Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1917
- Issue
- Heft 9 (4.5.1917)
- Date
- 1917-05-04
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/3062972-3063801-3063810--10325-3077651- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Seite 8. Die Wahrheit Nr. 9. irgend ein anderes Volk vermehren unb zwar unter jedem Klima, laßt sie als eine der interessantesten Aufgaben für eine ernste und sinnige Betrachtung der Geschichte erscheinen. Sie sind das älteste Volk, das als Träger des reinsten Monotheismus besteht und eben gegen der Reinheit des Gottesglaubens das Sitiengesetz und seine Betätigung im Leben als eigentliche wahre Darlegung des religiösen Glaubens hingestellt und festgehalteu hat. Ganz Europa bat sein Mittelalter gehabt, eine Zeit der Rohheit, des geistigen und. sittlichen Verfalls, wie er trauriger nicht gedacht werden kann, nur die Inden machen davon eine Ausnahme. Trotz Zerstörung und Bedrückung, die ihnen oft die einfachsten Menschenrechte, ja selbst die Berechtigung zum Leben raubte, haben sie sich bis zum Ende des Mittelalters ununterbrochen in ihrem geistigen Leben fortenlwickelt.. und den übrigen Völkern die Grundlagen der Sittlichkeit und des geistigen Lebens bewahrt nnb überliefert. Wie geistig edel angelegte Naturen strauchelten sie wohl zuweilen, wenn glückliche Augenblicke ihnen das Leben zu leicht machte, aber jede Widerwärtigkeit, jedes Eleitd, das ihnen und halbwegs menschliche Existenz ließ, har nur den Erfolg gehabt, sie zu veredelt!, sie zu höherer geistiger und sittlicher Anstrengung zu beleben." So sprachen und dachten zu fallen Zeiten jene vorurteilsfreien nichljüdischen Gelehrten über das Judentum, denen das jüdische Schrifttum kein Terra iucognita war. Zum Gedächtnis au den Ersten Vizepräsidenten der Wiener israelitischen Knltusgemeinde des Herrn Doktor G u st a v K o h n. Herausgegeben von Max Schwager, Wien II., Zirkusgaffe 50. Das prächtig ausgestattete und mit einem hervorragend künstlerischen Titelblatte versehene Buch darf füglich als herrlich schönes Denkmal für den um die Wiener Kultusgemeinde fo hochverdienten Mann bezeichnet werden. Zwei naturgetreue Bilder des Verewigten, eines nach einer Rötelzeichnung des akademischen Malers David K o h n und eines nach eitler photographischen Ausnahme (1915) vom Hos- Photographen S. Weitzmann mit Faksimile, gehen der interessanten Lektüre voran. Diese leitet Rabbiner Dr. Max Grunwald mit einem inhaltsreichen Beitrage: „Zum ersten Jahrzeitstage" ein. „Worte des Gedenkens" schreibt der genannte Maler David K o h n. Der bescheidene Titel paßt kaum zu der umfassenden Biographie, die hier des Meisters Hand künstlerisch entworfen. Die Rötelzeichnung und die Worte des Gedenkens des David K o h n erinnern an Lesstngs Definition: Malerei ist stumme Poesie und Poefie ist redende Malerei. Wie aus der feinen Rötelzeichnung das wortlose Bild fo beredt von der Güte und der Klugheit des Gottseligen zu uns spricht, so blickt uns aus jeder Zeile der gleichsam plastisch gemeißelten „Worte" die edle Seele des nunmehr in Gott ruhenden Hohenpriesters der Menschenliebe an. Nur seinen Körper habeu wir ins Grab gebettet, sagt David K o h n; sein goldenes Herz hat in unser aller Herzen ein Ehrengrab gefunden! — „Worte des Gedächtnisses" bietet auch Dr. Heinrich Schreiber, ein anmutiger Stilist. Sein warmes Jntereffe für die Wiener jüdischen Angelegenheiten lassen ihn, den wackeren Mitarbeiter des Kultusvorslandes, bei der wehmütigen Frage Halt machen: Werden wir an Dr. Gustav Kohns Platze jemals wieder seinesgleichen sehen? — Doktor Alfred Berger, Baden, sucht wertvolle Reminiszenzen: „Zur Erinnerung an den gewesenen Obmann der Schulkommission" festzuhalten. Was Dr. Gustav Kohn für die Talmud-Thora-Schule, für den religiösen Unterricht an der Mittelschule, für die Schuljugend, für die jüdischen Hochschüler,, für die jüdischen Kommunallehrer usw. geleistet und zum Teil in heißem Bemühen errungen, das alles wird hier von einem Berufenen, von einem Fachmann, wie es keinen besseren gibt, liebevoll zusammengetragen, damit cs der Vergessenheit entrissm werde. Soll ja auch in dieser Beziehung das Bild des Verewigten nicht nur ein Bild, sondern auch ein Vorbild für die Ewigkeit, das heißt für die künftigen Generationen und ihre Vertreter in Schulsachen, sein und bleiben. Das ist offenbar