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Die Wahrheit · 1922-08-25 · Heft 17 (25.8.1922) · page 4

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1922
Issue
Heft 17 (25.8.1922)
Date
1922-08-25
Page
– (sequence 4)
Language
German
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Seite 4 D i e Wahrheit Nr. 17 Ida Barber, die Achtzigjährige. Von Heinrich Glücks mann, Dramaturg des Deutschen Volkstheaters. Die ehrwürdige Veteranin der Wiener Schriftstellerinnengilde, Ida Barber, die vor gar nicht langer Zeit noch fest und tapfer, mit Kraft und Schwung ihre Feder führte, als scharfen und eleganten Degen im Kampfe um die Schaffung und Freilegung der Bahnen zur Vorwärts- und Aufwärtsentwicklung der Frau und zur Verbreitung mrd Festigung ihrer Stellung und Geltung im sozialen Organismus, vollendete am 19. Juli das 80. Jahr ihres arbeitsreichen Lebens. Wiewohl an der Spree geboren, ist sie doch an der Donau heimisch geworden und hat sich hier rasch genug das geistige Bürgerrecht erworben. Sie darf wohl nach mrd neben Betty Paoli als eine der ersten und energischesten militanten Journalistinnen gelten. In vornehmen Zeitungen und Zeitschriften, wie im „Pester Lloyd", im alten „Fremdenblatt", in der von Johannes Nordmaun, Karl Emil Franzos und Balduin Groller redigierten „Wiener Illustrierten Zeitung." und in zahlreichen reichsdeutschen und ausländischen Blättern sind ihre Aussätze über die und aus der Frauenbewegung, der sie mit Ottilie Boudy, der Mutter des Wiener Hausfrauenvereins, eine zielbewußte VortäüNpserin war, erschienen und mit Respekt gelesen worden. Ohne Vorurteil und Voreingenommenheit, fremd jedem blind drauf losgeherischen Fanatismus, hat sie mit kühler Ueberlegnng und aus klarer Vernünftigkeit heraus die einschlägigen Fragen behandelt, die Rechte und Pflichten der Frau nrt modernen Gesellschafts- und Staatsgetriebe auifgezeigt und deren Anerkennung gefordert. Auf dieses ihr rastloses Wirken, ein beharrliches Leterum cemeo in Tausenden von Artikeln, ist wohl mancher schöne Erfolg der Bewegung zurückzuführen. Sie war Saatenstreuerin und durfte sich, daran erfreuen, wie in Mancher Ackerfurche schon die Ernte reifte. Sie war aber niemals Amazone. Sie ist immer Frau geblieben, voll wärmster: Interesses mrd feinsten Verständniffes für das urwüchsig Weibliche in Geschmack, Neigung und Brauchtum. So wurde die Modeplauderei ihre persönlichste Spezialität. Sie ließ darin nicht nur nach Pariser Muster ihren Geist sprühen im Rahmen graziös geformter Sätze, sie betrieb förmlich tief verwurzelte Psychologie, enthüllte dije heimlichsten Tiefen der Frauenseele. Diese Seite ihrer publizistischen Tätigkeit veranlaßt^ die Herausgeber eines respektablen, später von der „Wiener Mode" ab gelösten Frauen- und Modeblattes „Wiener Bazar", sie als Redaktriee irr ihren Stab zu berufen, so d!aß sie sich auch im aktiver: Heerbann der Presse ihre Ofsizierscharge erringen konnte. Ida Barber gab sich jedoch nicht völlig als Journalistin aus. Für den Tag und aus dem Tag zu sprechen, das füllte mrd erfüllte ihr Streben nicht. Dieses ging weiter und höher. Die großen Probleme der Zeit, in der sie lebte, pochten an ihre empfindsame Seele und forderten gebieterisch, daß sie zu ihnen- Stellung nehme, sich mit ihnen auseinandersetze. Das hat sie in einer langen Reihe von Büchern getan, mit Skizzen, Novellen und Romanen-, die im Jahre 1878 mit dem Erzählungsbande „Gebrochene Herzen" einsetzten und 30 Jahre später mit den unerbittlich kraftvollen Porträts „Hysterische Frauen" abschlossen. So hat sich denn Ida Barber, der auch die Gründung des Vereins der Wiener Schriftstellerinnen und Künstlerinnen als dankenswertes Werk zu buchen ist, mit ehrlichem urrd berufenem Schaffen einen Vorderplatz im Kulturleber: Wiens erworben. Ida Barber hat eine große Gemeinde von Schätzern und Freunden, und diese werden ohne Zweifel der: 19. Juli in ihren: Herzenskalender rot anstreichen und mit Dank und Liebe begehen. * * * Jüdische Erlebnisse im Weltkriege.