Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1922
- Issue
- Heft 16 (11.8.1922)
- Date
- 1922-08-11
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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')lv. 16 DieWahrhert Geirö 6 liemmg,. .daß Reuchlins Gultiachten „ein schönes Denkmalreiner Gesinnung nnid überlegeneir Einsicht" sei. . . Wan kann sich Lenken, welchen Sturm der Entrüstung dieses, in mildem, und versöhnlichem Sinne gehaltene Gutachren in den .jNdenseindlichen Krieiisen euregte und ivelche Känchfe Reuchlin zu bestehen hatte. . Vor allem finden wir-Pfefferkorn an der Spitze der Mente die mit wüstem Gekläff gegen ihn.auspringt, und die Stellung Reuchlins war in diesen Zeiten nicht leicht. Die alten Vorwürfe, die ja auch in der Gegenwart stets üderden hevniedevprasse'lten, der sich der Juden und ihrer Schriften annahm, Hagelten auf Reuch'lin hernieder. Er se>i ein Judengönner, ein Freund des Talmuds, er fei von den .Juden, bestochen und habe die Werke, die seinen Namen trugen, nicht selbst versaßt. Man kann sich vorstellen, wie diese Dinge auf einen Mann von seiner sittlichen Reinheit tvirken mußten.' . In einer berühmt gewordenen Schrift, dem „Augenspiegel", zog nun.Reuchlm. geigen feine Gegner zn Felde. Hier -heißt es unter urckerem: „Mir hat auch alle meine Lebtagen kein Jud' nie eine Gabe verheißen oder versprochen und in Sonderheit auch betreffend diesen Ratschlag hat mir Lein Jud' weder Miete, noch Dienst, noch Belohnung erboten. Und welcher -von mir -zur Verletzung meiner Ehre anders geschrieben oder geredet hat, oder anders noch redet, IdersölbigeÄigt als ein leichtfertiger Bösewicht." Niemals hätten Pfeifferkorn und feine Genossen. erwartet, daß mm mit solcher Sprache gegen sie vorzugehen wagen würde. Sie aber geben den Kampf noch nicht verloren. j f Und nun echM sich ein Kesseltreiben gegen den mutigen Vorkämpfer für Freiheit und Recht! Prozesse regnerr auf ihn herab, denen er -fast -zu erliegerr droht und die an seiner Kraft zehren, aber sowohl aus dem Prozeß irr, Rom als dem in Spe-ier geht er triumphierend hervor. Die öffentliche Meinung tritt für ihir ein, die bfserMche Meinung in Deutschland, die sich gerade Idjamals zu bilden beginnt. Da wird der Prozeß noch einm-äl aufgerollt und ein päpstlicher Beschluß wirft die Entscheidung von Speier um, der „Augenspiegel" Reuchlins wird für ein anstößiges Buch erklärt "und soll vernichtet werden. Röuchliu wurde zu ewigem Stillschweigen und zu den Kosten des Prozesses verurteilt. Dieser Ansgang des Prozesses hat an dem Ruhm Reuchlins nichts ändern Wunen. Mag auch die Beschränktheit feiner Zeit ihn verurteilt haben, für uns steht er da als ein Lmerschrockener Vorkämpfer für Freiheit und Recht, für Wahrheit uitd Erkenntnis, der für unsere heiligen Schriften mutig und entschlossen ins Feld getreten ist. Rasse, Volk, Nation. Von Dr. Max Grunwald. Jüdische Ration. Auch dem Juden muß es im modernen Rechtsstaat freistehen, sich dem Staate, in dem er wohnt, einzugliedern unib sich damit zu der Nation — in rem politischem Sinne — zu bekennen, die dieser Staat repräsentiert, öder aber sich für andecsnation.ll — auch jüdisch national — zu erkläre'.'