die Absicht Dr. Bergers! — Ein hübsches Gedicht von Dr. Leo Lemport hat den hohen Wohltätigkeitssinn des Verblichenen zum Gegenstände. — Nun schildert der Herausgeber „Die Bestattung" und läßt die auf dem Friedhofe gehaltenen Reden folgen. Es sind diesdie vom Oberrabbiner Dr. M. Güdemann, vom Präsidenten Doktor Alfred Stern, vom Landesschulrat und Kultusvertreter Dr. Markus Spitzer, vom Sekretär Dr. Emil Adler usw. gehaltenen, durchwegs tiefergreifenden Nachrufe. — Ein genaues Verzeichnis der „Anwesenden Persönlichkeiten und Korporationen bei der Leichenfeier" und der „Kondolenzen an die Kultusgemeinde" beschließt den ersten Teil des Buches. — Im zweiten Teile sind die „Trauerkundgebungen und Trauerfeiern", nebst den Gedächtnisreden enthalten. So die Rede des Präsidenten Dr.Alfred Stern im Sitzungssaale der Kultusgemeinde und des Dr. Heinrich Schreiber in der Trauersitzung des Kultus- Vorstandes, die ergreifende Trauerpredigt des Rabbiners Dr. Max Grunwald im Gemeindetempel der Leopoldstadt. Auch die sonstigen „Trauerkundgebungen" in der Gemeinde und den verschiedenen Vereinen sind übersichtlich angegeben. Schließlich wird die Trauerandacht im - Tempel der Innern Stadt am ersten Jahrzeitstage geschildert und die hierbei von Rabbiner Dr. Julius Max Bach ehaltene Trauerrede, sowie die vom Präsidenten Dr. Alfred Stern im Zeremoniensaale des Tempels in der Plenarsitzung des Kultusvorstandes gehaltene Gedenkrede, zwei Meisterstücke der Rhetorik, abgedruckt. Mit der Wiedergabe der „Traueranzeigen" endet das „dem Vorstande der israelitischen Kultusgemeinde Wien vom Herausgeber gewidmete" Buch. Mit Genugtuung wird es jeden erfüllen, der von den Werken Dr. Gustav Kohns gehört und der gerne dem Verdienste die gebührende Anerkennung zollt. Alle Aufsätze sind von musterhafter Diktion und atmen tiefste Pietät gegen die Manen eines der Größten, die in unserer Zeit gelebt und im Geiste des echten Judentums für das allgemeine Wohl gewirkt haben. Wir können nicht umhin, allen Freunden der jüdischen Sache das Buch zu empfehlen. Dem Herausgeber aber sagen wir innigsten Dank für seine Mühe und Sorgfalt, denn wahr und treffend ist der Schlußsatz des Dr. G r u n w a l d'schen Geleitwortes: Die vorliegende Sainmlung bietet ein unverwelkliches Gedenkblatt auf dem Grabeshügel des teueren Verklärten, ein Ruhmesblatt in der Geschichte der Wiener Judenheit. Mähr.-Ostrau. Rabbiner Dr. R. F a e r b e r. Danksagung. Die Mannschaft isr. Konfession der Garnison Innsbruck dankt hieuiit öffentlich Herrn Landesrabbiner Dr. Link für die ihnen während der 8tägigen Osterfeiertage durch die Israel. Knltusgemeinde zuteil gewordene .vorzügliche rituelle Verköstigung. ' - Jnbesonders fühlt sich die Mannschaft Herrn Oberkantor Abraham Fiugerhut. welcher die Aufsicht und Leitung über Küche, Keller und Bedienung über hatte, was bei einem Stand von 4M Mann, besonders bei der jetzigen schweren Zeit große Energie und Umsicht beanspruchte, für fein wahrhaft aufopferungsvolles Bemühen sowie für seinen herrlichen Gesang zu großem Dank verpstichtet. Innsbruck 19. April 1917. Für die Mannschaft: Ldstm. Leo Stepper. Verschiedene Nachrichten. Vjen. (Militärgottesdienst am Namenstage der K a i s e r i n.) Zum ersten Male beging Ihre Majestät die Kaiserin Zita als Herrscherin ihren Namenstag. Ans diesem Anlässe fand Freitag, den 27. April, 9 Uhr vormittags, im Tempel der israelitischen Knltusgemeinde, II., Tempelgasse 3,' für die gesamten jüdischen Soldaten der Wiener Garnison ein feierlicher Gottesdienst statt, welcher einen überaus eindrucksvollen Verlauf nahm. Das große Gotteshaus war bis zur obersten Galerie mit Tausenden Soldaten, darunter vielen Offizieren, gefüllt. Nach dem Sulzer'schen Matauwu durch I. Kantor Jurberger mit Chor und Orgel feierlich gesungen, hielt k. u. k. Feld» rabbiner Dr. Rubin Färber in deutscher Sprache eine formvollendete, hochpatriotitche Festrede. Mit Begeisterung lauschte das Auditorium den Ausführungen des Redners, der die jnuge Kaiserin mit der ausgehenden Morgenröte verglich. Sodann hielt k. u. k. Feldrabbiner Dr. Emanuel Havas eine ungarische Ansprache, worauf Feldrabbiuer Dr. Färber vor geöffneter Bundeslade das Gebet für Kaiser, Heer und Vaterland verrichtete. Mit der Absinzuug der österreichischen und ungarischen Hymne durch das Chorpersonal schloß die erhebende Feier.