Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1922
- Issue
- Heft 18-19 (21.9.1922)
- Date
- 1922-09-21
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
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Seite 10 D i e Wahrheit Nr. 18/19 aufschreien ließ, wurde v'v-nr Budapester Strafgerichtshos als Erpressung qualifiziert. O, es gibt nach Richter in. Budapest! 6. Rasse, Volk, Nation. Von Dr. Max Grunwald. (Fortsetzung.) Kritik der Literatur. Kautsky. An dem Leitfaden der hier gnvounenen Begvisisbestimrnuugieu gelangen tvir zu folgenden Urteilen über die eingangs angeführte einschlägige Literatur. In der Kritik der Naßentheone kann man Ka-utsky in der Hauptsache beipflichten. Seine Kassandrarufe Mer die Aussichten des Zionisurns aber erinnern daran, daß das Prophezeien ein undankbares Geschäft ist. Und wenn er Äie Juden zu energischer Beteiligung am Klaßenkampfe des Proletariats ausfordert, so legen wir den Nachdruck aus die Erhaltung des Rechtsstaates. Ab lehnen müssen wir vollends seine Prognose, daß das Los des Judentums Selbstauslösung se-i. Wir wollen nicht in seinen Fehler der Weissagerei vierfallen, glauben aber — und die Geschichte der Juden spricht dafür —, daß das Judentum auch die gegenwärtige Krise überdauern und noch manchen künftigen Aufgaben gewachsen sein wird. Eine „MenschhM", das Ideal d!er Propheten, Äie aber — wohlgemerkt! — nicht von einer Verschmölzung, sondern von einer Versöhnung der Völker, nicht von Gleichmacherei, sondern von Gleichberechtigung reden, ist noch heute trotz Genua usw. keine Tatsache, sonderm ein frommer Wunsch gewisser Kreise, keineswegs ein ernstes Desideratum der sührerchen Stirnmen inr Rate der Völker. Noch regiert absolut *1 sacro egoismo. Aber selbst Kautskys ParMgieuoßen haben sich noch immer — und hn Kriege trat dies besonders scharf hervor — als „völkisch" und „patriotisch" gefühlt. Auch diese Internationale hat bisher ihre Spannkraft nur innerhalb bescheidener Grenzen betnährt. Ein Betveis, baß hier etwas Erdgebundenes, etwas Naturgemäßes zugrunde liegt, das sich durch kein Parteiprogramm wegdisputieren läßt. So wie, um ein Mosaik zu bilden, jedes Steinchen feinen Fa!rberlton voll und rein bewahren muß, so wie im Konzert jedes Instrument-seiner besonderen Partitur zu folgen hat, Wie aber doch int beiden Fällen .das Einfügen in das harmonische Ganze durch die ordnende HaNd des Künstlers, der Zusammenschluß zu einheitlicher Leistung durch den Taktstock des Dirigenten Zweck unld Sinn des Einzeldaseins ist, so hat auch ein jeder in dem Kreis, in den er hiueingeboren ist, seine besonderen Pflichten gegen dessen Sonderart, die er mit auf die Welt bringt, zu erfüllen. Wie gegen die Familie, so gegen die weitere Abstammungsgemeinschaft. Er hat die ihrer nnd somit seiner Art innewohnenden Kräfte und Anlagen zu entwickeln in Treue gegen seine Herkunft, so wie Äeir Apfelbaum nie anderswoher als aus seiner Wurzel Äie Säfte ziehen, kann, um ferne Blüten und Früchte zu entfalten. So lange man in der realen Welt nur Apfel-, Birn- und Nußbäume, „den Baum" aber nur als Begriff, als Abstraktum kennt, so lange wird neben anderen völkerpsychologischen Besonderheiten das Judentum seine Daseinsberechtigung behaupten. Kautsky gegenüber besonders beachtenswert ist, tvas sein Parteigenosse P e r n e r s st o r f e r im „Juden" (Jcchrg. 