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Die Wahrheit · 1923-02-15 · Heft 4 (15.2.1923) · page 15

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1923
Issue
Heft 4 (15.2.1923)
Date
1923-02-15
Page
– (sequence 15)
Language
German
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Dre Wahrheit Teile 1K Nr. 4 Theater, Kunst und Literatm: Verein der Freunde deS Große» Leopoldstädter Tempels. Mittwoch, den 31. v. M. 'fand im Thsaterfaale des Caf6 „Reichshof" eine sehr gelungene Künstlerakademie statt. Das rührige Vergnügungskomitee mit Herrn Siegmmrd E r n st an der Spitze hatte alles anfgeboten, das Gelingen des Abends zu sichern. Die Begrüßungsansprache des Vevernspräsidenten Herrn Dr. E. Thaler wurde äußerst beifällig ausgenommen. Herr Oberkantor I. Morgenstern gab seiner prächtigen Stimme wieder einmal alle Ehre, - ebenso glanzend waren die Darbietungen der Herren Kantor Lev Funk e und Oberkantor I. Margul i e s. Brav wie immer war das Künstlerpaar Julius Wat t und Elise Haas, und äußskst lobenswert Professor 3E mit seinem vorzüglichen Programm zur Laute, dem Erika Heller von der BoKsvper am Flügel zu vollem Erfolg vechalf. Frau Steffy Schnitzer löste mit i^reit' Rezitationen frenetischen Beifall aus. Nach der Pause hielt der Protektor des Vereines, Sr. Ehrwürden Herr Rabbiner Dr. M. Grunwäld, eine aktuelle Festrede, in der er auch des 57. Geburtstages des Obmannes Dr. E. Thaler und seiner großen Verdienste um den Verein gedachte. In der darauffolgenden Auktion bewährten wieder einige Herren ihren Wohltätigkeitssinn, so daß der Verein an diesem Abend, den Herr Oskar H i r s ch s e l d konferierte, euren hübschen Reingewinn erzielte. Bortrag. Im Rahmen der vom Verein für jüdische Geschichte und Literatur,in Wien abgehaltenen Vorträge sprach Mittwoch, den 31. Jänner Herr Dr. Richard K o r e c über Nietzsche und die Juden. Es gelang dem Vortragenden Wn Thema ebenso tief schürfend wie Aar zu behandeln. Vom Verhältnis Nietzsches zu Richard Wagner ausgehend, wurde die anfänglich 'bekanntlich bestehende Anhängerschaft mit der Auffassung der Suprematie -der Kunst, die spätere Gegnerschaft mit der Verbeugung, die der Dichter-Komponist im/Parsival vor dem Christentum gemacht und mit der Stellung «des Philosophen richtig erklärt. Es zeigt von.der Tiefe der religionsgeschichtlichen Forschung Nietzsches, daß er den fundamentalen Unterschied erkannt hat, welcher zwischen dem einfachen alt-testamentarischen GvÄesbegriff des Pentateuch und «den späteren nachexilischen und alexaudrinifchen Umformungen desselben besteht. Daß er mit Zarathustra den Dualismus und mit der Anerkennung eines gleichwertigen Prinzips des Bösen ein Unglück für die Menschen erkennt und richtig einschätzt, hat ihn leider nicht hindert, zu übersehen, wie deutlich Jefaia, und damit das Judentum den Dualismus ablehnt, was der Vortragende betonte. Nietzsche stellt sich zu den . Juden anders als Bekenner einer Religion, die er als Quelle dK Christentums gleich diesem energisch bekänrpft, und anders als Zugehörigen einer bestimmten Raste. Bei aller Ablehnung jedes religiösen und moralischen Standpunktes, bei Mer Höh erstellung der Kunst über die Religion, der Macht der Persönlichkeit über alle Moral, entrüstet sich der Wahrheitskämpfer Nietzsche über die verlogenen Versuche der Theologen, im alten Testamente Andeutungen und Hüüverse auf Jesus, zu entdecken und so die Bibel den Juden, denen ste Ur- und Älleigentüm ist, zu hinterziehen. Da er die Uraichanger des Stifters nur als proletarische Maste von Unterdrückten und diesen nur als Sozialisten (hier so. oberflächlich