Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1923
- Issue
- Heft 24 (2.12.1923)
- Date
- 1923-12-02
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
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Seite 8 DIE WAHRHEIT Nr. 34 „Völkischen Beobachter" liege? Der „Reichswart"- Reventlow erzählt, daß schon vor dem Weltkriege „weitgereiste englische Journalisten ihm versicherten, daß sie in Berlin den Antisemitismus verstehen, seine Berechtigung und Notwendigkeit keimen gelernt haben." Wir sind so gefällig, das zu glauben, setzen jedoch voraus, daß diese weitgereisten englischen Journalisten Emissäre der Northclifre-Presse waren. Der „Reichswart" kann die jüdische Geschichtsschreibung nicht genug schmähen, aber was soll man zu seiner Geschichtsauffassung sagen, wonach ti»e Juden im alten Rom die Regisseure der Chrisrenverfdgungen waren, wo doch jeder Quartaner ihn belehren könnte, daß die Christen nur deshalb verfolgt v» urden, weil sie dem Gott-Cäsar-Kult sich' nicht umeiordnen wollten. Ebenso fadenscheinig ist _ die Behauptung des „Reichswart", daß die iudengegnerischen Bewegungen innerhalb der Jahrtausende Auswirkung des Verhaltens der Juden gewesen. Historisch festgelegt sind die Quellen jener Bewegungen als Raub- und Mordlust der aufgestachelten Massen, denen suggeriert wurde, es sei Gottes Wille. Ueberhaupt sollte keiner, der in einein Glashause wohnt an dem bereits viele Scheiben von außen kaput gemacht wurden, noch mit Steinen um sich werfen; sollte sich der Tatsache eines gewissen Parallelismus zwischen Deutschen und Juden nicht entziehen. Wirft man die Frage auf: Woran liegt es, daß die Deutschen der neueren Zeit so wenig Freunde hatten, daß, drei gedungene Nebenläufer ausgenommen, beim Ausbruch des Weltkrieges die Völker alier Erdteile sich gegen Deutschland erhoben? Es wurde aus ähnlicher. Gründen gehaßt wie die Juden. Wegen seiner hohen Kultur, seines produktiven Fleißes und in redlicher Arbeit erworbenen Wohlstandes. Brotneid und Konkurrenzfurcht "anderer haben Deutschland eingekreist und zur Strecke gebracht. An dieser Wahrheit sich vorbeidrückeri und die Juden als Urheber seines Unglücks bezeichnen, ist der Gipfel eines mit Niedertracht gepaarten Unverstandes. Von diesem Anwuri kann auch der „Reichswart" nicht ausgenommen werden. Man wird die Empfindung schwer unterdrücken, daß er in Kenntnis der jüngsten schändlichen Vorkommnisse, der an deutschen Juden verübten Pogromakte die* verwerflichen Artikel von Stapel ließ. Sie sollten wohl das Geschehen in Bayern und vielen preußischen, Städten erklären oder gar rechtfertigen. Der „Reichswart", beziehungsweise Graf Reventlow sollte sich aber zu gut sein, um gemeinen Buschkleppern die Mauer zu machen. Das sei hier rückhaltlos gesagt. _ —d. Das Judentum bei Oswald Spengler. Von Dr. Max Grunwald. (Fortsetzung.) Spengler selbst empfindet hier Widersprüche. Daß a31e Fortschritte der Wissenschaft auf logischem Schließen aufgebaut sind, daß das Experiment die abstrakte Arbeit des Forschers praktisch bestätigt, beirrt ihn nicht so sehr, als die Leistungen — der Techjiik. Ja, sagt Spengler, das ist etwas anderes. In der Technik sind, die Begriffe Mittel und nicht: Selbstzweck. „Ganz wahr ist nur die Technik, weil' hier die Sätze so lange abgeändert werden, bis sie - nicht wahr, sondern wirksam sind. Eine Hypothese soll nicht wahr, sondern brauchbar sein". Abermals eine Ueberraschung. Spengler spricht von einem „Reich der verstandenen Sehdinge'4 im Gegensatz zu einem „geistigeren Reich der Benennungen". Was sind „verstandene" Sehdinge? Streift man die eigenatige Terminologie Spenglers ab, so kann das doch nur bedeuten Dinge, dde sich dem Auge diarbieten, aber nicht nach, dem Augenschein beurteilt, sondern mit dem Verstände, der dank wissenschaftlicher Erkenntnis den Augenschein kontrolliert, nach dem augenblicklichen Stande der Wissen^ schaff begreiflich erfaßt werden. Das Auge sieht noch immer die Sonne auf- und untergeben, der Verstand weiß seit Kopernikus, daß es eine optische Täuschung ist. Was Spengler' meint, verstehen wir sehr wohl aus dem ganzen Plan seines Werkes. Er will (I, 210) eine „P b y s i o g n o m i k des Weltgeschehens" bieten, die „zur letzten faustischen Philosophie" werden soll. Dieses Wort „Physiognomik" führt uns in den Kern seines Denkens und erinnert an die Physiognomik Lavaters. Der subjektive Gesamteindruck, den ich von einem Gegenstande oder einer Person gewinne, das sogenannte intuitive Erfassen, das dem Instinkt des Tieres analog ist und in der Produktion des Künstlers sich* objektiviert, steht an sich nicht in grundsätzliehern Gegensatze zur Wissenschaft. Daß solche Eindrücke zu genialen: wissenschaftlichen Entdeckungen geführt haben,, daß. schon die Vorsokratiker Errungenschaften der modernen Forschung vorgeahnt haben, daß begnadeter Einblick in Natur Vorgänge, durch Generationen bewährte Erfahrung in Hygiene, Astronomie und anderen Wissenschaften Erstaunliches zu leisten imstande war, so daß manvon einer Art. wissenschaftlichen Prophetentums sprechen dürfte, ist bekannt. Ebenso, daß ein Shakespeare eine Men^ schenkenntnis an den Ta>g legt, die man aus allen Lehrbüchern der Psychologie, sie zusammengenommen, nicht schöpfen kann. Zum, „Wissen" um alle diese Dinge kommt es aber erst, wenn die Intuition auf wissenschaftlicher Grundlage beruht. Was der einzelne in schöpferisch-genialem Erschauen erkannt, es bleibt sein individueller Besitz, so Tange er es nicht anderen mit den Mitteln mitteilen kann, die eben nur in den Begriffen uns zur Verfügung stehen. Gewiß, das begriffliche Denken ist ebensowenig imstande, das Wesen, die Seele eines Gegenstandes zu erfassen, wie unsere Wahrnehmungen etwa mehr darstellen, als Zeichen, Signale für Beziehungen außerhalb unseres Bewußtseins, und die Worte mehr, als willkürliche Behelfe, um von Mensch zu Mensch eine geistige Brücke zu bauen. Wer aber sagt uns, daß der Fortschritt der Wissenschaft nicht auch noch unserem Verstände bisher unerschlossene Gebiete eröffnen und subjektives Schauen in objektive Erkenntnis wandeln wird? (Fortsetzung folgt.) Zur Saison! Reiche Auswahl neuester Pelzmodelle in sämtl. Pelzarten - Pariser u.Wieher Beschmack vereint ~ erzeugt nur in eigenen Werkstätten, unter pers. Leitung des beetrenommierten Inhabers der Firma HPraterstr. MI . Gr.Wohrei9.2-6