. Ganz abgeseherr von den Verhältnissen Osteuropas, wo die Juden fan vollsten Sinne des Wortes ein Volk für sich bilden. Wenn, wie wir sahen, der Wille zur -staatlichen Autonomie die Nation ist, kann hier, sobald dieser Wille besteht, mit Fug und Recht von einer jüdischen Nation gesprochen werden. Aber auch sonst überall, wo Inden den Willen zu einem selbständigen jüdischen Gemeinwesen äußern, -muß ihnen das Recht des Bekenntnisses zur jüdischen Nöation zugebilligt werden. Wir brauchen hiebei gar nicht auf die Balsdur-Erklärung zu reflektieren. Es genügt die Tatsache, daß die Juden einst einen Staat gebildet halbem Der Wille zu diesem Staat war bis etwa vor einenr Jahrhundert in den Juden ohne Ausnahme 'lebendig. Ws auf das eigene Land und das Zentrailheiligtium, die ihnen gewaltsam entrissen worden waren, pflegten sie die Elemente ihrer einstigen staatlichen Selbständigkeit: den jüdischen Kultus und die hebräische Sprache. Aber auch glückliche Botschaft bringt uns das Vöiglein: Feiwelleben wird gesegnet in der Ehe sein!" Vier Dezennien find seitdem in der Ewigkeit Flut hinabgegjlitten. War er wirklich mit Glück gesegnet? Je nun! Der Kindersegen ward auch ihm im reichlichen Maße, wenn -es auch bis $u achtzehn — der Zahl des Leidens — nicht kam; sonst «aber schlug er sich recht und schlecht durch das Leiben; manchmal ging's auch schief, zujm Beispiel: Er kam als Jungverheirateter — selbst rwch'fast Knabe — nach einer deutschen Landgemeinde als Ghasan. Er -kannte natürlich d ie Strenge derpreußischen Gesetze und die Forschheit der Beamten noch nicht und als ihn ein russisch-jüdisches Brautpaar um die -Vollziehung der Trauung apostrophierte, hatte er kein Bedenken dagegen. Er wäre dadurch ius Gefängn-is gekommen, hätte er nicht rechtzeitig zum Hasenpanier gegriffen Bon anderen Miseren, die er äls orthodoxer Chasan in den größten rmgarischsn Gemeinden erlitten hatte, will ich hier nicht sprechen. Nun weilt er in guter Position in Amerika, ist beliebt und geachtet, hat die Kinder gut versorgt und ist der Leiden unserer Staudesgeuossen in Europa entrückt. Der Sperling hätte! vielleicht recht behalten. ' Wo hätte ich älter Knabe an dUs „Pochen am Fenster" mehr gedacht! Ein Menscheualter ist um, seitdeur ich die Heiniatscholle zuletzt sah. Die Lieben alle, diie sich dvrt um mich sorgten, die sich um mich ängstigten und nach mir sehnten, sind in jene Gefilde gezogen, wo ewige Ruhe herrscht. Wenn ich eimn-all ihre Gräber anffücheu dürfte, Dieser Tage, beim Schlummer des zeitigen Morgens, schlUg's Mi mein Fenster! Da flog es mir durch den Sinn, ja durch alle Nerven! Man bedeute: nahezu zwei Jahrzehnte befindet sich mein Heim hoch im zweiten Stocke! Ja, es pochte, daß die Fensterscheiben nachzitterten. Da gaukelte mir der Träumemann in kurbelnder Eile folgendes Lebensbild vor: Ein Weib, dessen Gesichtszüge ich wiederevkaunte. trommelb am Fenster daheim und ruft: „Mnuche, ihr kriegt Gäste!" Mütterlein. schlägt die Hände zusammen -und breitet dann die Arme wie Adlerslügel. Sie jauchzt und schluchzt gleichzeitig — ähnlich wie ich es beim Lesen der Bibelstelle empfand: Rahel weint um ihre Kinder —, sie läuft hinaus und rust: „Seid ihr doch gekommen, ihr lieben guten Kinder! Hat mein Hoffen mich also nicht getäuscht!" Da klopft es noch einmal. Die Fensterscheiben erzittern, ich erwache rasch! Ein Mann guckt durchs Fenster und rüft: „Bitte, schließen!" .Zum Kuckuck denn! Jst's der Rieife Og, der König von Baschan, der mich anstarrt? Weur sind Berne bis zum zweiten Stock gewachsen? Ich eilte, zu schließen, damit das Ungeheuer mir nicht durch das Fercher krieche. Da erblickte ich ein Gerüst, worauf mehrere Männer standen. Unsere Fassade wurde restauriert! Es war ein furchtbarer Schreck! Er kann sich -nur annähernd erneuern, wenn der Hausherr mir sein Memorandum präsentiert. Ober-k. W-tsch.