wie Heine) ansieht und alle Schwachen vom Grund ferner Seele haßt und deren Existenzberechtigung leugnet, fällt seine Kritik des Judentums ebenso abfällig aus wie die des Christentums, aber blos als Religion. Als Raste wertet er uns so hoch, daß er eine Mischung von Deutschen und Juden, allerdings unter Ablehnung der Ostjnden für höchst vorteilhaft 'hinstellt und den Antisemitismus mit Hohn von sich weist; es ist deshalb sehr gefährlich für unsere Feinde, ihn zu zitteren. Wenn der Redner bedcmevt, daß außer den ersten Werken Nietzsches die spateren und der Nachlaß zu wenig bekannt sind, kann man ihm nur beipflichten. Leider hastet die Menge aber auch nur an der Oberfläche, an den Schlagworten, mit denen uns Nietzsche etwas zu reich unabsichtlich versorgt hat, sie eignet sich fernen Acheismus, feine Macht- und Kunstverhimmelung an und gcht an seiner kritischen Würdigung des Pentateuch «achtlos vorbei. — Der Vortrag wäre, wie fast alle von diesem Vereine veranstalteten, einer größeren Zuhörerschaft wert gewesen. 'M. R. Dr. H. E. D. Morel, „Das Gift, das zerstört". — „Die Mär von dem deutschen Kriegsanschlag". Mit Bildnis des Berfasters. Frankfurter Sozietatsdruckerei. Während die neue englische Regierung eine fühlbare Schwenkung nach der deutschfeindlichen, «auf die Verträge von Paris eingeschwovenen und daher die in dem Diktat von Versailles niedergelegte Beschuldigung der alleinigen Verantwortung Deutschlands fiir den Weltkrieg betonenden Seite vornimmt, erstarkt in der englischen Oeffentlichkeit in letzter Zeit immer mehr jene Partei, die die Frage der Kriegsschuld, bester gesagt von Deutschlands alleiniger Kriegsschuld, und damit in Verbindung das einzige moralische Fundament des Versailler Friedens einer schonungslosen Kritik unterzieht. Daß die Wahlbewögung stark unter dem Einfluß dieser Kardinalfrage des europäischen Friedens in England sich abspielte, dafür haben vor allem die Labour-Party, aber auch die Gruppe der Unabhängigen Liberalen gesorgt. Von einein der angesehensten Führer der erstgenannten Partei, E. D. Morel, ergingen wiederholt leidenschaftliche Mahnungen, uns von der furchtbaren Beschuldigung der alleinigen Verantwortung zu reinigen; sie sind größtenteils dem deutschen Lesepublikum unbekannt und denn rührigen Verlage der Frankfurter Sozietätsdruckerei gebührt das Verdienst, diese Mahnungen, die in den zwei im Titel genannten Kapiteln aus größeren Werken des Berfasiers niedergelegt sind, dem deutschen Volks zu vermitteln. Erwin Heine „Das singende Herz". (Sudeiendenjfcher Verlag Franz Kraus, Reichenberg). Ein neuer Sänger, aber kein moderner von der Art jener, die sich durch Ungeheuerlichkeiten der Ausdrucksformen bemerkbar machen wollen. Bein Erwin Heine ist Mes schön empfunden «und klar gebracht, vor allem rein, kein Hauch der leidigen Evottk. Apollotheater. Die Premiere des Fabruarprogramms stand im Zeichen von heftigen Kundmachungen für und wider die angekündigte Attraktion. Der Manager der „Königin ihres Willens", wie Marcha Farra genannt wird, Herr Hanusten, beging nämlich den Fehler, scheinbar aus privaten Gründen, einen durchaus überflüssigen Vergleich 'der Leistungen dieser Dame mit jenen des Äsenkönigs Breitbart beim Publikum herauszufordern, wodurch er dieses zum Teil brüskierte. Die Produktionen der jungen Dame sind ansich interessant und ans jeden FM Leistungen, die, wenn man das Alter und die Konstitution derjenigen in Betracht zieht, die sie ausführt, sehenswert Die übrigen ausgezeichneten Nummern des Programms gereichen ihm zur Ehre.

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