Mannheim
Compact Memory

Die Wahrheit · 1924-05-23 · Heft 21 (23.5.1924) · page 3

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Wahrheit
Volume
1924
Issue
Heft 21 (23.5.1924)
Date
1924-05-23
Page
– (sequence 3)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/3062972-3064071-3064091--12812-3080283
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

&. Ä£ DeulschösterretcMscIie Wodiensdiriil iür jüdische Interessen Mit dem Beiblatt; Veröitenflicmiiigen der .inion deulscliösterreidüsdier Joden4 Rebaktion und Administration: Wien II.. H«im«si«-€BJ1«;113- - Fernruf 42-2-16 _ XL. Jahrgang Wien, 23. Mai 1924. Nummer 21 Sepilira. Von Dr. M. Bauer. II. In den ersten Jahren nach der Zerstörung des Heiligtums konnte oder wollte man sich nicht recht in die neuen Verhältnisse fügen. Man wollte es nicht glauben, das Heiligtum werde iür immerwährende Zeiten zerstört bleiben. „Meheroh iibboneh hamikdosch" war die allgemeine Hoffnung: bald wird wieder hergestellt werden der heilige Tempel, an dem das Volk mit allen Fasern seines Herzens hing. Der gegenwärtige Zustand wurde als ein bloß vorübergehender angesehen. Dieser Stimmung hat nun auch Rabbi Jochanan ben Sakkai, der Regenerator des Judentums, Rechnung getragen, indem er alle Tempelbräuche auch weiter bestehen und sie in den mittlerweile entstandenen Bethäusern üben ließ; wie beispielsweise das Nehmen das Feststraußes an allen sieben Tagen des Hüttenfestes, was biblisch nur für den ersten Tag geboten ist, im Heiligtum für ganz Sukkoth in Geltung stand. Als aber die Jahre und Jahrzehnte verstrichen, ohne daß diese Hoffnung in Erfüllung gegangen wäre, und auch der letzte Aufstand unter Barkochba an jenem denkwürdigen 9. Ab. (135) durch den Fall Bethars ein trauriges, wenn auch nicht unrühmliches Ende genommen, da mußte man sich wohl ins Unvermeidliche fügen.. Alle religiösen Uebungen und Bräuche, welche an das Heiligtum erinnerten, Sech er lemikdosch, haben unwillkürlich Trauer und Wehmut ausgelöst, was jedoch nicht hinderte, daß man an denselben mit um so größerer Zähigkeit und Jnnigkeit festhielt. Auch das „Zählen" von Pessach bis Schabuoth blieb natürlich weiter in Geltung, wenn auch über die Art und Weise, wie es vorzunehmen sei, die Meinungen der Gesetzeslehrer auseinandergingen. Konnte man nicht mehr die jungen Feldersaaten als Weihegabe des Ewigen dem Priester bringen, so wurde die ganze Sorgfalt und Wachsamkeit jenen jungen Saaten zugewandt, auf welche man alle Hoffnung setzte: der heranwachsenden Jugend, deren körperliches! und mehr noch geistiges Gedeihen den fast alleinigen öegenstand elterlicher Sorge bildete. Diese Jugend sollte mit dem Geiste der Lehre erfüllt werden, in den Schulen sollte sie jene Ausbildung erhalten, die sie befähigte, einem „Zaun um die Thora" zu bilden, wodurch sie selbst vor dem Verderben, vor dem Untergange geschützt wurde. . Rabbi Jochanan, der ,Gründer des Lehrhauses in Jahnen, hat den Schwerpunkt des Judentums in das Lehrhaus verlegt, ganz im Sinne der Forderung der „xMänner der großen Versammlung1*: „Stellet viele Schüler her!" Wer auch nur oberflächlich in unserer Geistes- und Kulturgeschichte liest, kann sich davon überzeugen, wie ernst bei uns zu allen Zeiten diese Forderung genommen wurde. Man braucht bloß ^zurückzudenken an die Zeit, die gar nicht weit hinter uns liegt, um voll Staunen und mit Bewunderung auszurufen: „Wahrlich, ein weises, verständiges Volk ist doch dieses Judentum, das sein ganzes Sinnen und Trachten der Lehre und deren Jüngern widmet, wo die Eltern fast ausnahmslos von dem Streben erfüllt sind, ihre Kinder „lernen zu lassen". Es herrschte ein fanatischer Glaube ans Forschen, das als gottgefällige Tat galt, der Glaube an den rorscher als eine wahrhaft göttliche Erscheinung. Aus der Thoraforschung antiker Zeiten war das Talmudlernen geworden, jene bis ins tiefste Volk gedrungene Leidenschaft des Grübelns über den bpalten des labyrinthischesten Buches, das die Weit kennt. In der Entwicklung der Jahrhunderte erprobte sich auf solche Weise der Geist der Juden, immer erneut am schwierigsten Stoff, bekam Schärfe ebensowohl wie Macht, vor allem aber kam eine Verehrung des Geistes auf, wie sie sonst nicht wiedergemnden wurde. Der Mann galt nach dem Geist und nur nach ihm. Bereits mit sechs Jahren wurde das Kind in die Thora, mit zehn schon in die Gedankengänge des Talmuds eingeführt; das einzige Lob des Bräutigams bei seiner Hochzeit war serne Gelehrsamkeit, nach ihr wurde seine Mitgift bemessen, nach ihr aber auch überhaupt der Adel der Familien bestimmt, das Jichus. Nichts aber war diesem Volke von Geistigen verächtlicher als der Am hoorez, der nichts gelernt hatte. Es ist mit ein Beweis für die hohe Wertung der Schulen und Schüler, daß die Ueberlieferung die Thorajünger mit der Sephira in Zusammenhang bringt. Die kurze Notiz im Talmud (Jebamoth 62 b), daß die nach Tausenden zählenden Jünger des Rabbi Akiba, eines Zeitgenossen jenes Barkochba, zwischen Pessach und Schabuoth einer tückischen Seuche zum Opfer fielen, wird von der Ueberlieferung festgehalten und von den Kodifikatoren als Grund für die Trauer in den Sephiratagen angegeben Jahrhunderte nach jenem Sterben der Schüler des Rabbi Akiba halten wir ihr Andenken fest, heiligen es durch die Trauer, die wir uns in diesen Tagen auferlegen. Am 18. Ijjar, das ist der 33. Tag der Sephira, soll das Sterben aufgehört haben; dämm wird dieser Tag aus der Reihe der übrigen herausgehoben, er steht im Zeichen der Freude, an ihm ist alles wieder gestattet, was in den übrigen Sephiratagen verboten erscheint. Man Jebt und fühlt mit der lernenden Jugend, man teilt ihre Freuden und

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.