Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1924
- Issue
- Heft 21 (23.5.1924)
- Date
- 1924-05-23
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 2 DIE WAHRHEIT Nr. 21 Leiden. Auch in unserem Kalender wird Lagbeomer als „Schülerfest" bezeichnet. In konfessionellen Schulen wird dieser Tag auch heute noch festlich begangen, als ein Denkmal der innigen Anteilnahme an dem Geschicke der Studierenden. Wenden wir uns nun von der/Vergangenheit weg zur Betrachtung der Gegenwart, so fällt es uns nicht leicht, keine Satire zu schreiben. Oder soll man gar von einer Tragödie sprechen? Wahrlich, man braucht eben keine „Lobredner der vergangenen Zeit" zu sein, um mit tiefer Wehmut die gegenwärtigen Verhältnisse zu verzeichnen. Gelernt wird allerdings viel, die Kinder studieren zu lassen, bildet nach wie vor den Ehrgeiz jüdischer Eltern. In allen Wissensgebieten soll die- Jugend heimisch sein, die Geistigkeit ist bei uns noch nicht ausgestorben. Aber sie artet in einen Rationalismus aus, vor dem uns angst und bange wird. Eine geistige Nahrung wird der Jugend verabreicht, die alle destruktiven Geister lebendig werden läßt; durch Lektüre, Schaustellungen und Spiel werden die Herzen der Jugend vergiftet, die ihren Wissensdurst aus trüben Quellen stillt, den Quell frischen, lebendigen Wassers aber verläßt sie. Wer vermöchte die Schubertschen Ave Marias zu zählen, denen unsere jungen Mädchen ihre Ergriffenheit leihen, wer wäre imstande, die Erschütterungen auszumessen, düe Fausts Osterglocken oder Parsifals heiliger Gral unseren jüdischen Gebildeten bereiten? Man gehe an diesen Erscheinungen und noch vielen, vielen anderen nicht achtlos vorüber; die Priester zumal., in dienen wir die, Eltern und Erzieher erkannt haben, mögen auf der Hut sein, daß die „jungen Saaten" keinen Schaden nehmen! Darum sollen sie Acht haben auf die Zeit der Entwicklung und der Reife, darum hat das Gebot der Sephira nichts an Bedeutung verloren; noch immer lautet unsere oberste Pflicht und Aufgabe: „usephartem luchem!" (Ein Schlußartikel folgt.) Ein Ehrentag des Ehepaares Dr. Grunwald. Dr. Max Grunwald und seine Gattin Margarethe besingen am 12.. März d. J. -das Fest der silbernen Hochzeit im sonnigen Meran. Das damalige Fernsem von Wien war vor allem durch die Bedachtnahme auf den leidienden Zustand der Frau Dr. Grunwald begründet. Nachdem sie nun ihre vollkommene Gesundheit wieder erlangt, benützten der „Verein der Freunde des Großen Leopoldstädter Tempels" und der Verein „Wohlfahrt" am 14. d. M. den willkommenen Anlaß zu imposanten Festlichkeiten. Dr. Grunwald hat dadurch auch das erste Mal in Wien eine öffentliche Anerkennung seiner rastlosen Tätigkeit für das Wohl der Gemeinde und die Ehre des Judentums erfahren. Enttäuschungen blieben ihm wohl nicht erspart, über die er sich aber trösten konnte mit der Tatsache, die er in einer seiner Reden behandelt hat, daß in der Praxis der gerade Weg nur in der Luftlinie der kürzeste ist, da er, weil gerade, alle krummen Wege durchkreuzen muß. * ■ * * * Vor uns liegen Biographien Dr. Grunwalds, die, zum Teil mit seinem Bildnis geschmückt, in auswärtigen Zeitschriften. anläßlich seines 25jährigen Amtsjubiläums erschienen sind, das er mit seiner Gattin 1920 im Kreise seiner früheren Gemeinde auf deren Einladung in Hamburg gefeiert hat. Daraus ersieht man, was Dr. Grunwald in der wissenschaftlichen Welt bedeutet. Seine literarische Tätigkeit, darunter drei preisgekrönte Arbeiten, begann er als Neunzehnjähriger. Sie erstreckt sich in vielfach grundlegenden Werken auf die verschiedensten Gebiete: Geschichte der Philosophie, Geschichte der Judenin Hamburg und Wien, jüdische Theologie, Hygiene des Juden, Volkskunde usw. Schon in den