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Die Wahrheit · 1920-03-04 · Heft 1 (4.3.1920) · page 6

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1920
Issue
Heft 1 (4.3.1920)
Date
1920-03-04
Page
– (sequence 6)
Language
German
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Seite 6 Die Wahrheit Das Komitee, dem u. a. die Herren Julius Berger, David Dohan, Franz Denes, Arthur Herzl, Emü Kornfeld, Karl Schnitzer, Isidor Schwarz, Dr.Josef Ticho, Kommerzialrat Leopold Saborsky, Simon Weiner, als Mitglieder angehören, haben bereits nahezu eine Million Kronen im Kreise gleichgesinnter Glaubensgenoffen für die idealen Zwecke gesammelt. Es sind nicht nur die pekuniären Erfolge, die man dem zielbewußten Vorgehen dieser Herren zu danken' hat, sondern auch die erfreuliche Tatsache, daß sie die Wiener Judenschaft aus der bcklagenweten Indolenz gegenüber der Not der Zeit aufgerüttelt haben. Das verdiente Lob wäre nicht vollständig, wenn es nicht auch der verdienstvollen Tätigkeit des Komitee-Schrift sührers und Kaffen Verwalters Herrn Bezirksrat Max Rübner gedächte. Wir entnehmen dem Aufruf des Komitees folgende eindringliche Worte: „Schon unsere angestammte Ehrfurcht vor dem Atter mahnt unS, an die hungernden und frierenden Jnfaffen unferesAlterverforgungshaus e s. Mit grausigem Eifer räumt jetzt der Tod unter ihnen auf. Die freigewordenen Plätze neu zu besetzen verbietet, trotz zahlreicher Vormerkungen, der Mangel an Geldmitteln zur Weiterführung der Anstalt. Die erschreckende Ueberhandnahme von Erkrankungen führt uns eindringlich zu Gemüte die verzweifelte Lage' minderbemittelter Kranker. Kostspielige Sanatorien bleiben ihnen verschloffen. Ihr Hoffen war bishr unser allerzeit gastfreies Gemeindespital. Aber auch diese Zuflucht muß sich in kürzester Zeit sperren, weil es an Betriebskapital fehlt. Den trostlosen Zustand unserer Erblindeten, der Kriegsblinden zumal, vermochte unser Blinden- Institut in etwas zu lindern. Auch hier finden die Erhaltungskosten keine Bedeckung mehr. Dem gleichen Schicksal unterliegt unsere T a ubstummen-Anstalt. So müssen zahlreiche Existenzen, die schon in Friedenszetten am Rande des Abgrundes standen, unfehlbar zugrunde gehen, wenn wir ihnen nicht rasche und nachhaltige Hilfe leisten." Der Jude regiert die lVelt. Purkersdorf ist ein unbedeutender Sommeraufenthalt in der Nähe Wiens, seit kurzem aber die Offenbarungsstätte der Weisheit, daß der Jude die Wett regiert. Diese Tatsache ist so wichtig, daß man Nr. 1 an ihr nicht gleichgiltig vorübergehen kann. Im Interesse der historischen Wahrheit sei also mitgeteilt, daß der österreichische Staatskanzler Dr. Renner am 18. Februar des Jahres des Unheils 1930 im Purkersdorfer Kursaal über die Hilflosigkeit unseres armen Staates sprach. Dr. Renner, den man wohl den Friedenskanzler nennen konnte — nicht wegen des Schmach- und Elendfriedens von St. Germain, sondern wegen des Burgfriedens, um dessen Bestand und Pflege er sich bei allen Parteien müht — kannte seine Pappenheimer in Purkersdorf, denn er sagte im Verlaufe der Rede: „Es gibt viele, die da sagen: Wenn wir eine andere Regierung hätten, wenn die Regierung gescheiter wäre, wenn sie mehr christlich, wenn sie mehr deutsch wäre, dann ginge es besser. Unsere Regierung könnte sein, wie sie wollte, von dieser Abhängigkeit von außen kann keine Regierung uns befreien". An dieser Stelle fiel ein Zwischenruf, der im Titel dieser Zeilen festgehalten ist. Der Staatskanzler jedoch ein geistvoller, schlagfertiger Debatter erwiderte dem Zwischenrufer unter lebhafter Zustimmung des zurechnungsfähigen Teiles der Versammlung: „Wenn Sie glauben, daß Clömenceau und Lloyd George, die die Welt verteilt haben, Juden sind, so irren Sie sehr. (Heiterkeit.) Wenn Sie bedenken, daß heute England und Amerika über-di? ganze Welt gebieten und wissen, was das für fromme Christen sind, die, wenn sie ein Volk unterdrücken, immer dies mit einem frommen Augenaufschlag zum Himmel tun, dann werden Sie nicht sagen, der Jude regiert die Welt". Damit war aber keineswegs der ruhige und würdige Verlauf des Versammlungsabends hergestellt, denn als Dr. Renner schilderte, wie uns das Ausland wirtschaftlich zugrunde richtet, wie es uns jedes Stück Ware aus der Hand reißt, da wurde der Zwischenrufer zu den Worten angeregt: „Vom Juden!" Und wieder war es der Staatskanzler, der dem Unbekannten ein Privatissimum las. „Da wandelt einer im Traum und wie man ihm ankommt, kommt das Wort Jude heraus. Ein Jntelligenzzustand kann. dieser Traumzustand nicht genannt werden. (Den Zwischenrufer apostrophierend:) Vielleicht erholen Sie sich an der Lust, dann können Sie ja wieder hereinkommen." (Schallende Heiterkeit.) Im Deutschen lügt man, wenn man höflich ist, sagt ein Sprichwort. Dr. Renner, stets von.diplomatischer und persönlicher Höfllichkeit wäre sehr wahrscheinlich der Wahrheit näher gekommen, wenn er das Kind beim rechten Namen, d. h. den Traumzustand einen Rauschzustand - genannt hätte. Daraus erklärt sich logisch der wohlmeinende Rat, der Stänkerer möge sich an der frischen

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