Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1922
- Issue
- Heft 18-19 (21.9.1922)
- Date
- 1922-09-21
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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Nr. 18/19 Die Wahrheit Seite 9 deren Held von Gott gezüchtigt wird, weil er Gottes Gnade und Barmherzigkeit auch gegenüber den Nichtjuden anznzweffeln wagte. Bedarf es noch eines überzeugenderen Beweises, daß im Judentum der doktrinäre Nationalismus -schon in der-ältesten Zeit innerlich überwunden und der Schwerpunkt des jüdischen Seins und Wesens nicht im Nationalen, «sondern in seiner, über alle nationalen Schranken Und Grenzen hinwegblickenlüen Religion gelegen ist. Fromme Bätevsitte läßt uns _ atm Bor-. abenld' des BersöhnUngstiages, unmittelbar^ vor Beginn des Gottesdienstes den Freund und Genossen anssuchen und Hn wegen wirklich zugöftigter oder vermeintlicher Unbill um Verzeihung zu bitten. Diese Sitte beruht auf dom alten rabbinischen Grundsatz: „Nur Sünden gegen Gott sühnt der Bersöhnungstag, doch Sünden «gegen seinen Nächsten 'kann der , Jom Kippur" nicht sühnen, so dieser Nächste nicht versöhnt wird." In schlichter Anschaulichkeit wird hier das Hochziel aufgezeigt, das durch die Feier des Versöhnungstages erreicht werden soll und das zugleich' das Endziel aller religiösen Betrachtungen im Judentum ist, aus einem Jwri einen „I e r a h E l o h e h h a s ch o m a j i m" zu machen, aus dein, sich bloß an etmchen und nationalen Momenten sich erkennenden Juden, einen jüdischen Menschen, der ungeachtet seiner nationalen Besonderheit sich als Glied des großen Weltganzen betrachtet, mit dessen Glück und Heil das feinige eng verkm'ipst erscheint. Einer besonderen Rasse und Klasse anzugchören, ist eine Zufälligkeit, die — um ein Wort Grillparzer's zu gebrauchen, „sich Von selbst versteht", ist kern Vorzug des Menschön vor dem Diene" — innerhalb bei nationalen Besonderheit aber, nicht wie es in unserer entarteten Zeit geschieht, die brennenden und zerstörenden, sondern die aufbauenden und verbindenden Momente -suchen und diese und sich selbst in das Weltigantze eiinsügen, dazu gehört eine Höhe idealen Denkens und sittlichen Wollens, zu welcher nur ausschließlich der Mensch und auch er nur jrrit Hilfe der Erkenntnis und Furcht Gottes gelangen kann. Zu solcher Höhe will uns der Jom Kippur emporsühren. -Menschen, die in Neid und Haß gegeneinander verharren, durch Rassenhaß rrnd nationalen Eigendünkel wie durch eiinte chinesische Mauer von Mander getrenNit sind, werden nie und nimmer einen Versöhnungstag feiern. Nur ein in sich geeinigtes, im Zeichen gemeinschaftlicher Menschheit — ideale versöhntes Geschlecht vermag das Bild eines Gottes im Herzen zu tragen, der Himmel und Erde hat geschaffen. Ehe die Schatten des Versöhnungstages sich herniedersenken und die letzten Akkorde des Schlußgebetes erklingen, vereinigt sich.die betenlde Gemeinde Israels zum letztenmal vor der geöffneten Bundeslade, um siebenfach einzustimmen in jenen Rns, mit welchem der Prophet Elias die Götzen seiner Zeit in die Flucht geschlagen: „Ad o n a i, h u h o el au h i m". Möge dieser Ruf hinausdringen bis in die entlegensten Winkel der bewohnten Erde und mächtigen Widerhall finden in den Herzen aller Menschen. Das wäre der Sabbat der Sabbate, wenn alle Menschen, welcher Nation und welchem Stamme sie auch angehören, zur Erkenntnis gelangten, daß es für die zerklüftete Welt kein stärkeres und festeres Band gibt, als der.Bersöhuungsrus: „Der Ewige ist Gott.ans.Enden." Daun würde wiederum Hoffnungsschimmer auf Erden aufleuchten; Hoffnung, daß Gott wahrmacht seine uns gleichfalls am Jom Kippur gemeldete Botschaft: „Man wird, erbauen aus Dir die Trümmer der Welt, aufrichten die Grundlagen für die späteren'Geschlechter." 