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Die Wahrheit · 1917-10-05 · Heft 20 (5.10.1917) · page 4

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1917
Issue
Heft 20 (5.10.1917)
Date
1917-10-05
Page
– (sequence 4)
Language
German
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Seite 4. Die Wahrheit Nr. 20. auch dahin wirken, daß die gleimäßige Versorgung „der dies- und jerrseiftgen Bevölkerung" ^Oesterreichs und Ungarns) mit Bedarfsgütern „in steigendem Maße zur Geltung gelange Das Ernährungsamt soll in ein Ernährungsministerium mngewandelt und außerdem ein Ministerium für J soziale Fürsorge und eines für Volks gesund heit errichtet werden. Die kriegswirtschaftliche Verteilung des Vorhandenen müssen als unbedigt notwendig beibehalten werden, aber auch „die Erhaltung der Schaffensfreude unserer produzierenden Bevölkerungsschichten". Interessant ist die ministerielle Eröffnung, daß auch nach dem Kriege „die gegenwärtige aus der Not geborene Zwangswirtschaft nicht mehr ganz wexde verschwinden können", denn die Maschinerie unserer Volkswirtschaft kann des sozialen Oeles nicht mehr entbehren. Der künftigen Aufgaben des Staates zählt der Ministerpräsident eine große Menge auf, so die Ausgestaltung der Wasserwirtschaft, des Elektrizitätswesens, Her landwirtschaftlichen Produktion, des Eisenbahnwesens. Die Wichtigkeit der Währungsfrage und des Unterrichtswesens erkennt der MiOster an, begnügt sich aber mit der Kgnstaüerung der Lehrernot. Die kommende Verfassungsreform soll den Dualismus nicht in Frage stellen, sondern „im Rahmen der Kronländer die Kreiseinteilung behufs Regelung der nationalen Fragen schaffen." Nach dem derzeitigen österreichischen Ministerpräsidenten bietet nur ein starkes Oesterreich, in dein, sich alle Völler wohl fühlen, die beste Garantie für einen baldigen uud dauernden Frieden." Leider sind aber unsere Kriegsgegner und ganz besonders der Häuptling der Entente, das perfide England, noch nicht zum Frieden bereit. Asquith leierte jüngst in einer Rede wieder alle bekannten Herausforderungen gegen die Zentralmächte ab mrd kehrt such insbesondere gegen deren Vorbehalt, daß die Friedensbedingungen mit den Lebensiuteressen ihrer Staaten und Völker vereinbar sein müssen. Oesterreich-Ungarn hat durch seine Treue gegen die Bundesgenossen den besonderen Groll Englands erworben, darum häll Asquith die Ansprüche Italiens und Rumäniens für längstfällig und nachdem erdie Versprechungen an seine unglücklichen kleineren Kriegsgenossen einmal begonnen hat, ist er nicht karg mrd spWht auch von einem künftigen Großserbien, Großpolen und auch Griechenland und die Südslaven will England begönnern. Auch wir sind der Meinung, daß Staatsreformen und Staatsbildmrgen immer den wirklichen Wünschen und Bestrebungen der Bewohner gemäß durchgeführt werden sollten, dann nruß aber das britische Reich auch feine vergewaltigende Faust von Irland abtun, die Inder freigeben, Egypten räumen und die Vorherrschaft auf allen Weltmeeren aufgeben. Ein österreichischer Finanzminister ist derzeit nicht zu beneiden, aber es ist bedauerlich uud gefährlich, daß er vor Vermögensabgaben zurückschreckt. Die Besitzenden nehmen allezeit die Kräfte des Staates zu ihrem Schutze in höherem Grade in Anspruch als die Besitzlosen und im Kriege zeigt sich diese Wahrheit besonders auffällig. Sie sind daher auch entschieden denr Staate größere Opferwilligkeit schuldig. Den Agrariern ist es nie so gut ergangen wie gegenwärtig in dieser harten Kriegszeit, selbst bescheidene Bauerngüter sind im Laufe der Kriegsjahre fchuldenftei geworden und der Wert ihres Besitzes hat sich mindestens verdreifacht. Eine selbst 50 % ige Abgabe ihres Besitzes an den notleidenden Staat wäre daher gerechtfertigt. Wenn der Staat künftig gerecht und sozial regieren soll, dann darf er nicht wie bisher von den Ueberreichen abhängig bleiben. Von der völlig verarmten, unterernährten und furchtbar gequälten Volksmasse kann mau zu Gunsten der noch, immer begüterten Volksschichten nicht die letzten Mittel Herauspressen, die zu ihrer Lebensunterhaltung