1. S. 308 ff.) über jüdischen Nationalismus sagt. Goldstein. — Kahn. Vortrefflich ist Gold st ei ns Aetiologie und Brandmarknng des Rassenantisemitismus, zu dem den polaren Gegensatz die Ged an km der Mbel bilden. K a h n behandelt die Inden als Rasse ein wenig zu subjektiv, wenn er von ihnen sagt, daß — nicht ein TM, sondern—s r e sich einander körperlich ltub geistig verwandt fühlen, daß sie — allgemein — den Willen gilt eineni jüdischen Staate haben, somit eins Nation seien. Beides trifft nur zu, wenn man es ans einen Teil beschränkt. Ebenso Kahns Ausspruch, ddß das Ledio dlatwl fo'en Indem tiefer ergreife als nichtjüdische NatilorläMÄsr. Es sei denn, daß Kahn alle anders empfindenden Jndckn, die immerhin einen starken Prozentsatz' bildm dürften, ebenso ans dem Judentum ansschließein will, wie die Proselyten. In letzterem Belange verfährt er historisch unzulässig. Einmal deshalb, weil, wie wir sahen, als Kriterium der Zugehörigkeit zum Judentum die Beschneidung zu gelten hat, nicht anthropologische Merkmale, zu deren Konstatierung wählt K a h n die Hanptgvuppe, das Gros der Juden, aus, wie uns scheint, willkürlich, weil er konsequenterweise auch von ihr Proselyten ansschalten müßte, wie er es in Äen Nebengrrrppen (Jemeniten usw.) tut-. Freilich ein Unternehmen, das undurch- - führbar wäre. Man denke nur an die unübersehbare Zahl von Uebertritten zum JNdmtüm Ar Ostmropa seit den Chazaren bis aus den heutigen Dag! Wer kann da noch von „reinrassigen" Ostjniden reden? Seine Auffassung, daß der jemenitische Jude eitwä diem russischm Inden ebenso fern oder nahe stehe, wie der Inder als britischer Untertan dem Engländer, und daß man Jude bleibe, wenn man aus dem jüdischen Glauben austritt, ist hingegen im Rahmen seiner Anschauung ganz folgerichtig, führt aber zu unhaltbaren Konsequenzen. Auch wi'r sind wie Kahn der Ansicht, Äaß 'das- Judentum nicht nur. eine RMtziionsgömeiinschast ist. Was bleibt denn aber jüdisch an dem Inden, .der Äem Judentum den Rücken kehrt? Den anthropologischen Tatbestand ändert er für seine Person damit gewiß nicht. Ebensowenig annulliert er die Beschneidung, wenn auch dieses Symbol durch den Austritt bedeutungslos wird. Bleibt somit nichts als die äußere Erscheinung. Wie, wenn aber auch diese gerade in dem bestimmten,. Falle einen der zahlreichen Grenzfälle darstellt, die alle jene als jüdische Spezifika zu bezeichnenden Merkmale vermißen laßen? Desertiert doch nicht jeder in ibleir Uniform! Was aber wäre an einem solchen PesetiteNr sonst noch als jüdisch anznsprechen? Sollte er sich trotz des Austrittes,noch immer seelisch mit seinen früheren Kon-, feßionsgenoßen vierwändt fühlen dnbfen, wie beschaffen hätten wir uns dann deren Psyche zu denken? MüßtM wir nicht, dä doch die Religion auch nach Kahn Anmehin mit zum Jndentume gehört, bei ihnen eine dem Abgefallenen kongeniale religiöse Anschauung Vvrausfetzen? Oder behält er auch nach feinet Fahnenflucht noch immer die jüdische N a t i o n a l i t ä t, d. h. nach Kahn — und unserer Meinung — den Willen zu einem jüdischen Gtaatsverband? Nation ist, wie Kahn sagt, „Seelenpasse". Me würde demnach, an einem solchen Abtrünnigen gemessen, die jüdische Nation ethisch abschNeiiden? Als Edelrasse dürfte sie hienach kaum zu bewerten sein. Denn selbst, gesetzt den seltenen Fall, daß der Austritt nicht ans materiellen, schmutzigen Gründen erfolgt, fo verrat er doch unter jeder Bedingung Mangel an SoNdariitcftsgeftihl, an einem Gemeinschaftsbewußtsein, das jedem Ehrenmann, feine Schicksalsgenossen in Zeiten der Not