Mannheim
Compact Memory

Die Wahrheit · 1920-04-27 · Heft 5 (27.4.1920) · page 7

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Wahrheit
Volume
1920
Issue
Heft 5 (27.4.1920)
Date
1920-04-27
Page
– (sequence 7)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/3062972-3063928-3063932--10833-3078203
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

Nr. § Die Wahrheit Seite t Nach einem für den Kranken qualvollen Winter hofften wir alle, daß mit dem anbrechenden Frühling sich eine Wendung zum Besseren für den schwer Leidenden ergeben würde. Aber es hatte fast den Anschein als wollte ihm die Vorsehung ein weiteres Leben des Kummers und der Enttäuschung ersparen, wurzelte doch das ganze Sehnen und Streben des Verewigten in dem Wohl und Wehe seiner geliebten Kultusgemeinde, in die er sich so vollkommen emgelebt Hütte, so daß es auch das einzige war, was in den letzten Tagen hoffnungsloser Apathie und Lethargie noch einigermaßen die Lebensgeister des mit dem Tode Ringenden aufrütteln konnte, wenn man zu ihm von Kultusangelegenheiten sprach und ihm sagte, wie sehr man in dieser Gemeinde noch Großes und und Schönes von ihm erwarte. Am 14. April dreiviertel 7 Uhr morgens hauchte Dr. Markus Spitzer seine Seele , aus. Bescheiden wie dieser seltene Mann im Leben war, übte er diese Tugend noch übers Grab hinaus, denn bei der Eröffnung seines Testamentes fand sich der Wunsch ausgedrückt, man möge an seinem Grabe keine Nachrufe halten. * * * Freitag, den 16. d. M., 4 Uhr nachmittags, fand das Leichenbegängnis unter Beteiligung einer überaus zahlreichen und illustren Trauergemeinde statt. Der Kultusvorstand mit seinem ersten Vizepräsidenten Hofrat Dr. R a p p a p o r t an der Spitze, der Gesamtvorstand der Chewra Kadischa mit einer imposanten Anzahl seiner Mitglieder, die Bethaus- Vorstände der Wiener Gemeindetempel vollzählig, sämtliche Wiener Tempelvereine mit ihren Vorständen, das Wiener Rabbinat unter Führung des Herrn Oberrabbiner Dr. Chajes, die Mitglieder der türkisch-israelitischen Gemeinde ' (Sephardim) unter Führung ihres Präsidiums, eine imposante Deputation der Wiener israelitischen Religionslehrerschaft, die Beamten der Kultusgemeinde unter Führung des ersten Sekretärs, die Deputationen der verschiedenen Kuratorien unter Führung ihrer Obmänner, Deputationen der verschiedenen jüdischen Wohltätigkeitsvereine, denen der Verstorbene als Ehrenmitglied und als Förderer angehörte, und dann' die unabsehbare Schar aller, die in der Wiener Judenschaft Namen, Ansehen und Bedeutung haben und die alle zu seinen Freunden und Verehrern zählten und für welche die große Halle sich als unzureichend erwies, gaben dem Hingeschiedenen das Geleite zur letzten Ruhestätte. Nachdem Oberkantor I. Morgenstern mit großer Assistenz in ergreifender Weise die Trauergesänge angestimmt hatte, wurde Rabbiner Dr. Max Grunwald der schweren Aufgabe gerecht, dem testamentarischen Wunsche des Verstorbenen zu entsprechen, aber dennoch den Pflichten der Pietät zu genügen, den Ausweg wählte, durch ein weihevolles Gebet, in dem er das Angedenken des Hingeschiedenen zu würdigen und im Rahmen dieses Gebetes Worte des Nachrufes einzustreuen, die kein Auge tränenleer ließen. Nachdem Hofrat Dr. Rappaport einige tiefempfundene Worte dem Wirken Dr. Markus Spitzer's gewidmet hatte, setzte sich der riesige Trauerzug nach dem Ehrengrabe in Bewegung, wobei sich die Mitglieder der Chewra Kadischa die fromme Pflicht nicht nehmen ließen, die Leiche des Unvergeßlichen auf ihren Schultern an die Ruhestätte hinzutragen. Am offenen Grabe rezitierte zunächst Oberkantor Morgenstern das El Mole rachamim und hierauf Oberkantor Giblichmann vom Leopoldstädter Tempelverein „Aeschel Awrohom", dessen Ehrenmitglied der Hingeschiedene war, den gleichen Trauerchoral. H. Aommunismus und Judentum. (Schluß.) In den Gemeinden der neuen Lehre hat der Effäismus mit seiner Gütergemeinschaft und seiner Lebensverneinung eine Auferstehung gefeiert. „Alle die gläubig geworden waren, lebten miteinander und hielten alle Dinge gemein. Ihre Güter und ihr Habe verkauften sie und teilten sie aus (Akt. II, 4). Keiner sagte von seinen Gütern, daß sie seine wären, sondern es war ihnen alles gemein" (ebenda IV, 31). Sie strebten nach Vervollkommnung im Sinne der Lehre: „Willst du vollkommen sein, so verkaufe was du hast und gib es den Armen (Math. 19, 16). Und diese Lehre, der Glaube, daß die Vervollkomnung des Menschen auf Erdm nur durch Entäußerung aller irdischen Güter und Abtötung der Leidenschaften erreicht werden könne, drang in weite und in die verschiedensten Kreise, fand begünstigt durch die traurigen Verhältnisse— auch zu manch gutjüdischem Herzen seinen Weg. Furchtbare Ereigniffe, wildbewegte Zeiten haben die Verbreitung extrem religiöser Richtungen immer gefördert. Wie in den sturmbewegten Zeiten nach dem Tode Alexanders des Großen in Palästina neben lebensfrohen Sadduzäern wellmüde Effäer, lebten in der Schreckenszeit nach der Unterdrückung des Bar Kochba-Ausstandes neben Epikureern vom Schlage Elischa b. Abujas, dem Acher des bekannten Gutzkow'schen Dramas, neben Anhängern des Hedonissmus, die den alten Satz: „Esten und Trinken, denn morgen muffen wir sterben" (Jef. 32, 10) zum obersten Grundsätze ihrer Lebens-

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.