Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1924
- Issue
- Heft 21 (23.5.1924)
- Date
- 1924-05-23
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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Nr. 21 DIE W AHR HE IT Seite 3 seinen „Mitteilungen", die jetzt zu „Jahrbüchern" erstarkt sind, als anerkannt erste Autorität pflegt. Von seinem Buche „Spinoza in Deutschland",' das Haeckel in seinen „Welträtselu" als Quellenschrift zitiert, Spielhagen, als.ein „Wunder" preist, schreibt der gelehrte Jesuit Dunim-Borkowski in seinem Meisterwerk „Der junge Spinoza": „Wertvolle Vorarbeiten von ungewöhnlicher Gelehrsamkeit lieferte Grunwald in seinem Spinoza-Buch". Seine „Beruria" wurde unter anderem von Julius Bauer in einem prächtigen Gedichte gefeiert," das in deutschen Blättern, wie der „Frankfurter Zeitung" und anderen, abgedruckt ist. Ueber dl'e beiden jüdischen Zimmer auf der Dresdener Internationalen 'hygienischen Ausstellung gingen Lobeshymnen durch die Zeitungen aller Welt. Ueber seine „Monistischen Märchen" erschien in der Berliner Zeitschrift „Jeschurun" ein eigener Aufsatz, in dem es unter anderem heißt: „Einfacher und treffender ist die Bedeutung des „Zeremonialgesetzes" noch nicht charakterisiert worden." Ein Kritiker verglich die IS Kapitel .dieses Buches mit den 18 Segenssprüchen. Von Grunwalds Arbeiten über die Geschichte der Wiener Juden schrieb Ludwig Geiger in der „Allgemeinen Zeitung des Judentums": die Wiener Juden seien zu solchen Werken zu beglückwünschen usw. Aus der Fülle der praktischen Leistungen Dr. Grunwalds sei laut seinen Biographien hervorgehoben, wie er in Hamburg die Einrichtung einer Mikwah vor dem Dammtor durchgeführt, wie er die Talmud-Thora in Fünfhaus zur Blüte gebracht, wie er während des Krieges noch vor der Einrichtung der staatlichen Flüchtlingsfürsorge und dem Ausbau der Militärseelsorge vom frühen Morgen bis in die Nacht hinein als Seelsorger tätig war, für die Rabbinatskandidaten aus Galizien eintrat und vielen Freiheit, bürgerliche Ehre, ja das Leben rettete, wie er die „Hilfskommission für Palästina" gegründet und aufopfernd mit Hilfe des Ministeriums des Aeußern jahrelang auf das Erfolgreichste geleitet hat, wie er als Abgeordneter der österreichischen Palästinafreunde in Konstantinopel gemeinsam mit den Vertretern auswärtiger Gruppen verhandelt, durch Anlegung e'nes Grunwald-Oelbaum- Gartens in Palästina von Prager Studenten u. a. geehrt wurde, und vorher schon für humaniltäre Bestrebungen im heiligen Lände gewirkt hat. Vielen bleiben die Vorträge unvergeßlich, die er in Wien vierzehntägig "um Rahmen einer von ihm kreierten Institution der Kultusgemeinde. in der „Urania", bei der B'me B'rirh, im Rahmen der von ihm geleiteten .'.Vorträge zur Aufklärung über die Ostjuden" und ist."die Trauung vollzogen hätte, ist mindestens in Zweifel zu ziehen. Von Frankfurt reiste ich nach dem schönen Schwarzwälder Bade Badenweiler. Auch dort fand ich das einwandfreie koschere und zugleich elegante Restaurant und Hotel. Dort wollte ich den Schabbos verbringen, aber leider brachten wir. kein Minjan zusammen. Der Hotelier meinte, in dem mondänen Hotel „Römerbad" konnte man wohl 30 Minjamin finden, sq viele Juden seien dort in Pension. Ein trauritges Bild vom Judentum" unserer Zeit. Im Restanrationssaal befindet sich die heilige Lade, geschmückt mit einem herrlichen Porauches. von "Spendern gestiftet. Die Aufschrift zwar nicht einwandfrei hebräisch, so heißt es z. B. -gestiftet: ..Mehabaim lepoh". aber gewiß ehrlich gemeint. Die heilige Lade wurde vor 32 Jahren aufgestellt: da hat es gewiß noch in Badenweiler am Schabbos Minjan gegeben. II.- Karlsrnhe, am 22. der Sephira 5684. Es ist der große Wahltag in Deutschland — und unwillkürlich erfüllt mich der spannende Gedanke, was ich da sehen und erleben werde. Ich befinde mich an diesem Tage in einer mittleren Provinzstadt, in Freiburg. Es sollte aber ganz ohne Ueberraschung abgehen. Aus den Gesprächen der Leute Tage vorher, aijf den Bahnen, in den Straßen, wie in den Hotels — wurde schon das voraussichtliche Resultat vorweggenommen — es kommt ein Ruck nach rechts. Unwillkürlich erinnerte -ich mich au eine Talmudstelle: „Alle Wendungen, die du vornimmst, seien nach rechts gerichtet" Hier '■bedeutet leider die Reohtswandlwng nicht zugleich „das Rechte", da sich die völkische Richtung, speziell für das deutsche Judentum, als das höchste Unrecht, als der Inbegriff aller hetzerischen, gift- und haßgesohwollenen Bestrebungen , personifiziert. Meine