Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1923
- Issue
- Heft 4 (15.2.1923)
- Date
- 1923-02-15
- Page
- – (sequence 16)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 16 D i t Wah rhe lt Nr. 4 glgj| ~ Vermischtes Generalversammlung der ^Wohlfahrt". Donnerstag, den 1. Februar d. I. fand in den Klublokalitäten des Cafö Siller, Wien, 1. Bez., die 2. ordentliche Generalversammlung des Vereines „Wohlfahrt" statt. Außer dem Vereinsvorftande und zahlreichen Mitgliedern der „Wohlfahrt", ferner des mit dem Verein verbundenen - „Sanierungskomitees" sowie der Vereinssektion I bis IX waren in . Vertretung des Kultusvorstandes Herr Präsident Univ.-Prof. Doktor Alois Pick und andere Gaste erschienen. Der Vereinsobmann Herr Rabbiner Dr. M. Grunwald eröffnet« die Versammlung. In . keiner Begrüßungsamprache, in der er vor allem dem Herrn KultusprLfidenten und den übrigen Ehrengästen für ihr Erscheinen dankte, würdigte er die Verdienste seiner engeren Mitarbeiter, -der Herren Kultusräte Isidor Schwarz und Julius Berger, Franz Däne8, Ävdwig Hirschfeld, Carl. S chni tz er, Kultusrat D. Dohan. S. Weiner, Philipp Haas, S. Kornmehl, Direktor E. G r o ß, Dr. Bruno und Walter Werner und Bernhard Engel. Er wies darauf hin, daß wir Juden von altersber als undankbar bezeichnet würden. Aber gerade Dankbarkeit und Pietät seien die Triebfedern, die -dem Verein die rastlose Energie verleihen. Not und Elend im Großen -wie im Kleinen beharrlich zu bekämpfen. Ein warmer Appel an die BereinSmitglieder um weitere unverdrossene Mitarbeit und harmonisches Zusammenwirken schloß die Ansprache, die mit lebhaftem Beifall aufgenommsn wurde. Herr Prof. Dr. P i ck zollte in seiner Erwiderung -dem Vereine warme Anerkennung. Er « schilderte aus eigener Wahrnehmung die angemessene Form, in der -vom Vereine Hilfeleistung in Einzelfällen gewährt wird, wie die hohe Bedeutung, die seine Fürsorgetätigleit für die Erhaltung der unterstützten Anstalten und die Erhöhung -des Lebensniveaus ihrer Insassen gewonnen habe. Aus dem hieraus vom Schriftführer Herrn Redakteur Ludwig H i rschfeld zur Kenntnis gebrachten Tätigkeitsbericht sei fönendes hervorgehoben: Als im Jahre 1919 der Umsturz alle sozialen Verhältnisse unter sich begrub uüd das Trümmerfeld ein unübersehbares war, litten die Wiener israelitischen Wohlfahrtsanstalten in Besorgnis erregendster Weise. Das Los unserer armen Kranken im Gemern-defpital, der Alten im Versorgungs¬ und Siechenhaus unserer doppelt unglücklichen blinden und taubstmwmen Kinder in den für sie errichteten Anstalten war gefährdet. Trotz wiederholter Aufrufe in Zeitungen und von der Kanzel heab, wurde die Lage von Tag zu Tag trostloser; 'denn die Anstalten waren waren von -den früher reichlich geflossenen Hilfsquellen völlig äbgescvnitten und nun vereinigten sich wahrhaft jüdisch empfindende Männer, die Herren Franz Denes, David Dohan und Simon Weiner, denen sich Herr Julius Berger, der schon früher, veranlaßt durch einen Aufruf im „Abend", eine Sammlung für das Altersversorgungshaus eingeleitet hatte, zu energischer Hilfeleistung. Diese Wackeren bildeten mit dem idealen Wahlspruch „Das kostbarste Gut der Menschheit ist d e r M e n s ch" jenes engere Sanierungskomitee, das sich die Aufgabe stellte, bei den Glaubensgenossen des In- und