nötig sind. Oesterreichische Patrioten müssen bestrebt sein, den Völkkrfrieden im Inneren zu erringen und dürfen keineswegs in dieser Richtung zu ferneren-Kämpfen Hetzen, Das Unglaublichste 'leisten darin.die Deutschradikalen, und ganz besonders deren Häuptling Wolf. Dieser Reichsratsabgeordnete beschimpfte die tschechischen Abgeordneten und beklagte die kafferliche Amnestie. Von seinem Kumpan Teufel unterstützt trieb Wolf seinen kuror tsutcruiirus so weit, daß er für den Absolutismus des Grafen Stürgkh warme Anerkennung fand, dem Verurteilten Dr. Friedrich Adler einen feigen, tückischen und hinterlistigen Mörder nannte und schließlich die Pazifisten grimmig verspottete und verdächtigte. Der Abgeordnete Wolf hat mit seiner Rede die große deutschnationale Partei nicht gefördert, und selbst der sozialdemokratische Führer Dr. Viktor Adler zeigte sich als besserer Oesterreicher, denn er will in Oesterreich einen Boden errichten, wo die verschiedenen Völker friedlich Zusammenleben. Die jüdischen Staatsbürger Oesterreichs treten auch darin entschieden an die Seite ihres Kaisers, daß sie alles tun werden, was dem äußeren uüo inneren Freden dienlich sein kann. Aufrechte jüdische Staatsbürger halten sich auch in dieser großen und harten Zeit von allen Verhetzungen fern. Sie sind im Gegenteil bestrebt, Frieden zu stiften. Sie beschränken sich auf gemessene und würdige Abw ehr, wenn sie selbst ungerecht verdächtigt und angegriffen werden. Dir Kriegskläffet werden hoffentlich bald verstummen, denn die Kriegsfiammen haben bereits in den drei Kriegsjahren so viel verzehrt, daß sie kaum noch lveiteren Stoff finden. Möge der edle»-Vater der Christenheit mit seinem Wunsche Recht behalten, daß die großen Prinzipien der Gerechtigkeit, Liebe und Moral im Verkehre der Staaten zu einander ebenso maßgebend werden wie derzeit im Privatleben! Mögen die Volksoerhetzer überall , bald verschwinden und ein verträgliches Zusammenleben aller Völker zu gemeinsamer Kulturarbeit rasch wieder möglich werden! R. L. Unverdiente Jnrirckjehnng. „Der Abend", der mit lobenswertem Freimut die mannigfachen im öffentlichen Leben zu Tage tretenden Uebelstände geißelt und hiebei einer einseitigen konfessionellen Rücksichtnahme gewiß nicht geziehen werden kann, veröffentlicht folgenden beachtenswerten Artikel: Man konnte schon öfters aus verschiedenen Zeitungsankündigungen entnehmen, daß manche unserer Militärbehörden und Militärkanzleien sich bei der Wahl ihrer vertragsmäßig Angestellten als hatnäckige Gegner der Juden bekennen. Einige Zeit hindurch waren Stellenausschreibungen nichts Ungewöhnliches, die eine Aufnahme von der Bedingung abhängig machten, daß die Bewerberinnen christlichen Glaubens find. Berücksichtigt man^ wie viele jüdische Flüchtlinge durch den Krieg Heimat- und brotlos wurden und, um dem bittersten Elend zu entgehen, hier in der Fremde notgedrungermaßen jede sich bietende, rvenn auch schlecht bezahlte Stelle annehmen müssen, so ist die Forderung durchaus billig, daß Militärbehörden nicht mit schlechtem Beispiele vorangehen und Jüdinnen nicht von der Bewerbung um einen Posten von vornherein gänzlich ausschließen sollen. Mehr noch.aber als diese Mädchen und Frauen würden von der Abneigung, Juden auzustellen, jene betroffen, die dem Staate als Kämpfer Dienste geleistet haben und die nun das Unglück tragen müssen — allein-, acht — wie oft ohne jede Anerkennung, auf die Güte ihrer Verwandten oder gcw Fremden angewiesen! Denn derselbe Staat, der ihre gesunden Glieder sehr wohl brauchen konnte, .versagt, wenn es gilt, die kranken oder die fehlenden durch eine ausreichende Unterstützung zu ersetzen. Mit welchen Gefühlen müßte so ein Jude eine Abweisung bei einer Stellungbewerbung erfahren, die lediglich aus dem Grunde erfolgt, weil er Jude ist? Da wird uns von einem 52jährigen Manne seine Geschichte, die uns beinahe unglaubwürdig erschiene, hätte er uns nicht Namen und Adresse mit der Einwilligung, daß wir sie auf Verlangen den Behörden zur Verfügung stellen.

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