Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1923
- Issue
- Heft 23 (16.11.1923)
- Date
- 1923-11-16
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/3062972-3064121-3064143--12440-3079891- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Nr. 25 DIE WAHRHEIT Seite 5 Lehrsätzen, nicht Routine in der Praxis nach einem Kodex — sondern Gemütsverfassungen." In Israel konnte öder kann die Frage nach der Lehrbarkeit der Religion nicht gestellt werden. Die Thora, die Lehr e, gehört zum Lebenselement, zum Wesen des Judentums. Lernen und lehren sind die beiden Faktoren, die den Inhalt des Judentums bilden und — Theorie und Praxis müssen sich die Hand reichen, Lehre und Leben sollen in innigster Wechselwirkung zueinanderstchen. Wenn Herbart die Charakterstärke der Sittlichkeit als Ziel der Erziehung bestimmt, so hat das unsere Religion schon in Zeiten gelehrt, als andere Völker in tiefer Nacht der Barbarei noch befangen waren. Wenn in christlich theologischen Kreisen z. B. von dem feinsinnigen Theologen Arthur Bonus die Frage: Ist Religion lehrbar? mit der Forderung beantwortet wird, daß der Religionsunterricht, um eine „Versendung der Religion" zu verhüten, aus der Schule entfernt werden müßte, so ist das sicherlich eine Verirrung. Das heißt, das Kind mit dem Bade ausschütten. Bonus bekämpft die gedächtnismäßige Aneigung von Rehjnonslehren, den verfehlten Betrieb des Religionsunterrichts, der mehr an den Verstand und das Gedächtnis appelliert, als an das Gemüt. Der christliche Religionsunterricht weiß sich auch nicht immer frei von konfessioneller Unduldsamkeit und Schroffheit. Eine Religion der Liebe sollte Liebe und nicht Haß predigen. Die Religionsstunde soll eine Weihestunde sein. Die Religionsstunden sollen vorwiegend der Erweckung religiösen Lebens oder Erlebens dienen; aber auch das intellektualistische Moment braucht nicht außer Acht zu bleiben. Ob sogenannte systematische Lehrbücher immer religiöses Empfinden zu vermitteln imstande sind, ist eine andere Frage. Jedenfalls bleibt die Persönlichkeit des Lehrers die beste Methode. In erster Reihe kommt als Rückgrat für den gesamten Religionsunt'erridit die biblische und nachbiblische Geschichte in Betracht. Bei den reiferen Schülern ist die Darstellung des Prophetismus unerläßlich. Bedauerlicherweise werden jetzt noch, in manchen jüdischen Schulen Propheten und Psalmen, die vorzugsweise angetan sind, Religiöses innerlich zu erleben, stiefmütterlich behandelt. Wenn selbst christliche Schulmänner und Theologeii (von einzelnen gegnerischen Stimmen sehen wir ab) darauf hinweisen, daß es keine Schriften gibt, an die sich die Belehrung über alle menschlichen Dinge, über geistige, sittliche und soziale Verhältnisse aller Art im Jugendunterricht leichter anknüpfen läßt, als an die Geschichten der Bibel, umsomehr müssen wir Juden das Buch der Bücher — am liebsten im Urtext — hochhalten und für die Schule fruchtbringend zu gestalten suchen. Je gründlicher wir uns in die Bibel vertiefen, desto mehr erstrahlen ihre Schönheiten in vollem Glänze. „Es liebt die Welt das Strahlende zu schwärzen .. Wir gedachten vorhin der gegnerischen Stimmen, der Bfibdfeinde (horribile dictu'!), zu denen auch Max N o r d a u zählte, der iin seinen „Konventionellen Lügen der Kulturmenschheit", also von der Heiligen Schrift spricht: „Wir unterscheiden in diesem. Wust altpalästinischen Aberglaubens dunkle Anklänge an indische und persische Fabeln, mißverstandene Nachahmungen ägyptischer Lehren und Bräuche, -ebenso trockene wie geschichtlich unzuverlässige Chroniken, allgemein menschliche, erotische und nationaljüdisch-patriotische Poesien, die sich selten durch Schönheiten ersten Ranges, häufig durch Ueberschwänglichkeit, Rohheit, schlechten Geschmack und echt morgenländische Sinnlichkeit auszeichnen." Neben diesem Glaubensgenossen ist der evangelische Geistliche Katzer zu nennen, dci in seiner Schrift: „Das Jiidenchristentutn in der religiösen Volkserziehung des deutschen Protestantismus" (vgl. auch unseren gedruckten Vortrag: „Die Bedeutung der "Bibel für die religiös-sittliche BildiuiR der Jugend", Hamburg 1911) die iadikaüe Ausschließung des Alten Testaments aus dem christ- Judentuin klipp und klar ausgesproclen hat. „Meine Diener sollt Ihr sein, nicht Knechte von Knechten". „Ihr sollt mir sein ein Reich von Priestern!" Dje G1 e i c h h e i t aller Menschen ohne Unterschied der Abstammung, sozialer Schichtung, des Bekenntnisses ist ausgesprochen auf dem ersten Blatte der Tora in der Statuierung der Göttesebenbildlichkeit des Vaters des Menschengeschlechtes. Die Brüderlichkeit wird für alle Welt nicht nur von unseren Propheten und Sittenlehrern, sondern auch in den Gebeten unserer hohen Feste als Ziel der Menschheitsentfaltung bezeichnet und ersehnt. Diese Ideen, deren Wirksamkeit das Weltbild umgestaltet hat und ganz besonders in den sozialen Kämpfen unserer Tage sich kundgibt, sind fremden Stämmen aufgepfropft worden; der eigene hat sie in Reinkultur zu pflegen. Schon darum hat er Daseinsberechtigung und Daseins - Selbsterhaltungspflicht. Der Sprudel darf nicht versiegen, soll sein Heiltrank nahen wie fernen Kranken zugeführt werden. Die Tora, das nationale Judentum, die überlieferten Satzungen und Bräuche, sie sind die Wurzel, Stamm nnid Aeste, die jene Früchte zeitigen und tragen, an denen, wenn wir diese durch Mißbrauch diskreditierte Wendung gebrauchen dürfen, die Menschheit genesen soll1. Diese Richtung im Judentum ist die von den Pharisäern gepflegte, ihre Vertretung ist echter jüdischer Nationalismus. So wenig unsere Propheten diesen nationalen Zug verleugnen, so wenig fehlt dem wahren, jüdischen Traditionalismus der universalistische Charakter. Die dritte Richtung im Judentum ist die mystische. Hier ist die Quelle der christlichen Dogmatik, sowie jener Entwicklung innerhalb des Judentums, die von der Gnosis über die Kabbala zum Chassidismus geführt hat. Auch sie entbehrt ursprünglich weder der nationalen Färbung noch des Augenblickes in das Kosmopolitische. Auf diesem Gebiete~-bewegt sich die neueste Studie Wertheimers. Er führt darin aus: „Das nationale Mysterium-Judentum in seinen verschiedenen Sekten und Strömungen, mit seiner geheimnisvollen Verehrung des alten chaldäischen Erlösergdttes Jehoschua ist die religiöse Keimzelle des Urchristentums des zweiten Jahrhunderts u. 2. Was das nationale Mysterium-Judentum mit dem großen Wüstenprediger Johannes dem Täufer begonnen hatte, das setzte das Mysterium-Judentum der griechischen Diaspora fort, welches in Ver-