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Die Wahrheit · 1924-01-18 · Heft 3 (18.1.1924) · page 11

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1924
Issue
Heft 3 (18.1.1924)
Date
1924-01-18
Page
– (sequence 11)
Language
German
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Nr. 5 DIE WAHRHEIT Seite 9 hHde, der Königin Ute Kind, hat wohl, als sie ihre Sippen und Magen an König Etzels Hof lud, um sie dort niederzumetzeln, schwerlich diesen Plan bekanntgeben lassen. Man sollte überhaupt zur Deutung arischer Wesenheit der deutschen Jugend das Nibelungenlied sehr oft vorsingen. Besonders die Kapitel, wie Gunther, der vieledle Degen, mittels des Tarnkappenschwindels seine bärenstarke Brunhilde im Sturmwerfen, Springen und Ringen bezwang. Kein Ostjude hätte eine feinere Petite drechseln können. . Und gar erst die Geschichte, wie der grimme Hagen bei Siegfrieds Weib ausbaldowert, an welcher Stelle seines hörnernen Leibes dieser verwundbar wäre, und dann den Arglosen meuchlerisch niederstach. Gibt es wohl ein leuchtenderes Beispiel der Nibelungentreue? „Michel mit dem verkehrten Posthorn Münchhausens." Dieses Posthorn des berühmten Meisterlügners hatte bekanntlich die wunderbare Eigenschaft, Töne, die zur Winterszeit hineingeblasen und durch den Frost erstarrt waren, mit Eintritt der warmen Jahreszeit auftauen und erklingen zu lassen. „Michel", bei dem gar manches verkehrt ist. hält es auch betreffs seiner Notizen ähnlich. Am 6. Härtung (spr. Jänner) d. J. reibt er sich ah einem Artikel der "„Wahrheit" vom 15. Juli vorigen Jahres, die von der gegenantisemitischen Haltung der tschecho-slowakischen Regierung handelte. Es ist die Möglichkeit nicht ausgeschlossen, daß der Michel sechs Monate braucht, um sich eine Entgegnung zu leisten. Könnte man dies wenigstens damit erklären, daß gut Ding Weile braucht. Aber was der schreibende Hakenkreuzler in diesem Belange vorbringt, gehört zu dem stumpfsten seiner Stumpfsinnigkeiten. Wir hatten, heißt es, den Präsidenten Masaryk edelsinnig genannt, weil er den ..Michel" verboten habe. Nun weiß doch jeder politische Kindskopf, daß ein Staatsoberhaupt sich um administrative Maßnahmen der Behörden nicht kümmert. Dns Michel-Verbot gehörte zu den übrigen Reinigungsarbeiten der. zuständigen Stelle. Das Blatt jammert dann noch ein wenig, daß Masarvk die Deutschen des Landes entrechtet habe, wovon die. „Wahrheit" nichts zu wissen brauche. O doch! Wir wissen nicht nur die Tatsache, sondern auch deren Gründe. Es sind ungefähr dieselben, die ein gleiches Verbot „Michels" in Deutschland ergehen ließ, wo man' gewiß nicht die Deutschen „entrechtet". Höchstens solche, die gar zu sehr mit der PreBfreihe.it Schindluder treiben und atif den Rüreerkr-pp professionsmäßig hinarbeiten. Jeder wirkliche Freistaat muß ein Gesetz zum Schutze der Republik haben. Gleichviel ob geschrieben oder ungeschrieben. In einem Punkte hat „Michel" das Richtige behauptet, daß wir kein deutsches Bl^tt sind, soweit eben das Michel-Deutsch verstanden wird. Trotz seiner Gehässigkeit gegen die „Wahrheit" möchte diese fennce Kohlen auf Michels Haupt sammeln und mit dem R:ite dienen, als Ersatz für den tschecho-slowakischen Verlust Ungarn zu beglücken. Die Erwachenden Untrarn dürften für den erwachten „Michel" Verständnis und Liebe aufbringen.. - _^ Des Heben Geldes Wegen. Noch immer will der ungarische Ministerpräsident Graf B e t h 1 e n die Hoffnung aui das Gelingen einer Kredithüfe durch den Völkerbund nicht lassen und bemüht sich vor aller Welt kreditwürdig zu rrsc^inen. Für diesen Zweck posiert er Kultur und verspricht dns Blaue vom Himmel an europäischen Reformen und Freiheiten in seinem Heimatslande. Man hört zwnr die Botschaft, aber der G'nube fehlt -jedermann, der den schreienden Widerspruch zwischen den Worten des Reeieruneschpfs und der Entwicklung der' Dinge in Unearn beobachtet. Die Csöngmder Greuel hnben Koch keine Sühne gefunden und wenn mit ihrem Urheber, wfe mit einer Macht frei verhandelt wird, so ist dies ein scham- Jnser Hohn auf das großmäulige Versprechen. Uebrigpu«; wäre Ungarn auch ohne seine Atrozitäfen geeeii Jud^n und Sozialdemokraten für d?s zivilisierte Europa ein öffentliches Aerererhis. Besonders viel hat