Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1922
- Issue
- Heft 24 (15.12.1922)
- Date
- 1922-12-15
- Page
- – (sequence 15)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 24 Die Vahrheit Seite 16!ü II Vermischtes Der antisemitische Studentenrummek an den Wiener Hochschulen. In Ausführung -eines VorstanÄbeschlusses der Wiener israelitischen Kultusgemeinde begab sich die Vertretung derselben zum Bundeskanzler Dr. Seipel, um über die bekannten Ausschreitungen der ideutschnational-en Studentenschaft wie Ermunterung dieser durch die Hochschulbehörden Beschwerde zu führen und die Bedenklichkeit solcher Erscheinungen zu 'betonen. Der Bundeskanzler entaegnete den erschienenen Herren Präsidenten Dr. Pick, Vizepräsidenten Dr. Friedmann und Oberrabbiner Dr. E h a s e s, daß er die Berechtigung ihrer Beschwerde vollkommen anerkenne, meinte, daß die Bewegung unter der Studentenschaft diesmal nur durch die bekannten Vorgänge an der Prager Universität ausgelüst wurde (Vgl. unsere Ausführungen in den vorliegenden „Wahrheiten vom Tage") und versicherte, daß die hiesige Judenschast keine Ursache zu Besorgnissen habe, nachdem die staatsbürgerlichen Rechte aller Staatsbürger, welcher Konfession immer, gewahrt bleiben müssen. Die Bersichernng des Bundeskanzlers unterliegt nicht den: geringsten Zweifel, aber an den Wiener Hochschulen studieren bekanntlich viele Juden nicht österreichischer Staatsbürgerschaft, die gleichen Schutz ansprechen dürfen. Diesbezüglich wäre eine authentische Jnterpretion seitens des Bundeskanzlers als wichtig zu begrüßen gewesen; schon wegen des geflügelten Wortes von der bodenständigen deutschen christlichen Bevölkerrmg, womit unsere Antisemiten jetzt gerne krebsen gehen. Aktion zuaunsten der ungarisch-jüdischen „Numerus clausus"* Studenten in Wien. Das tufmge Komitee kann bereits auf einen kleinen, sowohl materiellen als auch moralischen Erfolg Hinweisen. Materiell insofern, als dasselbe in der kurzen Zeit seiner Wirksam - keit «die Summe von 3 Millionen Kronen aufgebracht hat; während der moralische Erfolg -dadurch zum Ausdruck gelangt, daß die St. Pöltner israelitische Kultusgemeinde mit ihrem Präsidenten Herrn Albert Leicht an der Spitze, diese Idee sofort sich zu eigen machte, eine Sammlung unter der dortigen Judenschast veranstaltete, welche ein vorläufiges Resultat von 556.00V K ergab. Diesen Betrag hat sie mit folgendem Schreiben uns avisiert: „Wir im Betrage von K 556.000, sagen: Fünfhundertsechstausend Kronen mittels Postsparkassa zu überweisen. Wir bemerken, daß sich um die Sammlung auch Herr Franz B o n d Y in St. Pölten sehr verdient gemacht hat. Weitere Sammlungen werden wir hier vornehmen. Für die Kultusvorstehung: Der Kultusvorsteher: Albert Leicht, der Kassenverwalter: Karl Bergler." Würde dieses Beispiel des St. Pöltener Judentums ausgebrettete und entsprechend intensive Nachnahme finden, dann wäre uns um das Schicksal der durch die fetzigen Machthaber in Ungarn aus ihrer Heimat verdrängten studierenden Jugend nicht mehr bange. » * Geldbeträge wolle man an die Redaktion der „Wahrheit" ober an Herrn M. Gold st ein, Cafä „Neptun", XX., Gaußplatz Nr. 7, senden. Unterstützungsbedürstige ungarische jüdische Hochschüker wenden fich vertrauensvoll an das Komitee oder an die Redaktion dieses Blattes. Ausweis der gesammelten Beträge: Nathan Chameides, M. SchnitzlerL 1,120.000, Israelitische Kultusgemeinde St Pölten, Franz Bondy, Nathan Klauser, K 556.000, Rudolf Klumak K 500.000, Jakob Färber R 300.000, I. Knall K 100.000, Fr. Padawez K 150.000, Fr. Tausky K 113.000, Herr S. Vogel 25.000. Jubiläum des Elisabeth-Heimes. Am 10. v. M. beging diese Anstalt für KrisgStvaisen, Lehrmädchen und Arbeiterinnen die Feier ihres 25jährigen Bestandes. Zur Feier waren erschienen: Herr Bundespräsident. Dr. Harnisch ht Begleitung des Präftdialchefs Löwenthal, in Vertretung des Bundesminksteriums für Unterricht Herr Hoftat Gerstner, in Vertretung ides Bundesmrnistrriums für soziale Verwaltung Herr Dr. Licht, die Nationalräte Freundlich und Eldersch, der Präsident der Kultusgemeinde Generalstabsarzt Prof.