Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1923
- Issue
- Heft 23 (16.11.1923)
- Date
- 1923-11-16
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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HEIT Unabhängige ZeifsdiriH für jüdische Interessen PEN tieiit Beiblatt; ¥eröilenflidiungen der „Union aemscMsferreidiisdier Juden Redaktion und Administration: Wien HI., Heinesiroße 13. - Fernruf 42-2-16 XXXIX. Jahrgang Wien, 16. November 1923 Nummer 23 Der Ptttschfllm. Darüber ist die zuschauende Welt einig: Die Regisseure verstehen ihr Geschäft, wissen ein größeres Publikum in Spannung u;.d Aufregung zu halten und lassen die Bilder mit der kinomäßigen Schnelligkeit abrollen. Nur weiß leider niemand, der wievielte Akt des Spektakelstückes „Deutschnationale auf dem Kriegspfade", bereits geboten wurde. Auch die wirksame Mischung von Ernst und Scherz fehlt nicht. Hatte es noch vor einigen Tagen den Anschein, als ob der Eisenfresser Hitler als blutiger Held anzusprechen sei, so haben ihm die nächsten vierundzwanzig Stunden in der Rolle des Clowns gezeigt. Auch die meisten der hervorragenden Mitwirkenden körnten einen ungewollten Lach erfolg verzeichnen. Ehren-Kahr steht als eine Art Burrtans Esel zwischen den Links- und Rechtsexltremen schwankend, bis ihn die Logik der Tatsachen dfe> Entscheidung aufzwang. Sein Ehrenwort . auf Kündigung, durch die vorgehaltene Pistole abgenommen, es ist im doppelten Sinne des Wortes „zum Schießen". Und es soll auch eines anderen Ehrenwortes gedacht werden, das. Herr Ludendorff gab, füi'der recht brav zu sein. Muß für ihn nicht recht sein, was für Herrn v. Kahr so billig war: Ehrenwort unter Vorbehalt, auch anders zu können, wenn keine vorgehaltene Pistole droht? Es ist eine alte Sache, daß man Ketzern und Vaterlandsverrätern, wie dieser deutschen Reichsregierung, kein Versprechen halten muß. Warten wir nur, bis sich ein ariderer Wind erhebt und das Ludendorff sehe Ehrenwort hinwegbläst. An Windbeuteln von der Einflußgabe des nahegerückten Exkronprinzen fehlt -es nicht. So bleibt es immerhin eine Frage der nächsten Tage, ob die augenblickliche Ruhe nichst eine vor dem nahen Sturm ist, ob jene, die heute noch oben sind, im Ringen um die Macht und den Profit wieder unterliegen werden. Bei Ringern wie Kahr, Ludendorff und dem hakenkreuzlerischen ehemaligen Polizeipräsidenten Pöhner sind ja alle Griffe und Uebergriffe erlaubt. Also, noch ist das Ende des Putschfilms nicht abzusehen. d, * * # Eine Stichprobe der Zustände, die Schlüsse auf die kommenden Dinge im Deutschen Reich zuließ, gibt die nachstehende Schilderung der Verhältnisse vor dem Putsch, die heute noch von Interesse ist: In rasendstem Tempo gleitet die deutsche Papiermark nach unten, in rasendstem Tempo treiben die deutschen politischen Zustände zur Katastrophe uödi drohen in ihr dem deutschen Judentum einen tödlichen Schlag zu versetzen. Während die Reichsregierung ihre ganze Energie gegen das sozialistische Ministerium Zeigner verbrauchte, wird das Treiben der Gegenrevolution in Bayern immer schamloser, und auch im übrigen Deutschland rüstet die Reaktion, um der verhaßten Republik, der Judenrepublik, wie man zu sagen pflegt,' den Todesstoß zu versetzen. Während der auf Lohn oder Gehalt angewiesene Teil der Bevölkerung kaum weiß, wie er die Notdurft des Lebens bestreiten soll, da die Papierfetzen, die er in die Hand bekommt, schon im Augenblick der Zahlung entwertet sind, leiden die agrarischen Sachwertbesitzer keine Not; aus ihren Kreisen kommen in reicher Fülle die Gelder, die die Gegenrevolution speisen, während selbstverständlich alle anderen Organisationen unter schlimmstem Geldmangel zu leiden haben. Das mußte vorausgeschickt werden, damit die folgenden Ausführungen, die sich nun mit den jüdischen Problemen zu beschäftigen haben, voll verstanden werden. Wir haben zwei Zentren in Deutschland, von den enaus die judenfeindliche Agitation mit voller Energie getrieben wird, nennen wir die Dinge gleich beim rechten Namen: Mordhetze! Offiziell ist Deutschland entwaffnet, aber jedes Kind weiß, daß es eine Unzahl Scheinorganisationen gibt, die ja wohl nicht imstande sind, den Revanchekrieg gegen Frankreich zu führen — davon träumt man wohl auch — die aber ausreichen, den inneren Feind, d. h. die Juden zu beseitigen. Unter dem Vorwand, den Rest Deutsich-Oberschlesiens gegen angebliche Angriffe der Polen zu verteidigen, Angriffe von denen noch kein Mensch etwas gemerkt hat, haben sie ihr Kraftzentrum in Beuthen und Hindenburg. Gesellen, zu allem fähig, riegeln plötzlich die Straße ab, prügeln alle Jüdischaussehenden oder sich als Juden Ausweisenden durch, schlagen einige halbtot. Die Polizei erscheint verspätet und kann nicht mehr eingreifen. Es handelt sich hierbei nicht nur um Mißhandlungen von Ostjuden, den Unterschied macht man schon längst nicit mehr, den nationaldeutschen Juden vom Schlage Naumanns sei es gesagt — man vergreift sich ganz genau so an den alteingesessenen Einwohnern, sofern sie eben Juden sind. Die Vorfälle wurden von der bürgerlichen Presse meist totgeschwiegen oder in einer kleinen Notiz ihren Lesern zur Kenntnis gebracht. Man bedenke, daß das Umstände sind, wie sie in Rußland in der zaristischen Zeit nicht schlimmer sein konnten, und das in Deutschland! Und nun zu Bayern. Es ist bekannt, daß die bayrische Regierung sich einen glatten Bruch der Verfassung hat zu Schulden komen lassen, und daß sie einen meuternden General an die Spitze ihrer Soldaten berufen hat. Daß die bayrischen Juden wie auf einem Vulkan wohnen, ist bekannt, München.