es wegen seiner monarchistischen Neigungen bei der kleinen Entente auf dem K>rbWz. d«> h'>r<n eine beständige politische Bedrohung erblickt. Zwischen dem verkleinerten Ungarneinerseits, dem vergrößerten Rumänien, Jugoslawien und Tschechien anderseits ist das Tischtuch gründlich zerschnitten und keine diplomatische Flickarbeit wird es zusammenschneidern, mag sich auch Graf Bethen noch so reformfreudig gebärden. Ohne Zustimmung der kleinen Entente, die neuestens eine Geschäftsstelle der großen geworden, gibt es für ein zu Schandtaten erwachtes Ungarn kein Geld. Wenn der Regierungstelegraph aus Budapest in Zeitabständen Gegenteiliges meldet, so gehört dies zu den dortigen gewohnheitsmäßigen Lügen. Ein Charakter. Vor kurzem starb bald nach seiner Haftentlassung aus dem Münchener Gefängnis der gewesene Schriftleiter des „Völkischen Beobachter" Dietrich Eckart, die rechte Hand des ihm ebenbürtigen Volksführers Hitler., Nicht immer fuhr Eckart im Kielwasser des Antisemitismus. In seiner Jugend Sündenblüte war er Mitarbeiter des freisinnigen „Berliner Lokalanzeiger", bis ihn der Zeitungskönig Scherl aus irgend einem Anlasse zum Tempel hinauswarf. Beschäf-. tigungslos geworden, kam Eckart nach Wien und-hatte das/ Glück, durch den Juden Stefan Großmann ein Lustspiel „Familienvater" an der damaligen „Freien Volksbühne" angenommen und durch den Juden Max Pallenberg in einer tragenden Rolle aufgeführt zu sehen. Meister Eckart hat das den beiden genannten Juden und dem Judentum überhaupt nicht vergessen. Denn als er in Wien später nichts mehr machen konnte, warf er sich in die nationaldeutsche Strömung und erfreute sich eines Namens als tonangebender Redejournalist. Eine,Karrikatur auf den Balladenkönig „was er sann, war Schrecken und was er schrieb war Blut". Da plötzlich stürzte Hitler von seiner Höhe und der getreue Eckart stürzte nach. Teilte mit ihm das Los der Einkerkerung und wurde nur aus Rücksicht auf seine fortgeschrittene Krankheit freigelassen. Nur wenige Tage konnte er diese Freiheit genießen. Es ist unmöglich, an dem Grabhügel dieses Mannes der Weisung zu folgen: ..Dem Toten nur gute Nachrede!" Dietrich Eckart war der Typus jener schreibenden Landsknechte, die sich an den Meistbietenden oder überhaupt irgend etwas Bietenden verdingen und die Ueberzeugung haben, bei ihrem Metier keine haben zu dürfen. Heraus mit dem passiven Wahlrecht! Nur noch wenige Monate trennen uns von der Wahl in die Kultusstube und noch immer ist die Frage des passiven Wahlrechtes für die Angestellten der Kultusgemeinde nicht gelöst. Es ist geradezu unfaßbar, wie in einem demokratischen Staatswesen eine Körperschaft bestehen kann, die solch undemokratische, jedem republikanischen Geiste hohnsprechende Wahlgesetze aufweist. — Die Koalition in der Kultusgemeinde glaubt nicht an das Gesetz der Wandelbarkeit der Dinge und fühlt sich sicherer denn je. Allerdings rechnet sie noch immer mit d^r Indolenz der Angestellten, die sich eine solche Herabsetzung gefallen lassen. Man stelle sich doch vor, daß Rabbiner. Lehrer, Verwaltungsbeamte, die schließlich doch die Träger des gesamten Kultuslebens bilden, in eine Kategorie mit Verbrechern und Dirnen gestellt werden, die im Rate der Kultusgemeinde keinen Platz finden dürfen. Glauben die Herrschaften in der Kultusgemeinde, daß die Wiener jüdische Oeffentiichkeit es dulden wird, daß dieses von der absolutistischen Zeit übernommene System auch weiterhin unumschränkt bestehe? — Schließlich werden auch die Angestellten der Kultusgemeinde sich aufraffen müssen, um den Kampf gegen den jetzigen Vorstand aufzunehmen, der sich noch immer weigert, die primitivsten Menschen- und Freiheitsrechte seinen Angestellten zu gewähren. Die jüdische Oeffentlichkeit hat e'n Recht zu verlangen, daß sich die Angestellten der Kultusgemeinde, sofern sie noch Anspruch auf Ehre und Ansehen erheben, dieses Recht mit allen ihnen zu Gebote stehenden Mitteln erkämpfen. Die bewährten Führer des Verbands -der Angestellten können sicher sein, daß hinter ihnen^dfe gesamte Angestelltenschaft und die jüdische Oeffentlichkeitsteht. .Darum, auf zum Kampfe! H^mus m*t dem n?Ks;vAn Wahlrecht! Markus Pick. Religionslehrer. 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