Mannheim
Compact Memory

Die Wahrheit · 1923-11-16 · Heft 23 (16.11.1923) · page 4

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Wahrheit
Volume
1923
Issue
Heft 23 (16.11.1923)
Date
1923-11-16
Page
– (sequence 4)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
97% known words query
IRI
…/3062972-3064121-3064143--12439-3079890
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

2 entity mentions

Seite 4 DIE WAHRHEIT Nr. 23 lebt unter dem Hakenkreuz, und bis an die Zähm bewaffnete Truppen des Herrn Hitler üben auf den militärischen Schießplätzen und warten auf den großen Augenblick, wo sie das rote Thüringen überrennen und nach Berlin marschieren dürfen, um die deutsch-völkische Diktatur zu errichten. Nun hat man einen Ausnahmezustand verkündet, der an und für sich völlig ungesetzlich ist, da das Reich von sich aus einen anderen verkündet hat und benützt diesen, um möglichst viel der verhaßten Juden aus München herauszutun. Was dies im gegenwärtigen Augenblick der Wohnungsnot in Deutschland bedeutet, kann man sich wohl in anderen Reichen nur schwer vorstellen, es bedeutet nichts anderes, als daß diese Menschen völlig obdachlos vor Ausbruch des Winters auf der Straße sitzen. Man weist einen Mann von der geistigen Bedeutung des Dr. Eliasberg aus, einen schwer herzkranken Menschen! Aber was wissen die in Bayern Gewaltigen von geistigen Dingen! Man betont selbstverständlich ganz im altpreußischen Stil, daß es sich bei all diesen Dingen nicht um antisemitische Maßnahmen handelt, sondern um lästige Ausländer. „Die Konfession spielt hierbei keine Rolle". Aber wir wissen, was es mit solchen Verordnungen in Bayern auf sich hat. Ein Fall beweist es auch, in dem man einem Ausgewiesenen einen Wohnungstausch gestattete, aber unter der Bedingung, daß er nicht mit einem Juden tausche. Während heute in Rumänien und in anderen Ländern eine gewisse Gesundung in der Auffassung der Judenfrage Platz greift, geht Bayern den entgegengesetzten Weg. Soll nun, so fragt man sich, die jüdische Oeffentlichkeit die Zustände in Oberschlesien und Bayern einfach stillschweigend hinnehmen, öder hat sie so gar keine Mittel, etwas dagegen zu tun? In Beuthen hat man ein derartiges Mittel gefunden, man hat der deutschen Notgemeinschaft mitgeteilt, daß alle Zahlungen für diese von. jüdischer Seite eingestellt würden. Das Geld der Juden wird ja so gern gesehen, und das jüdische Herz bringt es kaum fertig, seine Brieftasche Notleidenden zu verschließen! Aber aller Opfermut hat auch seine Grenzen, er darf nicht bis zur Selbstentmannunggehen! Wir rufen die Juden der ganzen Welt auf, Front zu machen gegen die Zustände in Bayern. Vor allem wird der „Joint" sich mit diesen Dingen zu beschäftigen, haben. Sollte es kein Mittel geben, um der Regierung des Herrn von Kahr klar zu machen, daß Bayern in Europa liegt? Ganz Israel soll für einander Bürge sein! Deutschland steht auch hier am Scheideweg. Ein antisemitisches Deutschland hat Sympathien in der Welt nicht zu erwarten, und ohne diese Sympathien ist ein Aufbau unmöglich! Man müßte einlenken, ehe es zu spät ist. Einiges über den jüdischen Religionsuntemcht. Von Dr. M. Spanier, Magdeburg. (Schluß- Auch von einem erdrückendem Memorier- Materialismus kann bei uns keine Rede sein. Ist Religion lehrbar? Es ist zugegeben, daß Gesinnungen sich nicht in die Kinder hineinreden lassen. „Ueber Gesinnungen läßt sich nicht examinieren." Iierbart sagt: „Sittlichkeit und Religion sind Gesinnungen; sie sind nicht Kenntnis einer Reihe von "»■■»■■■"■»»■■■■»■«»■■■■■i«!»!! i»»»«MaMO»«im!Mmi^««ni Das Mysterium-Judentum. Von Dr. Max Grunwald. Den meisten Lesern der „Wahrheit" wird diese Ueberschrift rätselhaft klingen. Sie bildet den Titel einer kürzlich bei Dr. Löwit, Wien, erschienenen Broschüre, die das Verhältnis dieses Judentums zum „Heidenapostel Saulus-Paulus" behandelt. Der Verfasser, Herr Dr. Max Wertheimer, hat vor vier Jahren in einer Streitschrift „Gottesvolk oder Gottesvölker" gegen N. Birnbaums „Gottesvolk" Stellung genommen. Darin wird betont, daß der persönliche Monotheismus der Menschheit nicht erst mit Israel gekommen, sondern schon bei der gebildeten Priesterkaste der Aegypter u. a. Völker nachweisbar sei. Statt auf den monotheistischen Charakter, wird auf eine andere Seite des Judentums Gewicht gelegt; es ist die Religion des Herzens. Als solche solle und müsse die jüdische Religion die nationale Form und dogmatischen Scheidewände abstreifen, um die Religion der Menschheit zu werden. Die Gegenwart sei nicht irreligiös, sondern nur den monotheistischen Pries terreligionen abhold. „Freilich würde damit das religiöse Priestergeschäft mehr oder weniger beeinträchtigt". Aber „die religiöse Wahrheit ist das schönste Kleid der Religion". „Gottesvolk ist eine dogmatische Eintagsfliege". Wir wollen auf die Birnbaumsche Schrift hier nicht weiter eingehen, sondern einzig und allein den persönlichen Bekennerstandpunkt W e r :t h e imers dahin feststellen, daß er nur die eine Richtung im Judentum vertritt, der diejenige Birnbaums als eine zweite gegenübersteht, während die dritte das Mysterium-Judentum bildet, mit dem sich Wertheimers erwähnte neueste Veröffentlichung beschäftigt. Diese Dreiteilung, die wir hier vornehmen, erscheint uns allgemein wichtig genug, daß wir mit ein Paar Worten bei ihr verweilen. Die tiefe stoziale Einsicht unserer Propheten, ihre glühende Begeisterung für sozialen Fortschritt, ihre dahin zielenden zuversichtlichen Hoffnungen und unerbittlich strengen Forderungen bilden, wir wollen nicht eitel sagen: einen Ruhmestitel, aber jedenfalls einen idealen Besitztitel des Judentums, dessen jüdische Priorität unanfechtbar ist. So wie die prophetischen Reden von allem Anfange an auf die Menschheit als Gesamtheit eingestellt sind, sind sie, wie die gesdJichtliche Entwicklung unumstößlcli dartut, die Triebfedern geworden, denen die soziale Umgestaltung der menschlichen Gesellschaft zu danken1 ist. Losgelöst von nationalem Böden, von rituellen und dogmatischen Formen und Schranken sind sie Gemeingut aller geworden, die für den Sieg der Ideen. F fe i h e i t, Giere h h e i t und B r ü d e r 1 i c hk e i t kämpfen. „Jeder sein eigener Herr, jeder sein eigener Priester!" „Freiheit des Leibes, Freiheit der Ueberzeugung!" Das sind1 Prinzipien, die1 das

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.