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Die Wahrheit · 1917-10-05 · Heft 20 (5.10.1917) · page 5

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1917
Issue
Heft 20 (5.10.1917)
Date
1917-10-05
Page
– (sequence 5)
Language
German
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Nr. 20. Die Wahrheit Seite 5* mitgeteilt. Er stand seit langem jm Felde, rückte bis zum Zugsführer vor und kämpfte an verschiedenen Fronten so lange, bis auch ihm das Schicksal ereilte. Nach seiner Ge» nesung — wenn man es so nennen mag — wurde er als Invalid aus dem Heeresdienst entlassen. Er bezieht seit dieser Zeit die bekannt geringe Jnvalidenpension. Um durch die Arbeit seiner Hände, die ihm beide zu seinem Glücke geblieben, sich am Leben zu erhalten, wandte er sich an die Arbeitszuweisung, und zwar an die k. u. k. Barackenverwaltung in Bruck a. d. L., die einen Unteroffizier für Kanzleidienste suchte. Als er, dessen Name allerdings sofort auf sein Glaubensbekenntnis schließen läßt, bei der Barackenverwaltung vorsprach, mußte er aus denl Munde des dortigen Verwalters selbst hören, daß Juden nicht ausgenommen würden, eine Mitteilung, die um so mehr befremdet, als sie, so sagte derselbe Verwalter, in einem ministeriellen Erlasse ihre Stütze finden soll. Uns ist von einem derartigen Erlasse nichts bekannt. Wir zweifeln auch an seinem Vorhandensein. Doch finden wir, daß hier Auftlärung unbedingt nötig ist; sie zu fordern, haben alle ein Recht, denen daran liegt, daß gleiches Recht für nlle gelte. Eines steht bereits jetzt fest, wie sich die Sache auch irnmer verhalten nmg: Die im Anfang genannte Arbeitsvermittlung müßte von dieser harten Bestimmung — sei sic nun durch das Ministerium oder den Verwalter getroffen — Kenntnis haben, damit nicht durch sie Bewerber nach Orten außerhalb Wiens entsendet werden, um dort zu erfahren, daß man sie, weil sie Juden sind, nicht brauchen kann und sie -— selbstverständlich auf ihre eigenen Kosten — wieder dorthin schickt, woher-sie gekommen sind. Der Wiederaufbau des Leopold stadlrr Tempel». So wollen denn Worte zu Taten werden. Was alle Beredsamkeit begeisterter Menschenzungen nicht erreicht hätte, das hat die stumme Sprache unseres Tempels in seiner jammervollen Verwüstung erzielt. Immer wieder kamen sie, die einst an dieser Stätte, zum Teil an demselben Platze, an dem einst ihr Vater gestanden, so oft ihr Herz vor Gott ausgeschüttet, um mit eigenen Augen zu sehen, was sie aus Zeitungsberichten oder vom Hörensagen über die Zerstörung unseres Heiligtumes erfahren hatten. Keiner ging davon, ohne tief ergriffen sich zu geloben, zu dem Wiederaufbau dieses Stolzes unserer Wiener Judenschaft sein redlich Teil beizutragen. Die vereinzelten edlen Regungen zu einem starken Gesamtwillen zu vereinen, die hilfsbereiten Kräfte zielbewußt alle in ein festbegrenztes Bett zu leiten und damit zu machtvoller Wirkung zusammenzüsaffen, dieser Plan tauchte bereits wenige Tage nach der Katastrophe des Brandes in einigm tatkräftigen Herzen auf. Immer klarer drängte sich ihnen als Richtschnur für ihre Arbeit der Gedanke aus: dieses Werk nmß eine Tat, ja eine Glanzleistung des jüdischen Herzens sein. „Isch k’mattnas jodau", „jeder nach seiner Leistungsfähigkeit", jeder Wiener Jude nach dem, was er vermag, soll an diesem Bau beteiligt sein. Ein goldenes Buch vorn goldenen Herzen unserer Judenschast soll einst die Namen aller dieser Spender vereinen und so als Denkmal der Juden Wiens noch späteren Geschlechtern künden von dem, was wir in diesen schweren Zeiten selbst zur Ehre unseres Judentums zu tun vermocht. Wohl tauchten Stimmen auf, die dieser oder jener Stelle die alleinige Verpflichtung, den Tempel wieder zu errichten, zuschieben wollten. Doch