ersten Jahren seines wissenschaftlichen Schaffens wurde er korrespondierendes Mitglied, zum Teil Ehrenmitglied auswärtiger gelehrter Gesellschaften, Begründer des Hamburger Museums für jüdische Volkskunde, eine Wissenschaft, die er geschaffen und in IUI Feuilleton iwi Deutsehe Reisebriefe eines Badeners (bei Wien). i. Badenweiler, am 16. der Sephira 5684. Mitten im stürmischen Regenwetter bestieg ich den Zug, der mich nach Nürnberg bringen sötte. Es war dies die erste* Station für meine längere Reise naohi Süd- und; Nordostdeuitschland. (Halb verschlafen, halb verträumt langte ich am anderen Tage dort am, von lieben Leuten erwartet, die mich animierten, per pedes das Hotel aufzusuchen, da das Wetter sich inzwischen aufgeheitert! hatte. Nürnberg, eine der schönsten Städte im rnittelalterlichen unverfälschten SM, -präsentierte sich auch: sopst im demselben. Bei jedem Wall, bei jedem Turmtor waren junge Leute angesammelt, heftig gestikulierend!, aufgeregt und hastig1 hin- und herstammend, mit Stöcken bewaffnet. „Das sind dfiie Hakenkreuzier", sagte mir meine Begleitung. Man sah auch überall Plakate mit großen Hakenkreuzen verziert, Häuser, Tore und Gitter mit denselben Emblemen beschmiert. Nun, das ist kein Wunder, ist es doch de Wahlwoche, da wird mit heiligem Eifer geschürt. Wir gingen an der. orthodoxen Synagoge vorüber, da sagten mär die Herren: „Sehen Sie, am Pessach mußte der Gottesdienst gekürzt und im Eiäe vollzogen werden, denn die Vorstände hatte« erklärt, sie übernehmen keine Verantwortung." Aber mit der detitschen Treue und Biederkeit habe ich, trotz des wiedenaufgepeitschten unduldsamen Deutschtums, keine guten Erfahrungen gemacht. Obwohl in einem Hotel ersten Ranges untergebracht, mußte ich mich vor Uebervorteilimg tüchtig wahren, was vor der KrdegszeAt unnötig war. Schon am anderen Tage ging es nach Frankfurt Der äußerliche Eindruck, den die Stadt macht, i&i ®anz wienerisch. Da fühlte ich mich auch sonst mehr zu Hause. Das jüdische Hotel U1 m a n n ist einwandfrei orthodox koscher und zugleich so rein, nett, bequem und elegant. Auch im der Folge machte ich die angenehme Erfahrung, daß sich inj 'den deutschen jüdischen Gemeinden sehr fromm und zugleich sehr gut leben läßt; da hat die Orthodoxie in Deutschland Großes geleistet, was uns bisher in Oesterreich noch fehlt. Am anderen Tage hatte 'ich in Frankfurt eine Trauung bei einem Verwandten zu vollziehen. In Deutschlandl finden die feinsten Trauungen nicht in den Tempeln, sonderm in einer sogenannten Loge statt. Die Verwandten zählen zur Breuerischen Religionsgesells^haft und so haben auch die zu dieser gehörenden Beamten bei der Trauung assistiert, Herr Oberkantor Passachowitsch und sein Assistent, Herr Kantor Starnberger. Die Kethubba war vor einem Sofer geschrieben und glänzend ausgestattet, nicht so wie bei uns ein bedrucktes Formular, das wiei ein Fetzen Papier anmutet. Uebefrascht war ich, als mir vor Beginn der Funktion der seidene Gebetmantel und eine Ornatkappe überreicht wurden; im Zentrum der Trennungsorthodoxie hatte! ich soich eine äußerliche Formalität gar nicht erwartet. Noch mehr stand ich erstaunt da, ais das Harmonium zur Einlefoing der[ Funktion ertönte, und als ich wie plötzlich unter einem kleinen, von Blumenwerk ganz verdeckten Trauihämmel zu stehen kam, auf dem nur Platz für das Brautpaar, den Haupt-- und die beiden Nebenfunktionäre war und in der Glitte vor mir ein kleines Tischchen stand, flankiert von zwei Kerzenlichtern, welches tatsächlich „Chukkoth hagoj" ähnelte. Zum Schlüsse wurde ein „,Schir hamaaloth" von Oberkante angestimmt und! vom Harmonium begleitet. Ob da der Geerer Rebbe, der seit der Kenessio Gedauloh mit der Trennungsorthodoxie so innig liiert