Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1922
- Issue
- Heft 16 (11.8.1922)
- Date
- 1922-08-11
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 90% known words query
- IRI
…/3062972-3063949-3063965--11812-3079236- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Johannes Reuchlin und die Renaissance der Hebräischen Sprache. Von Dr. WMy Cohn, Breslau. Am 30. Juni waren es 400 Jahre, -daß Reuchlin dahingegangen ist. Sein Leiben fiel in die bewegten Tage der Renaissance und Reformativn, eine Zeit, die reich war an Ideen, an Gärungen und Konflikten. Wir haben Veranlassung, dieses Gedenkjahr -an Reuchlin nicht unbemerkt dahingehen W lassen; war er ja der erste Christ jener Epoche, der sich mÄ staunenswertem. Eifer ün das Studium der hebräischen Sprache versenkte und dem jüdischen Schrifttum gerecht zu würden versucht. Es 'lag im lGeist der Renaissance. Zu den Quellen hinzudrängen und sich nicht nishr mit Usbersetzungeu abspeffen zu lassen. Als Reuchlin den Plan faßte, sich mit ganzer Kraft dem Studium der hebräischen Sprache zu widmen, war er fast 40 Jahve alt, gewiß ein Alter, in dem mancher andere davor zurückschenen nröchte, sich in ein ganz neues Wissensgebiet hineintznarbeiten. Ader bei wem sollte er hebräisch lernen? Als er als Gesatzidtcr des Grafen Eberhard am Hose Kaiser Friedrich III. weilte, lernte er dort dessen Leibarzt Jakob ben Jehiel Loans kennen, der sich an dem kaiserlichen Ho!fe -eines großen Ansehens erfreute und der in der Sprache der Väter wohl erfahren war. Der gebildete Jude und der -gebildete Christ traten sich hier wohl zum erstenmal in der neuen Geschichte näher und Reuchlin gewann hier eine andere Möglichkeit, sich vom Juden erb Bild zu machen, als wie es seine Glaubensgenossen taten. Stets Hat Reuchlin an seinen ersten Lehrer in der hebräischen Sprache eine rührende Anhänglichkeit bewahrt — auch über dessen Tod hinaus. Es würde zu 'weit führen, wollten wir alle die Männer anführen, bei denen er Unterricht genossen hat, nur das sei gesagt, daß er keine Gelegenheit verabsäumte, uni sich im Hebräischen und Chaldäffchen zu vervollkommnen. Bald wurde er auch seMt Löhrer in christlichen Kreisen. Auf einen Schüler wie Philipp MelaNchton konnte er immerhin besonders stolz sein. Raschi, David Kimchi, Moses Maimonides hatte er inzwischen studiert, -aber erst zwei Jahrzehnte, nachdem er das Studium der hebväWen Sprache aufgenonlnlen hatte, wagte er sich mit einem größeren- Werke, den „Rudimenta hebraica", cwt die O-offentlichkelit. Selbstverständlich dürfen wir -an ein solches Werk, das am Anfänge der hebräischen Philolo-gie steht, Nicht mit dem gefaulten Rüstzeug mvdevlrer Kritik heüaNgähen. Die Hauptsache in id-resem 'Buche bleibt, daß er seine Zeitgenossen >anf die Umnöiglichkeit aufmerksam machte, über die BibÄ zu schreiben, ohne sie lesen zu können. Wir dürfen uns auch nicht an das elementar Annoutende dieses Büchleins stoßen; 'er rnilßte sich an einen Leserkreis wenden, dem das StUdinnr der hebräischen Sprache noch etwias ganz Neues War. Seilte eigene Einstellung zur hebräischlen Sprache war eine durchaus wissenschaftliche, selbe Kenntnis sollte ihm nicht dazu dienen, uni lirgjeNdlwelche IHeologffchen Kampfe damit -ausj^Uführeu, sondern es kam ihm nur auf die Erkenntnis selbst -an. Es lag aber in. der Entwicklung der Dinge, daß ein Mann mit der Sprachkenntnis ReUchlins auch tu den damals a-usbrecheNden Streit um die Bücher der Juden hineingezogen wurde. Der Renegat Johamtes PfeffeöLovn