Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1922
- Issue
- Heft 17 (25.8.1922)
- Date
- 1922-08-25
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 17 D i e Wahr he U Seite 5 Zu dieser Gemeinde von Schätzern und Freunden, von der Heinrich Glücksmaun spricht, zählt auch die Brockenfammlung für jüdische Arme, deren Gründerin Jda Varber ist. Dieser humanitären Vereinigung wurden aus Anlaß . des achtzigsten Geburtstages dieser, in weihen Kreisen beliebten und geschätzten Frau, zahlreiche Spenden gewidmet, so sandte Frau Gharliotte Knopf aus New-Aork K 104.000, ein ungenannt sein wollender Wohltäter K 200.000. Wir schließen uns -aus vollstem Herzen der Schar der Gratulanten an und wünschen der verehrten Jubilarin noch manch fröhlichen Gedenktag im Kreise ihrer Angehörigen und zum Wohl der von ihr so reichlich bedachten Unterstützungswürdigen. Die Redaktion. Rasse, Volk, Nation. Bon Dr. Max Grunwald. (Fortsetzung.) Die Gefährlichkeit der Rassentheorie. Wir Juden sollten stets an den Spruch der Väter denken: „Wer ist weise?" „Wer sieht, was sich ans einer Sache entwickeln kann und im Entstehen die Folgen überblickt." Wir sind, was Caesar von den Galliern sagt: „nowurn irtörum cupkffi“, wir wollen sensationslüstern den Ereignissen vorauseilen. Jede Modetorheit, jede Blase, die der Strom der Dalgesneuigkeiten Mswirft, nehmen wir für fixe Wahrheit, jede Tal-miweisheit für bare Minze. Ohne Selbstachtung und Würde, ohne Selbsterkenntnis und -losgelöst von den Quellen, aus denen wir zWerlässiges Urteil Mer unsere Wische Art und Bestimmung schöpfenkönnten und sollten, studieren wir unsere Züge in dem Vexierspiegel, den uns ,unsere Feinde Vorhalten, lesen wir unsere Geschichte Ms den Pamphlets des Judenhasses. Aus den Steinen, die man nach uns wirft, bMen wir, die einen den Altar unserer Selbstverachtung, dre | fühle und EmpfindungM aber gingen in der Arbeit des Augenblicks unter, die uns nur wenig zum Nachdenken kommen ließ. Aber mehr als alles andere sta-ird schon damals der Gedanke an meine Angehörigen in meiner Seele. Wie werden sie es au-fnehmdn, daß ich nun bald in die ungewisse Zukunft hinaus muß; hatte man sich ja vorher jede, auch die kleinste Trennung so unsagbar schwer gemacht. Noch ist ja in unserem jüdischen Empfinden das Familieugesühl tief verankert und der Schoß der Familie hat uns ja alle mehr oder minder oft trösten müssen für Leiden, die uns draußen das Leben zufügte, und im Schoß der Familie hat wohl jeder Jude das Gefühl, das Ritter in ihren Burgen gehabt haben mögen: Hier bist du geborgen. Die Begeisterungswelle, die damals durch Deutschland ging, trug mich, wie so viele andere, auch mit, wenn sie sich auch nicht in lärmenden Kundgebungen zeigte. Denn, den empfindsamen Menschen treibt es in solchen Tagen am allerwenigsten auf die Straße. Vor allem aber war es der folgende Gedankengang, der mich bewegte: Jetzt ist für uns Juden die Stunde der Erlösung da, das Kaiserwort: „Ich kenne keiüe Parteien mehr, ich kenne nur noch Deutsche" wird und muß sich -durchsetzen; der alte, törichte Judenhaß wird wie eine Puppe von dem glänzenden Körper Deutschlands absallen, das in nie geahnter Einigkeit gegen den äußeren Feind zusammensteht. Wir Juden aber werden aus. dem Schlachtfelde zeigen, d'aß wir auch dort das Gleiche zu leisten vermögen wie unsere christlichen Mitbürger. Und aus diesem Gedanken heraus ging ich mit einem