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Die Wahrheit · 1917-05-04 · Heft 9 (4.5.1917) · page 7

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1917
Issue
Heft 9 (4.5.1917)
Date
1917-05-04
Page
– (sequence 7)
Language
German
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Nr. 9. Die Wahrheit Seite 7. Wenn auch derlei in größeren russischen Städten, zumal in jenen des Zarentums Polen, keine besondere Sensation bedeutete, herrschte bei solchen Verhaftungen in den Kreisen der Intellektuellen Erregung und Erbitterung: man ballte die Fäuste — in den Taschen .. . Dem Monumentalbali der kuppelreichen russischen Kirche gegenüber liegt das Haus „zu den vier Jahreszeiten", ans dessen Hof sich Gymnasiasten mit Ballspiel belustigten. Da rief die Kostfran mit sonorer Stimme: „Garbata!" (Znm Tee!) und allsogleich legten die Spielenden Stäbe und Bälle zur Seite nnd ließen sich an einem mit farbigem Tuche bedeckten Tische nieder. Die Jaule wurde aufgetragen. Während die vom Spiele abgehetzte Jugend den siedendheißen Tee schlürfte und den gut gestrichenen Butterschnitten znsprach, kam die Rede ans den jüngst verhafteten Hochschüler und ein Quartaner fragte den Senior der Gesellschaft, was unter „revolutionären Umtrieben", vor denen am Gymnasium so eindringlich gewarnt wird, zu verstehen fei. - Der Befragte sah etwas scheu die Umgebung an und rückte, als er die Lust rein fühlte, mit folgender Erläuterung heraus: „Die revolutionäre Propaganda der Intelligenz wird mit Nihilismus bezeichnet. Dieses Wort, vom lateinischen nihil — nichts — abgeleitet, hat seinen Gipfelpunkt in folgendem Gedanken: Das gegenwärtige Negiernngssystem iu Rußland, das vom Untertan bedingungslos hündische Unterwürfigkeit fordert, muß zerschmettert und zu nichte gemacht werden. Ist diese Mission völlig erfüllt, so geht die erlöste Menschheit daran, eine neue Welt nach Grundsätzen der Vernunft nnd Gerechtigkeit anfznbanen. Wer sich in den Dienst dieser Propaganda stellt, hat mit dem Wirt bereits die Rechnung gemacht. Das Sein des Einzelnen zählt in der Organisation nichts, gilts den Gedanken nur um einen Schritt nach vorwärts zu rücken; und deswegen gibts beim Nihilismus keine Chargen; der Beamte, der Student, der Aristokrat der Geburt und der Finanz sind miteinander auf Duzfuß, ihr eigenes Interesse weicht gänzlich dem Bestreben der Organisation. Männer und Frauen besitzen hier gleiches Recht —: Kein Recht an das Leben zu stellen. Der Sozialismus hingegen ist eine internationale Propaganda. Sie führt ihren Wahlsprnch: „Proletarier aller Länder, vereinigt euch!" und kämpft nicht nur wider die Willkür des Zarismus, sondern die allgemeine Knechtung und Ausbeutung des arbeitenden Volkes durch das Kapital. Der Sozialismus bäumt sich gegen das konventionelle System, daß Tausende schwieliger Hände sich rackern und schinden sollen, damit der Millionär zum Milliardär werde, während .der Proletarier mit Lebensgefahr feinen mageren Lohn, der oft für das Dürftigste nicht hinreicht, ans der Hand des Reichen mit Demut empfangen soll .... Während die meisten Staaten Europas mit dem Sozialismus als politischen Faktor rechnen, wird der organisierte Arbeiter bei uns als politischer Verbrecher angesehen und bestraft nfw. Beide revolutionären Bestrebungen in Rußland sind geschworene Feinde der Zarismus, dessen Bajonette die Träger des morschen Staatsgebändes sind- und deswegen der Haß, die blutige Vergeltung der Mächtigen im Reiche! — Ihr habt oft die Etappe der Deportierten auf der Angnstower Chaussee gesehen. Die Männer in massiven .Ketten, ihr Haupthaar und ihr Bart zur Hälfte dem Rasiermesser verfallen, auf dem Rücken der Sermjaga (Mantel ans russrchem Bauerntuch) in gelben Buchstaben das Ziel der Verschickung; die Frauen in weißer Kleidung. Alle aber mit blutleeren Lippen. Zn neunzig Prozent sind es „politische Verbrecher". Hie nnd da gelingt es doch noch manchem zu entkommen. Der Entflohene aber hat nicht das Bestreben, fein Leben zu retten, sondern der