Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1920
- Issue
- Heft 5 (27.4.1920)
- Date
- 1920-04-27
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 8 Die Wahrheit Nr. S führung gemacht, weltmüde fromme Männer, wie R. Jsebab, der seine Güter verteilen wollte, wie Ben Asaj und Ben Soma, die als Lebenslehre den Satz hinstellten: „Ein Held ist, der seine Leidenschaft nieder gerungen" der „die stachelnde Sucht der Ehren von sich warf und die eitle Lust und die Wünsche, die ewig begehren, eingeschläfert in ruhiger Brust". Das offizielle Judentum, das Judentum R. Mibas, hielt sich fern von allen extremen Richtungen. So tief es auch den Abfall seiner von der Leidenschaft verblendeden Söhne beklagte und so scharf es auch gegen die Herrschaft des zügellosen „Triebes zum Bösen" zu Felde zog, so hat.es andererseits die Notwendigkeit und Unentbehrlichkeit der Triebe für die Kultur und den Fortschritt der Menschheit nicht nur erkannt und anerkannt, sondern dieser Ueberzeugung auch in den religiösen Reden ftei und unumwunden Ausdruck verliehen. „Würde es da (Buch Mos. 1,3) heißen „Siehe, es war sehr gut" predigte einst ein berühmter Schriftgelehrter, „dann wäre nur der gute Trieb gemeint. Es heißt aber: Und siehe, es war sehr gut, es ist darum auch der Trieb zum Bösen gemeint. Kann aber der Trieb zum Bösen als „sehr gut" bezeichnet werden? — Gewiß, denn wäre nicht der Trieb zum Bösen, würde der Mensch kein Haus bauen, nicht heiraten, nicht für Nachkommenschaft sorgen und keine Geschäfte betreiben" (Gen. r. IX, 7). Diszipliniert und in gewiffen Grenzen gehalten, hat jede Leidenschaft, selbst der Neid, so unschön auch er ist, eine Lichtseite. Dieser kann den Menschen anfeuern, seine Kräfte zu entfalten. Nur so kann der Satz in Ab. d. r. Nathan (ed. Schechter S. 9) gemeint sein: „Auf drei Dingen ruht die Welt: auf Neid, Begierde und Mitleid". Eine gottgegebene Anlage kann an sich nicht sündhaft sein. Am allerwenigsten der Srwerbstrieb, der dem Streben nach Selbstständigkeit und innerer Freiheit der Persönlichkeit entspringt. Er muß nur auf das Maß des Rechten und deS Gottgefälligen zurückgeführt, er muß begrenzt, geweiht und gehelligt, darf aber nicht vernichtet und ertötet werden. „Die Aszeten gehen fehl", sagt Saadja Gao», „indem sie die bewohnten Orte und die Menschen verlassen, denn sie haben sich entschlagen des Gedankens an das, ohne welches der Mensch nicht bestehen kann, wie der Speise, des Gewandes und des Obdachs" (Emunoth wedeoth ed. Slucki, 136). Und selbst der zur aszetischen Beschaulichkeit hinneigende Bachja ibn Pakuda gibt zu, daß es für den Bestand und für die Kultur der menschlichen Gesellschaft verderblich wäre, wenn die Menschen vom weltlichen Treiben sich zurückziehen würden. Sagt doch die Schrift: „Nicht zur Einöde, sondern zum Wohnplatze für die Menschen hat Er die Erde geschaffen" (Herzenspflichten IX.). Tikkun haolam „Erhaltung und Förderung der Welt" ist des Menschen höchste Pflicht, das Ziel, das der Erdensohn nach der Lehre der jüdischen Schristgelehrten stets vor Augen haben muß. Jede Bewegung, die es auf die Vernichtung des Ewerbstriebes abgesehen hat und dadurch der Erhaltung und Erhöhung des Menschengeschlechtes hemmend und hindernd entgegen getreten ist, wurde darum von den Wortführern des Judentums bekämpft. Gleichviel ob die Bewegung einen religiösen Charakter hatte — was in alter Zeit die Regel war — oder nicht. Ihr Ideal war eine Zeit, in welcher „die Menschen einen anständigen Erwerbssinn und das Streben-nach Individualität mit vollendeter Gerechtigkeit und höchstem Gemeinsinn verbinden werden. Es war jedenfalls gut jüdisch gedacht, wenn Unger in seinem Erstlingswerke, das er noch als Jude schrieb, sagte: „Nicht aus der kasernenartigen Assoziation der Menschen, sondern aus der freien Vereinigung des Privatbesitzes und der einzelnen selbstständigen und freien Persönlichkeit kann das Heil der Zukunft erblühen. Nur dann, wenn jeder Einzelne in seinem Herzen geläutert und in seinem Geiste geklärt ist, wenn jeder Mensch in seinem Mitmenschen das gleiche Geschöpf Gottes achtet und ehrt, und in der Heranbildung zur Nächstenliebe seines Mitbruders Wohl und Wehe mit empfänglichem Gemüte teilt — nur dann wird der Friede in die bewegten Gemüter einkehren, der schroffe Unterschied der gesellschaftlichen Klassen schwinden und wie einerseits die Hetzjagd der Konkurrenz und die Hartherzigkeit des Egoismus, so auch andererseits die noch weit, weit gefährlichere Ertötung aller freien und selbstständigen Regung gleich abgewehrt bleiben. In der höheren sittlichen Liebe allein liegt das Heil und das Glück' der zukünftigen Geschlechter. (Die Ehe in ihrer welthistorischen Entwicklung, 163). F. Zentralstelle für jüdische soziale Fürsorge. Unter starker Beteiligung der angeschlossenen Wohlsahrtsinstitutionen hat kürzlich im großen Sitzungssaals der israelitischen Kultusgemeinde die Delegierten- Versammlung der Zentralstelle für jüdische soziale Fürsorge stattgefunden. Der Vorsitzende, Präsident I. Wachtel, eröffnete dieselbe durch Begrüßung der erschienen Mitglieder und Gäste und