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Die Wahrheit · 1920-04-27 · Heft 5 (27.4.1920) · page 6

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1920
Issue
Heft 5 (27.4.1920)
Date
1920-04-27
Page
– (sequence 6)
Language
German
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<§>eite 6 älie Wahrheit Nr. 5 | Dr. Markus Spitzer. | Es ist eine eigentümliche Fügung des Schicksals, daß ich infolge Uebernahme dieses Blattes vor drei Monaten jetzt in die Lage komme, dem Verewigten an dieser Stelle den gebührenden Nachruf zu halten. Ich empfinde dabei eine gewisse, leicht verständliche Befangenheit, denn als Neffe des Hingeschiedenen wäre ich versucht, in den höchsten Ausdrücken der Sprache aus tiefstemEmpfinden das Lob des Unvergeßlichen zu künden. Wo soll ich nun beginnen, wo soll ich enden? Ich muß mir zunächst vor Augen halten, daß es gegen die bescheidene, selbstlose Art dieses seltenen, hingebungsvoll tätig gewesenen Mannes wäre, nach seinem Tode Superlative der Ehrung zu gebrauchen, obgleich keine Worte das Maß seiner Bedeutung und hervorragenden Verdienste speziell um die Wiener Kultusgemeinde erschöpfen können. Fast drei Jahrzehnte befaßte sich Dr. Markus Spitzer mit der Angelegenheit der Wiener Kultusgemeinde in einer Weise, wie wenige seiner Mitkämpfer und Helfer, denn abgesehen davon, daß ihm dieses Wirken Herzenssache war, erschien er hiezu durch sein vielseitiges, gründliches Wissen als Doktor zweier Fakultäten, er war Jurist und Philosoph und in beiden Fächern gleich anerkannt hervorragend, für sein Ehrenamt einer der Berufensten. Im Februar 1849 zu Waag-Neustadtl als ältester Sohn sehr frommer Eltern geboren, empfing er jene Jugendeindrücke, die für sein ganzes ferneres Leben richtunggebend waren. Ursprünglich für den Beruf des Rabbiners bestimmt, genoß er den ersten Unterricht durch seinen hochangesehenen Vater Jakob Spitzer, der durch 80 Jahre der Waag-Neustadtler Chewra Kadischa Vorstand, und den hochgelehrten dortigen Rabbiner, I. Weiße und kam später zur weiteren Ausbildung an die hervorragende Talmudschule nach Preßburg, wo er unter dem berühmten Talmudisten Rabbi Schreiber zu den begabtesten Bochurim zählte. Später vollendete er sein hebräisches Studium * in Prag, und in Wien. Hier widmete er sich aber gleichwohl dem weltlichen Berufe des Juristen, wobei ihm der durch das Talmudstudium hoch entwickelte Scharfsinn vorzüglich zustatten kam. Im Jahre 1882 etablierte er sich als Hof- und Gerichtsadvokat, aber das Religiöse wurzette doch so tief in seiner Seele, daß er sich neben diesem Berufe bis an sein Lebensende der Talmudforschung hingab, der er alle freie Zeit widmete. Seine schon damals bekannte hervorragende Bedeutung als Kenner des jüdischen Schrifttums, wie nicht minder seine trefflichen Charaktereigenschaften veranlaßten seine Wahl im Jahre 1896 in den Vorstand der Wiener Kultusg.emeinde, dem er bis zu seinem Tode angehörte. Er war lange Jahre im Bezirksschulrat' und seit dem Tode des Landesschulrates Dr. Gustav Kohn als Vertreter der Judenschaft im Landesschulrat, wo er sich stets für die gerechte Behandlung jüdischer Angelegenheiten energisch einsetzte. Seinen kräftigen Bemühungen war manche Errungenschaft auf dem Gebiete des Schulwesens im Jntereffe des Judentums zu danken.' Dr. Spitzer war seit zehn Jahren Mitglied des Vertreterkollegiums, seit drei Jahren Präsident der Chewra Kadischa, nachdem er mehr als 25 Jahre im Vorstande dieser Brüderschaft in pietätvoller Weise die allehrwürdigen Traditionen derselben wahrte. Der Verewigte bekleidete auch das Ehrenamt eines Präsidenten des Bethausvorstandes für den 1. und 2. Bezirk. Auf allen diesen ehrenvollen Stellen war der Verblichene mit allen Kräften bis zur Selbstaufopferung unermüdlich tätig und hinterläßt unvergängliche Spuren seines segensreichen Wirkens. Wer dem Jdealmenschen Dr. Markus Spitzer gerecht werden will, muß daran festhalten, daß die Leitsterne seines Lebens Arbeit, Güte und Bescheidenheit waren. Rastlose Arbeit, besonders im Dienste aller jüdischen Interessen, der er sogar jeden materiellen Vorteil opferte und, namentlich, wenn es den Funktionen der Chewra Kadischa galt, auch dann zur Verfügung stand, wenn er dabei empfindliche Einbußen seines Berufes erleiden, mußte. Selbst seine Familieninteressen als zärtlichster Gatte und hilfreichster Verwandter stellte er jenen der Gemeinde hintan. Die ungewöhnliche Herzensgüte Dr. Markus Spitzers fand auch darin erkennbarsten Ausdruck, daß er armen Rechtsuchenden stets unentgeltlichen juristischen Beistand leistete. Diese Tugenden wurden jedoch weit überragt von einer in unserem realistischen Zeitalter märchenhaft anmutenden Zurückhaltung. So konnte er eS nicht über sich bringen, obgleich seine Freunde und Verehrer ihn drängten und er wie kein zweiter dafür geeignet gewesen wäre, ausgesprochen führende Stellungen in der Kultusgemeinde anzustreben. Aus dieser Gesinnung ging notwendig die Scheu vor jedem Kampfe mit Strebern und Erfolgjägern hervor. Diese ihm eigene stille Art veranlaßte ihn auch vor zwei Jahren, der Oeffentlichkeit seinen siebzigsten Geburtstag zu verheimlichen, und er war von diesem Beschlüsse trotz allen 'Bemühens, einer verdienten Feier nicht aus dem Wege zu gehen, nicht abzubringen.

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