Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1920
- Issue
- Heft 1 (4.3.1920)
- Date
- 1920-03-04
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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- Geile 6 Nr. 1 Die Wahrheit mit der Wünschelrute der „Marxistischen Geschichtstheorie" bewaffnet unter der Oberfläche der gesetzlichen Wirtschaftsordnung unterirdische Quellen deS „Urkommunismus" rauschen hörte oder zu hören glaubte. Aus der Beschwerde der Familienväter des Stammes Menasche vor Moses, „daß die Töchter Zelafchads durch eine Heirat außerhalb der Gens den Besitzstand des Stammes verringern würden", wollte nämlich der deutsche Gelehrte Beer auf eine Art von Urkommunismus innerhalb der Stämme schließen, auf welchem das alte Israel begründet gewesen sein soll (Beer, Beitrag zur Geschichte des Klaffenkampfes im hebräischen Altertums in Neue Zeit, XI. Jahrgang, Seite 444 ff). Als ob die Männer an der Erhaltung ihres Besitzstandes nicht auch ohne Marx genügend interessiert gewesen wären! Der genannte Forscher hätte sich von seinen eigenen Stammesgenoffen, die im Jahre 1868 eine Ansiedlungskommiffion eingesetzt haben, um in Posen und Westpreußen deutsche Bauern anzusiedeln, über die Bedeutung des Güterbesitzes für die soziale und politische Stellung der Volksftämme belehren lassen können. Das Interesse der Stämme an der Erhaltung ihrer Machtstellung und ihres Einflusses im Reiche erklärt vollkommen auch das Schriftwort: „Jedoch der Familie ihres Stammes sollen sie (die Töchter Zelafchads) zu Frauen werden", in welchen der Talmud (Baba b. 120 a) mit Recht nur einen „guten Rat" und keine Rechtsbeschränkung erblickt. In solchen Sätzen Kommunismus zu wittern, vermag nur ein Bibelforscher, der nach dem bekannten Dichterworte verfährt: „Im Auslegen seid frisch und munter! Legt ihr's nicht aus, so legt ihr's unter". (Fortsetzung folgt.) F. Die notleidende Humanität. Gleich einem zerstörenden Wirbelsturm bedrohte der ans den Zusammenbruch der Kriegsgewaltigen folgende Umsturz eine Reihe von Jnstitntionen öffentlicher Wohlfahrt. Je größer die Städte, je breitere Angriffsflächen sie dem elementaren Ereignis boten, desto schrecklicher war der Greuel der Verwüstung. Wien, der einstige Inbegriff von Reichtum und Behagen, aber auch der wertvollen Güter, Nächstenliebe und Hilfsfreudigkeit hat furtchbare Wandlung erlitten. Man denkt an denKlageruf des Propheten: „Alle die vorübergehen, pfeifen über dich mit dem Munde, klappen mit den Händen und rufen: Wie bist du denn zur Erde gefallen, du schöner Morgenstern?" War doch unsere schöne Stadt bis zum bitteren Ende de- Krieges die bedeutenste und größte Kultusgemeinde Europas, hatte im ganzen Reiche und darüb r treue Anhänger und schöpfte dadurch aus den Händen aller Glaubensgenossen die reichen Mitiel für Kultus- und Kulturaufgaben, so oft ein Appell in diesem Sinne hinausging. Jählings entschwand dieser Segen durch der Zeiten Schwere, versiegten die reichen Quellen, denn eng wurde der Kreis der Hilfswilligen und Hilfsfähigen, zumal die Wiener Kultusgemeinde durch den Zusammenbruch der Monarchie in den engsten Ressourcenkreis gestellt wurde. Andere Umstände, die wir einer späteren Besprechung Vorbehalten, schmälerten noch mehr die früheren reichen Einnahmen der Kultusgemeinde und brachten bitfe in ihre jetzige traurige Lage. Während sich nun auf der einen Seite die Hilfsquellen der Wiener Kultusgemeinde veringerten, st egen auf der anderen Seite die Ansprüche, die notgedrungen befriedigt werden sollten, aber an den geringen Zuwendungen scheiterten. Wenn man das Hausha tungsbudget der einze - nen Person unter den maßlosen Teuerungszuftänden vor Augen hält, gewinnt man einen schwachen Begriff von den unlösbaren Aufgaben, denen sich die Kultusgemeinde bei chren außerordentlichen Verpflichtungen gegenüber gestellt sieht. Wir wollen he te nicht untersuchen, weiche an, dere Faktoren noch die 'Gemeinde in oi.-fen Zunand gebracht haven. Tatsach ist, daß sie bedemenst--.» ihrer Schöpfungen, die Perlen jü. iicher NächstenUebe vor dem Schicksale des Unterganges stunden und teil weise noch immer stehen Das Gememdespital. gerühmt in aller W!t wegen sener musterhaften Einrichtung, es fehlt ihm an Nährmittel für feine Kranken, d nen die Tore dieser Zufluchtsstätte verschlossen werden mußten. Das Altersversorgungshaus, in dem j tzt durch Armut und Hunger vermehrte Bewerber Aufnahme suchen, 300 dieser Bedauernswertesten harren der Ausnahme an dieser Stätte der Barmherzigkeit, es kann diesen Veteranen um das kümmerliche nackte Leben nicht mehr geholfen wereden. Fast eben, so trostlos steht es um die sonstigen charitativen Schöpfungen der Wiener Kultusgemeinde (Rothschildspital) An allen Enden Mangel, Not und Entbehrung. Angesichts dieser Erscheinungen von denen daS Wort gilt: „Der Menschheit ganzer Jammer faßt mich an"! haben einige tatentschloffene Männer in Wien von echt jüdischem Empfinden unter den Titel „Komitee zur Sanierung der notleidenden israel. Wohlfahrtsanftalten Wiens" sich unter dem Präsidium Sr. Ehrwürden des Herrn Rabbiner Dr. Max Grunwald zu einer Aktion vereinigt. *