gewissen Hochgefühl in die Ereignisse hinein. Vieranlderen die Wegzeichen unserer Selbstbestimmung. Wir sind, von -den Wurzeln unserer historischen Entwicklung losgerissen, der leere Sack, der sich gierig mit jedem Plunder füllt, den die Tagesmemung uns znwirft. Wir schnappen Nach jedem Köder und -gehen in jede Falle. Kein Rattenfänger läßt seine Flöte hören, ohne daß JNden sich unter die ersten Nachläufer drängen. Der Darwinismus, die Häckelöi, -alles, was den Menschen vor das Forum des Pserdetzüchters zerrt, ein Sombart, ein Chamberlain, die der Wahrheit Hohn sprechen, um mit diesem Hohn uns Inden zu treffen, sie gelten uns Inden als unfehlbare Offenbarung. Unsere Zeitungen kanonisieren sie, Bannerträger der Jugendbewegung machen sich zu Aposteln dieses Evangeliums, five o‘clock - Geistreichlinge pomadisieren sich mit diesen up to äi3!tie->Sallben. Der Herostraten-Ruhm -eines Meininger läßt sie nicht schlafen. Wir führen absichtlich nicht Nietzsch e an, -aus derselben Rücksicht der Dankbarkeit, mit der wir Eruest Renan Wer seinen haltlosen Phantasien Mer die Wische Religion nicht, was er uns Treffliches geleistet, vergessen dürfen. Unsere jüdischen Nietzsche-Anbeter sollten von ihrem Meister doch auch das annehmen, was er von den- Juden als „dem ethischen Genie unter den Völkern" sagt, und beidenken, daß -er es war, der vor allem die „Maxime" ausgestellt hat, die wir Ms Juden wie Nichtjuden anwenden sollten: „Mit keinem Menschen umgehen, der an dem verlogenen Rassenschwindel Anteil hat." Wie leicht sind wir ans diesen Schwindel der Blutauslese hiineingefallen! Wie blind waren wir, daß wir in ihm nicht auf den ersten Blick, als einem modernen Blntmarchen, den leiblichen Bruder jener alten Blutsaböl erkannten, die wir mit Sttömen unseres jüdischen Blutes illustrieren mußten! Nur -daß -diese 1 jüngste Höllenausgeburt ungleich gefährlicher ist. Nicht jähriger, strapazenrjsicher Feldzug hat mir gezeigt, wie sehr ich mich in meinen Hoffnungen auf endliche Gleichberechtigung getäuscht habe, und der Leidensweg, den ich -ging, der meiner Seele manchen tiefen Schmerz zufügte, hat mich eines besseren belehrt. Doch ich will den Ereignissen nicht vorgreisen. Unser Regiment, die 42. Feldartillerie, war inzwischen aus dem Schießplatz alarmiert und mit der Eisenbahn nach Schweidnitz -befördert worden. Noch auf dem Bahnhof hatte ich ein kleiuG Erlebnis, das mir schon zeigte, daß der hochscchrene Geist des Offizierskorps sich -wohl auch unter der Wucht dieser Tage nicht änderte. Ich ging an dem Zuge entlang, um zu scheu, in welchem Mteil meine Batteriekaimeraden säßen, als mr ein Leutnant höhnisch zurief, es Paste mir wohl nicht in der 3. Klaste, ich wolle wohl in die 2.; es war der erste Stich! An sich eine Kleinigkeit, die mir aber im Gedächtnis geblieben ist. Erst die Revolution hat mit dem Dünkel dieser Herren aufgeräumt, die da glaubten, daß sie der Angelpunkt der Welt seien. Die Tage in Schweidnitz vergingen in der für alle in Deutschland wohl gleichmäßigen Aufregung der Vormobilmachungstage, der Krieg war ja -nun unabwendbar geworden, und wenn ich auch bis zum letzten Augenblick immer noch hoffte, daß dies Gräßliche der Menschheit erspart bleiben möchte, es kam eben doch. Mein Mobilmachungsbefehl lautete nach Breslau, und von dort bin ich daun mit einer Munitionskolonne des 6. Feldartillerie-Regiments ins Feld gerückt. (Fortsetzung folgt.)