*) Boa: Dr. Willy Cohn. Noch ist die Zeit zum abschließenden Urteil Wer die schreckensvoller: Jahre, die hinter uns liegen, nicht gekommen und wer weiß, wann die Zeit kommen wirb, in der einmal ruhige, abgeklärte Geister an stillem Schreibtisch die großen Linien des Ringens dieser vier Jahre nachzuziehen versuchen werden. In uns pulst noch das rasende Tempo der Kriegsjahre und mit diesem Pulsschlag in den Adern Wunen wir nichit objektiv schreiben wie! «von historischen Dingen der Bergarrgenheit, wir können nur das erzählen, was wir erlebt Haber:. Und ist es denn wert, an dieser Stelle berichtet zu werden, oder ist es eitles Vorschieben der eigenen Person, wo so viele andere klaglos hinübergegangen sind? Ich hoffe nicht, aber es scheint mir gut, ttteum man jetzt schon das zu Papier bringt, was man als jWischer Soldat draußen erlebte und litt, denn Erinne- *) Die nationaLjübffche Wandlung des Verfassers vorliegenden Aussatzes ist psychologisch begründet und folgerichtig. Jahrelang km Felde, ganz und restlos seiner militärischen Pflichterfüllung -hingegeben und trotzdem -in seinen berechtigten Ansprüchen und Erwartungen zurückgesetzt, enttäuscht, als einzigen Grund hiefür den fluchwürdigen Rechtedüickel der preußischen Mlitärbaste erkennend, mußte dieser jüdische Unteroffizier sich in's jüdischvölllsche Empfinden flüchten. D. Red. . rungein verblassen und gestalten sich in der Seele um, und' ihr historischer Wert sinkt damit weit hinab. Nicht von dien Schlachttagei: soll die Rede sein, vom Schützengraben und von all dem Mühsal, das ja so viele gleich mir erlebten, wir wollen nicht die Wunden, die zu vernarben beginnen, wieder aufreißen, nein, ich will nur schildern, wie meine jüdische Seele die Dinge draußen aufnahm und wie sie sich mit ihnen abzufinden suchte. Sollte dabei meine Person mehr, als ich es selbst will, in den Vordergrund treten, so sei mein Los als typisch hingenommen, denn ich weiß, daß es vielen, ja den meisten so ähnlich ging und daß das Schweigen vieler anderer beredter ist als meine Rede, denn auch im Schweigen klagen sie laut an. Als der Krieg in den letzten Junitagen des Jahres 1914 in drohendste Nähe rückte, befand ich mich zu einer achtwöchentlichen Uebnng einberufen auf dem Schießplatz in Neuhammer. In dem öder:, kleinen Sandnest waren wir fast von aller Pöelt abgeschnitten und die nur spärlich ankommenden Zeitungen gaben uns nur dürftige Kunde von der Tragödie, deren erster Akt eben anheben sollte. Wir wären schon damals als alte Soldaten, die ihre aktive Dienstzeit zum grüßten Teil hinter sich hatten, als Artilleristen, und da wir es wußten, und' aus den mlitärischer: Büchern, die wir zu mfterer FortbilduUg benutzten, ersahen-, was dieser Krieg bedeuten würde, fest davon überzeugt, daß er kein leichter Spaziergang werden könnte und daß die Feuergewalt der modernen Geschütze furchtbar blutige | Lücken in unsere Reihen schlagen würde. Alle diese Ge-

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