unrühmlichen Angedenkens -ist hier -an erster Stelle zu erwähnen, der mit seiner Schrift „Der Jndanspiegel" seinen früheren Glaribeinsgenossen -ihre Jrrtümer und die Wahrheit des Christentums Nachweisen wollte. Bor allem aber richtete sich fein Haß gegen die jüdischen Bücher. aNf deren Vernichtung er hinarbeitete. Selbstverständlich Island er bei seinen Bestrebungen die Unterstützung der Dominikaner. Wie gern hätte es Pfefferkorn gesehen, wenn Reuchlin ihn mit seiner ganzen Autorität in hebräischen Angelegenheiten unterstützt hätte. An diesen über wandte sich der Kaffer Maximilian rmd verlangte ein Gutachten von ihm. Dieses Gutachten Machte Reuchlin alle Ehre. Kann man von ihm, der doch schließlich bis zu einem gewissen Grad in den Vorurteilen seiner Zeit.gefangen war, nicht verlangen, daß er allen jüdischen Schriften völlig -gerecht wurde, so kommt doch Leopold von Ranke mit Recht in seiner „Deutschen Geschichte im Zeitalter der Reformation" zu der Formu- »SS Feitilleton Ungewöhnliches aus dem Alltage. Wie Flaggenzeichen ans dem Meere flattern oft Bilder gegen unser geistiges Auge, die uns blitzartig -au Reminiszenzen, an Endvücke gemahnen, die uns längst zu Schemen geworden sind. Sie stehen dann überflutet -von frischen, lebensfrohen Farben vor uns und wir rufen uns unwillkürlich ins Gedächtnis: Das haben wir da oder dort gesehen, gefühlt, empfunden! Manchmal rollen sich uns Eindrücke Nus irgendeiner Walze in: Gchirnkästchen >cib. von denen wir -uns nicht bestimmt sagen können, vb wir sie in diesem irdischen Wallen oder in einer Präexistentz in einem anderen Leibe gewonnen h-atten. Hier ein winziges Bildchen, das langst in den Fluten der Geschehnisse mir unteügegangen war und fuNkenartig mich nun blendete: Meiner Eltern WohnuNg lag im Erdgeschoß und es 'tvaif sich oft, daß eine liebenswürdige Nachbarm am Fenster pochlte: „Manche, -das Milchweib fft im Hose; — ein Sandmann, ein KaMbauer fahrt in der Gasse; — eine Bäuerin gibt zehn ifrffche Eier um sieben Kopeken; — die Purimspieler zÄhen durch die Gasse; — der «Mieiuerrevffvr mit der Kommission fft am Marsche; — «tot Hochzeitszug strebt dem Schülhvfe zu!" Wie wir heutzutage vom Boten die Tageszeitung, die über Allerlei, besonders über Lokales, berichtet, in Enrpfang nehmen, so würden damals uns die Dagesneuigkei-ten durch das Fenster — nach einem Pochen — Angeführt; nlabürlich auf GögeNfeiitigkeit. Und wenn jeüraüd ans Fenster schlug, erschrack kein Mensch, man wüßte: jetzt kommt irgenideine wissenswerte uNd ersprießliche Jnformiation. ÄUf -gleichem Wöge kam die Botschaft des Schnmmes, waM Eingang des Sabbats, des Feiertags, wann der Beginn des Gottesdienstes ist. Zeitungen -und Glocken galten als Luxus. Die schönste Botschaft jedoch, die uns elektrisierte, war: „Mnuche, ihr kriegt einen Gast: Feiwel Jizchvk, Eisig 'koutmt!" Lisb -Mütterchen seligen Andenkens ließ die weibliche Eitelkeit in beWg der Toilette beiseite und lies, was sie lausenkonnte, dem Gaiste entgegen. Wie könnt ihr das verstehen! Bon 18 Sprossen, die sie mit Muhen und -Sorgen großgezagen halte — der Vater faß im Bet^amidrasch. und studierte den Wortkampf BeH-Schamajs und Beth-HWels — -waren nur noch zwei, drei daheim, die anderen waren in die kalte Fremde gezogen. Manche aus Nimmerwiedersehen! Als unser äNester Bruder vor der Hochzeit, stand, pickte und hackte einst ein SpeMbg -aueinigen Fruhmovgen mit dew Schnäbelchen ans Fenster. Mütterchen lächelte.verklärt Und äußerte sich: „B'uro towoh! -— eine