Auslandes die erforderlichen Mittel zur Mterbaltung der Institute zu sammeln. Sie trugen ihre segensreiche Idee Herrn Rabbiner Dr. Max Grunwald vor, der sich begeistert an die Spitze der Arbeiten stellte und als geistiger Führer bis zum heutigen Tage wesentlich zu ihrem Gelingen beitrug. Als Schriftführer wurde der leider zu früh verstorbene Bezirksrat Herr S. M. Rübner gewählt. Das Komitee setzte sofort verheißungsvoll mit seiner Sammeltätigkeit ein. und nach und nach schlossen sich folgende Herren an: Kultusvorsteher Jstdor Schwarz, Karl Schnitzer, Philipp Haas, Direktor Julius Haber, weiland Josef Gabors ky, Siegmund K o r n m e h l, der in der Zeit der größten Fleischnot dafür Sorge getragen hat, daß die Anstalten regelmäßig Fleisch bekamen, ferner die Herren Direktor Alfred L a n d e s° b e r g e r, Isidor Herb st, Redakteur Ludwig Hirfchfeld, Franz B o scha n, Direktor Bela Böhm. Auf Antrag des unermüdlichen und opferfreudigen Kassiers Herrn Karl Schnitzer wurde vor zirka 2 Jahren -der segensreiche Verein „Wohlfahrt" gegründet, der neben den gleichen Tendenzen auch die Unterstützung weiterer israelitischen WohlstchrtSanstalten; auch Einzelunterstützungen jüdischer verschämter Armer, in sein Programm aufnahm. Auch betreffend der Tätigkeit des Vereins gilt der Spruch: „An Ihren Früchten Mt Ihr sie erkennen", und wie reich diese gediehen find, wies Redner an Hand einiger Daten nach. Durch Sammlungen wurden im abgelaufenen Geschäftsjahre iT 214.441.060 aufgebracht. Hievon wurden für die Hauptanstalten verausgabt: Fleisch K 83,998.745, Lebensmittel K 42,500.800, Fett K 34,419.500, Kartoffeln K 29,041.723, Zucker K 8,060.000, medizinische Behelfe, Wäsche usw. K 2,958.886. An verschämte Arme zirka K 3,000.000. An verschiedene Wohlfahrtsanstalten für Kinder K 3,000.000 und Lebensmittel im -doppelten Werte. Auch die jüdischen Jnsaffen des Langer BersorgungShauses wurde wiederholt ausgiebig unterstützt. Im Anschlüsse an diese, von der Versammlung mit dem Ausdrucke lebhafter Befriedigung quittterten Mitteilungen des Schriftführers widmete der Vizepräsident des Vereines Herr Kultusvorsteher Jstdor S ch w a r z dem Vereins« Präsidenten Herrn Rabbiner Dr. Grunwald sowie dem Obmanne der Kommission für das Vevsorgungshaüs Herrn David Dohan Worte herzlicher Anerkennung für ihre aufopferungsvolle Tätigkeit. Sodann erstattete Herr Dr. Walter Werner im Namen des von Wien abwesenden vedienftvollen Obmannes, Herrn Simon W e i n er -den Tätigkeitsbericht der Sektion 1. und 9. Bezirk. Die von der Sektion veranstalteten Vergnügungsabende wiesen glänzende Erfolge auf und die Sektion der Zentrale nn-abgelaufenen Geschäftsjahre K 12,646.785, tsch K 900, Ml. 571, ung. K 50. Auch diese Ausführungen begegneten -dem beifälligen Interesse der Versammlung. - Der Tagesordnung entsprechend wurden hierauf nach Entgegennahme des Berichtes -der Revisoren, den abtretenden Vorstandsmitgliedern die Decharge erteilt un-h- Neuwahlen vorgenonrmen, so daß gegenwärtig dem Vorstände folgende Herren angehören: Kult-usMt Julius Berger, Direktor Bela Böhm, Franz Denes, KultuSrat David Dohan, Bernhard Engel, Siegmund Ernst, Moritz Freund, David' Goldmann, Direktor Emil Groß, Rabbiner Dr.