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Die Wahrheit · 1924-01-18 · Heft 3 (18.1.1924) · page 12

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1924
Issue
Heft 3 (18.1.1924)
Date
1924-01-18
Page
– (sequence 12)
Language
German
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Nt; 3 {Theater, Kunst ti. Literatur | Vortrag. Dienstag, den 22. d. M. hält Sr. Ehrw. Herr Rabbiner Dr. Max Grunwald bei der vom Verein der Mattersdorf er in Wien veranstalteten Akademie im Festsaale des Hotel „Bayrischer Hof", einen Vortrag mit dem Thema: „Historisches aus Mattersdorf". Ein Jüdischer Him. Die Et er na-Film-Gesellschaft bringt demnächst eine Judentragödie in fünf Akten, „Kaddfsch", heraus, mit den Hauptdarstellern Lia Eiben- . schätz, Ilka Orüning, Lucie Höflich, Adolf Licho usw. Die Filmgesellschaft hat sich verpflichtet, einen beträchtlichen Teil des Reinerträgnisses jüdischen Waisenkindern zu widmen. Redaktionelle Mitarbeiter für Humor, Satire und Witz . -werden überall gesucht. „Jüdische Volksstlmme". Brünn. (Entgeltlich.) Dti bist Ich. Träume und Gedanken zum Problem der Weltversöhnung von Franz Carl E n d r e s. (Neuer Geistverlag, Leipzig 1922.) Die Träume dieses DichterpWlcso^hen sind erhaben, fast visionär nach Art jener der alten Propheten, seine Gedanken klar und tief, man könnte seinem Buche jene Stelle aus dem Schreiben an den Verleger als Motto geben, die also lautet: „Wer in diesem Leben nicht bei Gott ist, wird nie in einr-m Jenseits zu ihm gelangen". „Es gibt aber keinen anderen Weg zu ihm als die Liebe zu seinem Werk." Nur durch die Liebe ließe sich das Problem der Weltversöhrrung lösen. Diese Idee führt Endres in einer Reihe ' glänzender Essays aus. Hier begegnen wir der seltsamen Synthese: Ein Schwärmer und ein Denker. Die Höhe seines Bekenntnisses erreicht er in seinem Aufsatze Buddha. Man ' könnte ihn als einen der modernen Prediger in der Wüste kategorieren; aber nicht doch. . Es wäre zum Verzweifeln, wenn die herrlichen Worte des begeisterten Mannes nicht bei gleichgestimmten Seelen Ppsonanz finden. Mm d^nkt f»n'd?c - THese vom Samenkorn: Etliches fiel auf steinigen Boden, etliches verwehte der Wind, etliches fraßen die Vögel, aber etliches fiel auf fruchtbaren Boden und trug hundertfach und - tausendfach. So auch wird sich das Apostolat der weltversöhnenden Liebe trotz aller Haßdogmen durchsetzen und Endres sei für sein köstliches Buch Dank gesagt und ihm so viele Leser gewunschen, als er verdient. d. Briefe eines Ehemannes. Von Bernhard Horowitz. Anzengruber-V erlag, Wien. — Die Geschichte des galizischenFlüchtlings im Weltkriege ist noch nicht geschrieben worden. Man denkt auch, dies sei überflüssig, denn sie sei ohnehin bekannt; doch ist diese Kenntnis, wie jede Gesehichtskenntnis, . leichtfertig und oberflächlich,; wo nicht gar verlogen oder doch verfälscht. Man kennt nur den verblüffend raschen materiellen Aufstieg des Kriegsflüchtlinigs, womit sein gesellschaftlicher nicht Schritt halten kann. Oder man konstatiert das unaufhaltsame Hinabgleiten Einzelner in ein . grundloses Elend. Wie aber die Sache des aus der Doinischen Kleinstadt in das großstädtische Getriebe Verschlagenen diesen Szenen — und Luftwechsel ertragen und sich hinaufentwickeln konnte, wie der vom Geschäftemachen wie vom Resignieren gleich weit Entfernte seine offenen Sinne all den neuen Lockungen erschloß, und auf alle die ungeahnten Reizungen reagierte, um durch mancherlei Fährlichkeiten hindurch auf dem sicheren heimischen Gestade zu landen — das zeigt uns