Organisation Aufschlüsse Beschaffenheit von Kerkern und über Transportverhällnisse zu geben. Beweis dessen: schon am nächsten Tag wirft er eine Bombe gegen eine Staatsautorität und verfällt nenerdings der Verschickung oder der Henkerhand." Es waren die erste Worte, die ich über die revolutionäre Propaganda in Rußland hörte. Ich habe längst Rußland den Rücken gekehrt und mich mit Liebe und Dankbarkeit der neuen Heimat zngewendet. Aber oft noch hörte ich von Mitgliedern des Klubs „Xrrrh3oh rn8shicrh studentow w Wiene“ (Verbindung russischer Studierender in Wien), daß das Programm der Revolutionären noch das alte ist. Man suche das Militär für sich zil gewinnen, um Kriegführung und Militarismus aus der Welt zu schaffen, denn die Menschheit ist nicht dazu da. sich zu bekriegen und zu besiegen, sondern einander zu helfen und beiznstehen in der Not. Es müßte doch znm Teufel sein, daß all die freiwilligen Opfer der rnssischen revolutionären Propaganda — nach dem großen freiheitlichen Sieg — noch jihr Blut für ein Fata Morgana verspritzt hätten? Oder blieb von den Waffen der Revolution die absolute Macht des Mammons unversehrt? Die Inden als eifrige Förderer des Welthandels. Eine aftuelle Betracht» n,g. Bou Dr. M. H. Friedländer. (Schluß).“ Ferner sagt Herder: „Die Juden waren und sind das ausgezeichnetste Volk der Erde; in seinem Ursprünge nnd Fortleben bis ans den heutigen Tag, in feinem Glücke nnd Unglücke, in Vorzügen llnd Fehlern, in seiner Niedrigkeit nnd Hoheit so einzig, so sonderbar, daß ich die Geschichte, die Art der Existenz des Volkes für den ausgemachtesten Beweis der Wunder nnd Schriften halte, die wir von ihm wissen uitd haben. So etwas läßt sich nicht dichten, solche Geschichte, mit Allem was daran hängt und davon abhängt, für solch ein Volk läßt sich nicht erlügen. Seine unvollendete Führung ist das größte Poem der Zelten und geht wahrscheinlich bis zur letzten Entwickelung des großen, noch unberührten Knotens aller Erdenaturen hinaus." Nachdem Herder mm näher nachgewiesen, daß diese Geschichte, deren Wahrheit im Allgemeinen noch Niemand angezweifelt hat, zugleich einen vollgültigen Beweis für Wahrheit der jüdischen heil. Schriften sei usw., setzte er hinzu: „Das sonderbarste Volk hat die sonderbarsten Bücher, ein Volk, dessen Religion und Geschichte ganz von Gott abhängt und dahin weist, hat auch Bücher der Art des Geistes; jene Dinge sind aus diesen, diese aus jenen entstanden und Alles ist im Grunde nur Eins. Ein Gepräge, ein Charakter, eine Beurkundung der Zeiten; ihr Name ist, daS Volk Adonais, wie dort der Name von Ezechiels Stadt und Tempel Adonai Schomo." (Zur Philosophie und Geschichte In ähnlicher Welse drückt sich Schlosser ans: „Die Juden sind ein Hauptvolk der Welt, nicht blos der christltchen Weltgeschtchle, als das Volk Gottes, „sondern ein mächtiges Volk," das im Zeitpunkte seiner Größe aus mehr als 5 Millionen Seelen bestand, ein kultiviertes Volk, der Depositor aller Kenntnisse, die wir auch aus der ältesten Well, lauge vor den jungen Griechen, übrig haben; das einzige Volk, dessen Gesetzgebung und Sitten noch nach Jahrlanjendeu kenntlich sind und im Wesen unverändert, feinen Staat überlebt haben." (Ersch. u. Grnber Encykl. 2. T.) Auch in der modernen Zeit haben hervorragende vorurteilsfreie christliche Gelehrte sich über das Judentum nnd feine Lehre äußerst günstig geäußert. Der berühmte Naturforscher Schleiden schrieb: „Die Juden sind und bleiben das merkwürdigste Volk, .und wenn man sich auf die Symbolik einer Vorsehung einlassen will, darf man sie wohl das anserwählle Volk Gottes nennen. Schon daß sie sich zweitausend Jahre lang trotz der schwersten und blutigsten Verfolgungen, die sie Heiden, Perseril, Mohamedaueru und Christen zu erdulden halten, als ein Volk, und bis znm heurigen Tage ihrem ursprünglichen geistigen Charakter treu, nicht nur erhalten haben, sondern sich fort und fort ausbreitete und in günstigerem Verhältnis als

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