Freunde führten mich durch die Stadt, um mir ihre Merkwürdigkeiten zu zeigen. Die größte Merkwürdigkeit war sonst gehalten hat. Was er für den Leopoldstädter Tempel und als Präsident des .".SanierungsJkomitees" geleistet, gehört der unmittelbaren Gegenwart an. ebenso anderweitige gemeinnützige- Werke, für die ihm zum Teil durch deutsche und österreichische Orden Anerkennung wurde. Würdig steht diesen Leistungen das Walten seiner Gattin, der Tochter des unvergeßlichen Dr. Joser Bloch, zur Seite. Wie ihr Gatte wurde sie in Würdigung hoher Verdienste durch die Ehrenmitgliedschaft Fünfhauser Humanitätsvereine ausgezeichnet. Den von Dr. Grunwald nach seiner Uebersiedlung in den zweiten Bezirk gegründeten „Jüdischen Frauenverein" leitet sie bis heute, in der „Weiblichen Fürsorge" ist sie als Vizepräsidentin tätig. Bis zu ihrer Erkrankung saß sie als jüdi sc »nationale Mandatariitt im Fürsorgerat des zweiten Bezirkes, sie war Beirätin im Jindengericht und leitete die Wiener Gruppe des Frauenverbandies für Kulturarbeit in Palästina. Alles tritt aber in den Hintergrund gegen die aufreibende Arbeit in der Armenfürsorge, der sie neben ihrem Gatten täglich und stündlich sich widmet in ihrem Heim, einem echten Rabbinerhause, dessen Tür jederzeit jedem offen steht, der Rat und Hilfe sucht. * *;J; Die Feierlichkeiten am 14. Mai wurden im Zeremoniensaal des Leopoldstädter Tempels eingeleitet. Dort hielten der geschäftsführende Vizepräsident des Vereines der „Tempelfreunde", Redakteur Ludwig Hirschfeld, und dann Postamtsdirektor Kolmin, der Obmann des vom Jubilar ins Leben gerufenen „Jüdischen Elternbundes für den II. Bezirk", an das Jubelpaar herzliche Ansprachen. Dr. Grunwald erwiderte in ebenso vom Herzen kommenden Worten, seine Gattin und er wollten allen Ovationen entgehen, da ein solcher Anlaß eine Familienfeier mit Ausschluß der Oeffentlichkeit sei. - Die Beweise der Teilnahme in den letzten schweren Monaten habe aber gezeigt, daß hier eine Unzahl von Brüdern und Schwestern mit ihnen! wie eine große Familie sich eins fühlte. In diesem Sinne sei das Fest eine Familienfeier. Und wie die leiblichen, stellten sich die geistigen Kinder ein, deren Glückwünsche man nicht zurückweisen dürfe. Wie Rabbi Akiba müsse er aber von seiner Frau sagen, daß alles Verdienst, das man ihm nachrühme, ihr allein zuzusprechen sei. Im jüdischen Hauptgebet wird der Allmächtige gepriesen als der, der die Kranken genesen läßt, dann insbesondere als der.Helfer der Kranken seines Volkes Israel und hierauf als der. der die Jahre1 segnet. So danke er der Vorsehung, daß seine Frau jedoch, daß trotz des Wahltages alles sich so schön ruhig in geordneten Bahnen zeigte, keine Bewegung, keine Unruhe — eine Sonntagsidylle. Schräg gegenüber der Synagoge, in einem Schulgebäude, war eines der größten Wahllokale: wir gingen dort so ganz gemütlich hin und her, ein und aus, ohne anzustoßen: meine Begleiter, hervorragende Persönlichkeiten von jüdischen Gemeinden, grüßten und wurden gegrüßt von Juden und Nichtjuden — also wirklich ein beruihigemles Wahlbild, in einem Lande und an einem Tage, an welchem der Jude, der Hinweis auf ihn, auf seine Gefährlichkeit das Wahlmotto der streitenden Parteien bildet. Der Platz, auf welchem sich die Synagoge befindet, ist an sich selbst sehr interessant. Gegenüber derselben! das große langgedehnte Universitätsgebäude; das andere Haus gegenüber bildet ein wunderbar schönes Theatergebäude. Die Synagoge selbst ist ein kleiner, zierlicher Rundbau im einem Garten, in welchem sich die Amtswohnung des Rabbiners befindet und im Parterre derselben dier kleine Betsaal der orthodoxen Juden, die an dem Gottesdienst des Gemeiwdetempels nicht teilnehmen, die Gemeinde sorgt also für die „Neuen" und die „Alten" und gibt so ein Bild gegenseitiger religiöser Toleranz. Das Städtchen selbst bietet, wo immer man geht, durch die Ordnung, die Reinlichkeit, die fast peinliche Sauberkeit einen erfrischenden Anblick. Darin ist doch Deutschland groß, trotz der bitteren Zeiten, die es seit der Nachkriegsepoche mitmacht, der Zug der reinlichen Ordnung hat nichts gegen früher verloren. Es schwebte mir noch von meiner Herbstreise her. die ich von Frankreich aus nach der Schweiz machte, die Erinnerung vor, wie ich da von Paris aus nach Troyes kam, welche Stadt als der Geburtsort von Raschi interessiert und düe zu den großen Provinzstädten Frankreichs gehört, wie da die Häuser, die Straßen so unerquicklich unsauber sich repräsentieren. Man hat eigentlich auch diese Empfindung in Paris.