- Max' Grunwald, Philipp Haas, David Hermann, Redakteur Ludwig- Hirschfeld, I. Juszkovits, Siegmun-d Kornmehl, Moritz Oesterreicher, S. Oesterreicher, Carl Schiritzer, Kultusvat Isidor Schwarz 'Dr. Oskar Waggner, Ignatz Walzer, S. Weiner, Max Michael Weiß; Dr. Brurw Werner, Dr. Walter Werner. Als Beiräte die Herren Julius Figdor, Paul Fries, Direktor Julius Haber, Isidor Herbst, Josef Weiß, Eduard Engel, Michael Steißler, Adolf Ungar. Auf Antrag foeä Herrn Carl S ch n itzer wurde nach kurzer Wechselrede der Jahresbeitrag für ordentliche Mitglieder'auf K 5000, untestützende Mitglieder K 50.000, Föderer K 100.000 festgesetzt. Mit einem ' kurzen' Dankeswort schloß der Vorsitzende die Versammlung. Chewra Kadischa, Baden. Sonntag, den 4. d. M.> fand die Jahresversammlung der obigen Institution statt, die an Stelle des verhinderten Obm-ann-es Naab von Herrn Kassier Lndwig Lackenbacher eröffnet wurde. Er hielt den im verflossenen Jahre Verstorbenen «inen warmen Nachruf, der von der. Versammlung stehend <vnge'hört wurde. Herr Rentier Hofdauer erstattete den Kassabericht, in welchem er besonders Herrn Lackenlbcrcher Kr seine tüchtige G-eschäftsführung innigen Dank 'aussprach. Beil., der darauffolgenden Neuwahl der Revisoren und Ersatzmänner wurden neugewählt zu Revisoren: die Herren Fritz Flaschner und Kohn jun., zu Ersatzmännern die Herren Cafetier Stern, Besitzer des C-af6' Schopf, der 30 Jahre bei der Wiener Ch-ewra Kadischa tätilg war und sich auch gewiß in seinem neuen -Wivkungsikreise durch seinen Sinn für Humanität bestens bewähren wird, ferner die Herren Ignaz Keßler und Gustav Oedenburger. Jüdische Arbeiterlehrwerkstätten in Wien. Die erste Lehrwerkstätte für Tischler wird bereits vom „Jüdischen Hilfsmerk der Agudas Jisroel" eingerichtet. Durch Erwerbung eines großen maschinellen Tischlerei-Fabriksbetriebes wird mit 'der Tischlerei bereits begonnen, nachdem -die Werkstättengebäuden entsprechend adaptiert worden, sind. Seit zwei Wochen werden in den Werkstätten 12. Bez., Edelfinngasse 20, die grundlegenden Umbauarbeiten ausgeführt. Materialspenden für die Werkstätten nimmt das Zentralbüro, 2. Bez., Malzgasse 12a, Tel. 49054 entgegen. Josef Grob. (Zu feinem 20jahrigen Schriftstellerjubiläum.) Der unheilvolle Weltkrieg hat leider auch die, welche ihn überlebt haben, nicht vereint, sondern getrennt. Menschen, die einander früher nicht entbehren konnten, ständig im Kontakte blieben, entfremdeten sich, sahen einander jahrelang nicht mehr, und als sie der Zufall endlich doch zusammenbvachte. stehen sie sich schüchtern, befangen, seelisch. und sozial verändert gegenüber. So ungefähr erging es mir auch mit Josef Grob. Vor fast 20 Jahren fanden wir uns im Wiener Withechapel, >der Brigittenau, -dem Armen-Leut-Bezirk zusammen. Wir waren entgegengesetzte P)le und deshalb zogen wir uns an. Ich, der doppelt Aeltere, seit zwei Lustren an der Wiener Kultur, dem Liberalismus, und seinem Stiefkind, dem Antisemitismus, schmerzvoll Leidende; er, der jugendliche Schwärmer und Sänger, mit dem Joch der ' Ehe frühzeitig beladen, unter der Schwere der Zeit seufzend.- Nun, was ist zu machen? fragte ich. Nichts, sagte Grob, nur eine Hoffnung gibt es, sich versenken in die Mische Literatur der Moderne: I. L. Perez, S. Rabinowicz (Schalom Alechem), Schalom .'Asch, Abraham Reisen usw., hier sprudelt ein lebendiger Quell, ein 15