die Mehrheit entschied sich für einen Neubau aus fteiwilligen Spenden mit demselben Stolze, den einst die Bürger Athens bekundeten, als Perikles sie vor die Wahl stellte, entweder die öffentlichen Bauten aus eigenen, vereinten Kräften aufzuführen oder diese Aufgabe ihm allein zu überlaffen, wofür diese Bauten alsdann seinen Namen hätten tragen sollen. Mit sicherem Selbstgefühl und edlem Volksbewußtsein entschied die Bürgerschaft, die Last ihren eigenen Schultern aufzubürden. Der enge Kreis der ersten Träger jenes Planes, so rasch als möglich den Tempel uns wieder herzustellen, erweiterte sich von Woche zu Woche. Noch bis zu den hohen Festen, dieser Blüt^eit jüdischen Empfindens, wollte man zu greifbarem Erfolg gelangen. Ueber Tempelbauten soll man ja, wie der Talmud (Megilla 28 b) lehrt, nicht Gras wachsen lassen. Dieser Anfang ist gemacht. Eine verheißungsvolle Liste der ersten Spenden liegt vor. Gerade aus den kleinen und kleinsten Spenden spricht vielfach ein rührender Eifer, sich anzuftrengen, um an dem schönen, heiligen Werke mitzutun. In den Beratungen unseres Komitees wurde manch ein Wort gehört, das es wohl verdient hätte, in die breite Oeffentlichkeit hinausgetragen zu werden, manch ein Wort, das uns den erhebenden Beweis lieferte, wie selbst die Schwere dieser Zeit die alte Hoffnungsfteudigkeit und Zuversichtlichkeit des jüdischen Herzens nicht hat erdrücken können, manch ein Wort, von dem man mit dem Dichter sagen durfte: Es ist die Welt des Haffes voll. Es bluten rings die Wunden, Ein Wort, das aus dem Herzen quoll, Macht manch ein Herz gesunden. Möchte auch der Aufruf unseres Komitees, der in diesen Tagen an unsere jüdischen Mitbürger ergeht, als ein mannhaft Wort von Herz zu Herz, den vom Gram der Zeit wunden Gemütern Gesundung bringen, indem er sie. einlädt, mit zu schaffen an einem Werk zur Ehre unserer Judenheit, zum Segen fernster Geschlechter! * * * Anläßlich des großen Unglücksfalles, welchen die Judenschaft Wiens durch den verheerenden Brand des großen Tempels in der Leopoldstadt erlitten hat, fanden sich mehrere Mitglieder unserer Gemeinde in dem Gedanken zusammen, diesen Tempel in alter Pracht wieder erstehen zu lassen, und zwar im Wege fteiwilliger Spenden. Diesen Gedanken ließen diese Herren raschest in die Tat umsetzen, indem sie eine Vereinigung bildeten, welche den Namen „Komitee zürn Wiederaufbau des Leopoldstädtrr Tempels" führt. Die Proponenten zogen viele gleichgesinnte Gemeindemitglieder zur Konstituierung dieses Komitees heran und es fanden bereits mehrere Sitzungen statt, in welchen die Konstituierung des Büros vorgenommen wurde und zwar wurden nachstehende Herren in den Arbeitsausschuß gewählt: Dr. Theodor Gutmann, Hof- und Gerichtsadvokat in Wien, als provisorischer Obmann; Se. Ehrw. Herr Dr. Max Grunwald, Rabbiner und Prediger am Leopoldstädter Tempel, als I. Vizepräsident; k. k. Schulrat und Professor Dr. Moriz Tschiaßny als H. Vizepräsident; Direktor Max S. Fischer als erster, Gustav Planer als zweiter Schriftführer und Herr Hugo Popper als Kassier. Es wurden in diesen Sitzungen Anregungen verschiedener Art gegeben, durch welcher der ernste Wille, den durch Brand zerstörten Monumentalbau in früherer Pracht erstehen zu lassen, sich kundgab. Insbesondere hat Herr Dr. Julius Weiß die Frage aufgeworfen, ob eine Restaurierung oder Neubau des Tempels angestrebt werden solle. Dr. Weiß lehnte erstere Eventualität entschieden ab, weil gerade dieser Brand den Gemeindemitgliedern ad oonlvs demonstrierte, welche Gefahr durch Jahrzehnte bestand, da es an zweckentsprechenden Ausgängen und Stiegenhäusern fehle, insbesondere bestand diese Gefahr für die Besucher der II. Galerie.

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