der Verfasser der „Briefe eines Ehemannes" mit jener Aufrichtigkeit und Unbekümmertheit, die demjenigen wohl zu Ge- * sichte steht, der sich mit einem Quentchen Dichterblutes begabt weiß. Der Held der Briefe eines Ehe^ männes" gehört, seiner Veranlagung nach zu jenen jungin die Ehe Geschobenen, die sich auf der ehelichen und heimatlichen Enge in die weite Welt hinausschauen, die da fühlen, daß ihr'Sehkreis r ein größerer ist, als daheim ausgefüllt werden kann. Die gleichalterige Frau an seiner Seite ist zumeist schön zu ihrer vollen Reife gelangt und kann für die Entwicklungsschmerzen und das Werdewehe ihres Eheliebsten kein Verständnis aufbringen. Wäre der Krieg nicht gekommen und hätte die beiden nicht zusammen in die weite Welt hinausgewirbelt, so hätte der Ehemann gewiß eines Tages die Türe der gemeinsamen Wohnung allein von außen zugeklinkt, um „draußen" Erlebnis und Erfüllung zu suchen, wonach seine Seele schrie. Die ersten Briefe, die der Ehemann von einer Erholungsreise an die Gattin schreibt, werben noch um Nachricht und Verständnis; da diese aber ausbleiben, gestaltet sich schon der dritte zum Abschieds- und Scheidebrief. Und nun stürzt sieh 'der junge Held in Erlebnis und Abenteuer! Mitteilsam, geschwätzig wendet sich der aus der ehelichen Haft Entwichene mit seinen süßen Geheirrfnissen an eine intellektuelle Frau, seltsam genug! an die vor einigen Monaten Verlassenet Noch sind es erst „Korallenlippen", „Rösenmündchen" und „Veilchenäuglein", die der taumelnde Falter sucht und findet. Aber mit der tieferen Erkenntnis von den körperlichen und seelischen Leiden, die auch hinter der genießenden und Genuß verheißenden weiblichen Maske sich bergen und den Genießer mit ihrer Verstrickung bedrohen, kehrt nach manchen Jahren der Erfüllung und Enttäuschung der intellektuelle Mann zur intellektuellen Frau zurück, bei der er seine wahre Heimat weiß. Nicht das Ginettchen und Midinettchen, das käufliche oder leicht zu gewinnende Weibchen kann dem gereif" teren Mann die vollwertige Lebensgefährtin sein. Die nur zögernd und zagend, nicht ohne ironische Ueberlegeniieit dem eifrigen Briefschreiber erteilten Anworten der von der verstoßenen Gattin zur Beichtmutter avancierten Geschiedenen entwickeln sich zu tiefer und verständnisvoller Anteilnahme, welche zuletzt mit elementarer Gewalt sich als ein im echten Liebesfeuer vergoldetes Gefühl den Gatten zurückerobern. Diese Geigenkorrespondenz aus den Briefen des Verfassers plastisch lesbar hervortreten zu lassen, ohne auch nur einen Gegenbrief zu bringen, gelingt diesem mit der. feinsten psychologischen Kunst, die ihm scheinbar mühelos zu Gebote steht. Ein feiner Zug dieser Kunst liegt auch in den Briefen selber, die von dem ersten bis zum letzten die wachsende Bildung und Vertiefung des Schreibenden, die Umbildung; des Halbgebildeten zum Hochgebildeten zeigen. In den ersten Briefen noch unfrei in der Sprache, noch unbeholfen im Ausdrucke und banal in den Bildern und Vergleichen, veredeln sich Gewand und Inhalt des Geschilderten zusehends und erreichen jene künstlerische Höhe, die dem Verfasser schon anfangs vorgeschwebt hat. Bernhard' Horöwitz's „Briefe eines Ehemannes" sind eine ebenso amüsante als anregende Lektüre, die dem jungen Schriftsteller Beachtung und Interesse der anspruchsvolleren Lesewelt sichern werden. Wer sich vom Gelesenen gerne zum .Nachdenken anregen läßt, wird auch zu den „Briefen eines Ehemannes" greifen. Rahel E d e 1 s t e i n - F r i e d m a n h.

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