen des Rassen- und Nationalhasses anbeten? Die Wahlen in den französischen Nationalrat geben Antwort auf diese Fragen. Das französische Volk hat sich selbst wiedergefunden. Herz und Geist des Volkes sind nicht verkörpert in dem aus Lothringen stammenden P o i n c a r e, nicht in dem „Tiger4' C1 e m e n c a u, der aus der kelto-normanischen Vendee stammt, sondern in der Bevölkerung des sonnigen Mittel- und Südfrankreich, in der Provence, in Burgund und in den Hautes-Pyrenees, als deren Repräsentanten H e r r i o.t und B r i a n d gelten dürfen. Der große französische Historiker Taine hat nachgewiesen, daß die jakobinische Schreckensherrschaft im Jahre 1793 den Franzosen nur von einem kleinen Häuflein brutaler Terroristen aufgezwungen worden ist, daß aber das wahre Frankreich und das wahre französische Wesen von jener großen girondislischen Partei repräsentiert wurde, die im Jahre 1789 die Grundsätze der Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit für alle Welt proklamiert hatte. Was sich jetzt in Frankreich vollzögen hat, bedeutet vielleicht den umgekehrten Weg. Die Schreckensherrschaft der Nationalisten aus dem Norden und' Osten ist gebrochen worden durch den Friedens- und Freibeitswunsch der Bevölkerung im Süden und Westen. Die langue d'oe weicht der langue d'oil, in welcher die Minstrais dichteten und welche durch die Freiheitsbegeisterung der großen französischen Revolution rauschte. Herr Poincare ist abgetan. An seinen Namen wird sich für alle Zeiten der Begriff des wildesten V-öikerhasses und der Verewigung eines Krieges knüpfen, der die Menschheit in ein heute noch schier unfaßbares Unglück gestürzt hat. Aus dem Blutmeere dieses Krieges erhob sich der zähnefletschende Götze des Nationalismus, der die ganze Erde überschattete. Zu ihm beteten die Menschen in aller Welt, ihm opferten sie die Errungenschaften aller Gesittung und Kultur und auf sein grausames Geheiß verbissen sie sich in einem scheinbar ewigen Kampfe, zu scheinbar ewigem Hasse, der noch jüngst bei den deutschen Reichtagswahlen seine Triumphe feierte. Aber wie so-oft schon im Laufe der Geschichte, so ist auclf diesmal Frankreich der Fackelträger des Lichtes und der menschlichen Zivilisation. Mit einer einzigen gewaltigen und überraschenden Erhebung hat das französische Volk bei diesen Wahlen den menschenfressenden Götzen des Nationalismus zertrümmert und seine eitlen Oberpriester zu Boden geschlagen. Man darf nicht erwarten, daß sofort nach dem grandiosen Sieger der Linksparteien alle Spannungen der Welt sich lösen und die Feinde von gestern sich versöhnt in die Arme sinken werden. Dazu sind die Wolken zu dicht, sind der Haß und dlie Wut, welche sich jahrzehntelang angesammelt haben, zu groß. Aber dort im Westert; von wo in den letzten hundertfünfzig Jahren immer wieder ein Licht aufstrahlte, das die ganze Welt erhellt hat, leuchtet wieder ein goldener Strahl der hoffentlich rasch wachsen und die Finsternis verscheuchen wird, die sich über die Erde gelagert hat. Wir wollen an dieser Stelle nicht lyrisch werden. Man muß Geduld haben und ruhig' abwarten, welche Wirkungen der Ausfall der französischen Wahlen auf die Gedankengänge des deutschen Vol kes ausüben werden. Auch in Ostelbien und Ostpreußen verdichtet sich nicht der Geeist des deutschen Volkes. Es war mehr als ein symbolischer Akt, daß man vor fünf Jahren Weimar zur Geburtsstätte der neuen deutschen Verfassung gemacht hat. Hier, wo Goethe, Sc h i Her und Herder gelebt und gewirkt haben, ist der Versuch gemacht worden-, den Militarismus zu brechen und die Vorbedingungen zu einem friedlichen Wettbewerb auf allen Gebieten menschlichen Denkens und Werkens zu schaffen, Man kann einer Volksgemeinschaft, welche ja auch nach dem Kriege in der unerhörtesten Weise verhöhnt, geschunden und mit Füßen getreten worden ist, nicht zumuten, daß sie sofort alles vergesse, was sie erduldet und was an ihr verschuldet worden ist. Aber die Hoffnung besteht, daß die erfreuliche Wandlung in Frankreich auch für Deutschland früher oder später den Sturz des nationalistischen, chauvinistischen und militaristischen Götzen bringen werde, und daß jener Geist der Universalität, der sich in den drei genannten Weimarer Geistesgrößen sublimiert hat, schließlich auch im deutschen Volke wieder zum Durchbruche gelangen werde. Mit dem Götzen des Völkerhasses innig verbunden ist der Götze des Rassenhasses. Nationalismus und Antisemitismus sind untrennbare Begriffe geworden und unser Bruderverein in Deutschland, der „Centraiverein deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens" muß gegen die Vorurteile und Gehässigkeiten, die sich heute ohne jeden Grund gegen die deutschen Juden entladen, einen aufreibenden, schier-übermenschlichen Kampf führen. Aber gerade der Umstand, daß die hakenkreuzlerische Bewegung, daß der Anhang der Hitler und Ludendorfi nicht mehr durch sachliche Erwägungen und Begründungen das deutsche Volk um seine Fahnen zu sammeln vermag, Sondern daß er sich der tausendjährigen antisemitischen Lügen und Verleumdungen bedienen muß, um seinen Einfluß auf die Volksmassen zu erhalten, rechtfertigt die Hoffnung, daß auch in Deutschland sich ein Umschwung im Denken und Empfinden der Massen vorbereitet. Vor einigen 'Tagen wurde eine-Anzahl junger Berliner Juden aus der jüdischen Fröntkämpfervereiniguing, die sich gegen die hakehkreuzlerischen Angriffe in der

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