5) 4) Vgl. bibl. Joma VÜ % 6) Vgl. Jesaia 5812. •: Ungarische Rechtssprechung. Vor der Weltöffentlichkeit kam dieser Tage ein Strafprozeß zum Abschluß, der «die bodenlose Rechts- und Sittenvevwilderung des „christlichen Ungarn" auszeigt. Der Fall Laüi)au Vater un!d Sohn sollte ursprünglich eilte politische Färbung erhalten. Es stellte sich aber im Lanse des Beweisversahrens heraus, daß gemeinste Habgier limib scheußlichste Bestialität die Triebfödeini dieses an das blutigste Mittelalter gemahnende Verbrechen waren. Es galt, entern wohlhabenden Juden sein Vermögen zu entreißen und ihn vovhr schütz- und tvehrlos zu machen. Deshalb mußte er in Untersuchungshaft kommen und dort langsam zu Tode gepeinigt werden. Dreizehn Tage dauerten die unmenschlichen Quälereien, >die eines Henkersknechtes der heiligen Jngnsition wüvdig waren. Wessen Herz mußte sich nichtin Erbitterung und Grauen zusammenkranipsen, als der Bonder des Ermordeten vor Gericht aussagte: „Ich sehe das Blut meines Bruders an den Händen der Mörder, ich habe die Leiche -auf dem Friedhof gesehen. Di«e Arme und Füße waren ausgeschnitten der ganze Körper entzweigeteilt und ich sah, daß die Mörder ihn auch entmanut hatten. Hier erhebe ich — ich bin ihm diesen letzten Dienst schuldig — meine Stimme zur Anklage. Die blutigen Zeugen sind vorhanden: die Pritsche. Die Wahrheit muß ans Tageslicht. Er ist der rechtschassenste Mensch der Welt gewesen, er war der beste Patriot." Der Zeuge zieht die Photographie seines Bonders aus der Tasche und zeigt sie dem Präsidenten. „Drei ganze Tage lang ist er gepeinigt worden und dann wurde er ermordet. Ich bitte um Genugtuung. Ich fürchte niemanden. Vielleicht wird auch mein Leib morgen in dw Donau geworfen, wie ja auch Dr. Ruppert täglich Drohbriefe erhält. Ich stehe hier vor Mem ehrlichen Gerichte und bitte um Strafe für die Mörder. Aus die Frag« der Beisitzer, ob er die Gegenstnde gesehen hätte, sagte er: „Bon Selbstmord kann hier keine Rede sein. Ich möchte diesen Herren," sagte der Zeuge auf die Angeklagten weisend, „die Adern und beide Unterarme aufschneiden und den Versuch machen 'lassen, 0b sie imstande wären, einen Selbstmord zu verüben." Halten wir diesen dramatisch erschütternden Worten des unerschrockenen Zeugen die eines anderen des von christlich patriotischem Geist erfüllten an geklagten Mördergesindels -gegenüber. Auf den Vorhalt des Staatsanwaltes erklärte der Oberleutnant Daustzki: Ms er. in die Zelle Laudaus trat, schrie er ihm zu: „Du Schurke, du ekelhafter Jude! Wie wagst du es, diesen Ruppert (Landaus Anwalt, d. Red.) zum Minister zu schicken?" Der hohe Gerichtshof, weit entfernt, sülche tollwütige Ausbrüche des Judnhasses zn rügen, wahrte die Freiheit der Zeuaenaussage, indem er diesem Wüterich noch weitere Unflätigkeiten gegen die Inden erlaubte. Auf die Zwischenfrage Rupperts, weshalb Danszki in der kritischen Nacht von Mem -großen Detachement begleitet Landau in der Kasernsbesuchte, erwiderte «der Edle: „Wie sollten die jungen Leute sonst lernen, Erhebungen machen?" Erh bangen mit dem Kastriermesser. Aus solchen Stichproben in der Hauptverhandlung kannte man unschwer folgern, wie sie enden werde. Der Strafgerichtshof fällte am 26. August das Urteil, wonach sämtliche Angeklagte wegen Erpressung zu Freiheitsstrafen in der Dauer von drei Monaten bis fünf Jahren verurteilt wurden. Ein Planmäßig angelegter und hemmungslos durchgeführter grauenhafter Mord, dessen bekannt gewordene Einzelheiten die KUlturwelt in- Wut