- Dr. P i ck, Herr Oberrabbrner Dr. Chajes, der I. Sekretär Dr. Adler, für die Handels» und GewevbeLammer Herr Kommerzialrat Wa Idstein, die Gemeinderäte Fischer -und Dr. P l a j ch k es, der Bezirksvorsteher des zweiten Bezirkes Berdiczower, der Obnrann des Ortsschulrates dieses Bezirkes Aufwerber, die Hofräte Frankfurter, Löwner und Schlag, der Präsident der Wiener Aerztekammer Herr Obermedizinalrat Dr. Thenen, Herr Obernredizinalrat Dr. Berdach, Vertreter der Hmnanitätsvereine und zahlreiche Industrielle und Kausleute. Bor Beginn der eigentlickren Feier wurde das Heim und die in demselben veranstaltete gewerbliche Ausstellung unter Führung des Präsidiums von dem Herrn Bundespräfidenten Dr. Harnisch und «den erschienenen staatlichen und kommunalen Delegierten besichtigt und haben sich alle Erschienenen in lobendster Weise über die Heimeinrichtung sowie über die ausgestellten Arbeiten, welche sämtlich von den Heimschützlingen verfertigt worden waren, geäußert. Sodann eröffnete der Präsident Herr ObermMzinalrat Dr. Krüger die Festversammlung, entwarf in kurzen Zügen ein Bild -der bisherigen Tätigkeit deS Vereines auf -dein Gebiete der Jugendfürsorge und wies mit besonderer Genugtuung -darauf hin, daß nunmehr eine Erweiterung des Heimes dahin in Angriff genommen -worden ist, daß in demselben selbst Lehr- und Werkstätten für die Zöglinge eingerichtet werden sollen, welche Neuerung für die Heimschützlinge von großem Vorteile -sein wird. Hierauf hielt Vorstandsmilglied Herr Dr. Herbatsche? die Festrede, an welche fich die Ansprachen -der erschienenen Vertreter staatlicher und kommunaler Behörden anschlosien, welche insgesamt ihrer Genugtuung über die Leistungen des Vereines aus dem Gebiete der Jugendfürsorge Ausdruck gaben und demselben die Wünsche für weiteres Gedeihen in herzlicher Weise aussprachen. Zwischen den einzelnen Anreden wurden von den Heimschützltngen gesangliche und deklamatorische Vorträge gehalten, welche von den Anwesenden mit großem Beifall aüfgeiwmmen wurden. Nach Schluß der Festversammlung wurde auch von allen Festgästen das Heim und die Ausstellung besichtigt und wurde allseits die Anerkennung über das Gesehene zum AuÄ>rucke gebracht. Das „Elisabeth-Heim , welches derzeit über 150 Waisenmädchen in seinen Heimstätten beherbergt und 'denselben Uiuerkunft und Verpflegung gewährt und die der Schule entwachsenen Mädchen den verschiedensten gewerblichen Berufen zuführt, kämpft leider in dieser schweren Zeit und im Hinblick aus die enorme Teuerung mit großen materiellen Sorgen. Um den Betrieb des „Elisabeth-Heimes" in ungeschmälerter Weise fortzuführen, müssen -die weitesten Kreise, insbesondere der jüdischen Bevölkerung, zur Hilfeleistung herangezogen werden. Ein Abbau des „Elisabeth-Heimes" hatte zur Folge, daß eine große Anzahl armer, verwaister, jüdischer Mädchen auf die Straße gesetzt und einer unsicheren Zukunft preisgegeben würde. Dies muß vermieden werden, und -darum rufen wir unseren Lesern zu: „Gedenket des „Elisabeth- Heimes" und helfet demselben durch tatkräftige Unterstützung seiner Bestrebungen!" Wir sind gerne bereit, für diesen ersprießlichen Zweck einlaufende Spenden entgegenzunehmen und zu veröffentlichen. Allgem. Kranke«, und Unterstützungsverein .Montefiore". In diesen: Jahre vollendete der im Titel genannte Verein das 40. Jahr seines Bestandes; mehr als ein Menschenalter hat er aus humanitärem Gebiet in segensreicher Weise seine Tätigkeit entfaltet, Wenn wir daraus Hinweisen, daß der Verein der einzige in Wien ist, welcher erwerbsunfähige Mitglieder, die die Beiträge nicht leisten können, von der Mitgliedschaft nicht ausschließt, sondern sie weiter als solche beläßt, ohne daß sie irgend welche Beiträge zu leisten haben; wenn weiter darauf verwiesen sei, daß er -bedürftigen Witwen nach Mitgliedern Unterstützungen zuwendet und an Mitglieder, welche in ungünstigster Vermögenslage find, Arzneien unentgeltlich verabfolgen läßt, so glauben wir, damit vollauf bewiesen zu haben, daß der Verein dem schon in seinen Gründungstagen ausgestellten Grundsätze, nur bumanen Zwecken zu dienen, stets treu gewesen ist und auch für die Zukunft es sein wird. Wenn wir noch besonders betonen. daß er als -erster in Wien, sofort nach Kriegsausbruch den zur militärischen Dienstleistung einberufenen Mitgliedern nicht nur die Beitrage stundete, sondern auch alle statutenmäßigen Ansprüche für die Familienangebüriaen in voller Geltung beließ, so ist dieser Unlstand für die Richtlinien sicher ein beredtes Zeugnis, die den Verein seit vier Jahrzehnten leiteten. Er glaubte nun. rm Sinne seiner Mitglieder zu handeln, wenn er den in der Geschichte des Vereines so bedeutungsvollen Abschnitt festlich beging, weshalb zur frier -des vierzigjährigen Bestehens Sonntag, den 26. v. M. im eopoldstädter Tempel ein feierlicher Festgottesdienst äbgehalten wurde, bei welchem die Funktion in oen Händen deS Herrn Oberkantor Josef Morgenstern lag, -der mit dem verstärkten Chor unter Leitung des Lhordirigenten H e r m a n n und unter Mitwirkung des Herrn Cello-virtuosen Professor 2 ulz e r sein Können wieder einmal aufs trefflichste bewährte. Der von Sr. Ehrw. Herrn Rabbiner Tr. Max Grunwald gehaltene:: Predigt, die groß angelegt war und daher eine mächtige Wirkung auslöste, entnehmen wir: „Der Verein, aufgebaut mtf dem 1