Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1914
- Issue
- Heft 24 (26.6.1914)
- Date
- 1914-06-26
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 4. Die Wahrheit Nr. 24. dadurch die deutsch-freiheitliche Partei zu einer achtungsgebietenden Organisation zu erheben, wurde eine scharfe Resolution gegen das Ministerium Stürgkh und die Aufforderung an die anwesenden Abgeordneten nach Zusammentritt des österreichischen Reichsrates sofort die Mnusteranklage einzuleiten. einstimmig zum Beschlüsse erhoben. Allen aufrechten jüdischen Staatsbürgern ist dringend anzuraten, sich dieser bürgerlichen Partei sofort anzuschließen und dieselbe möglichst nachdrücklich zu unterstützen, denn wo die Gesetze gelockert und entlrohnt erscheinen, dort kommen erfahrungsgemäß die jüdischen Staatsbürger zuerst unter die Fuchtel der Gewalt. Diese Partei kämpft für die Autorität der noch immer geltenden österreichischen Staatsgrundgesetze, welche bekanntlich die gesetzliche Gleichberechtigung aller Staatsbürger ohne Unterschied der Nation und Konfession festlegen. Im Erstarken und Anwachsen dieser Partei liegt nicht nur das Heil der Freiheit und des Fortschrittes, sondern auch das Heil der Wiener und österreichischen Judenschaft. — R. L. Die Autonomie der indischen Konfession in Ungarn. Vor einigen Tagen sprach eine Deputation, bestehend aus den Herren Hofrat Franz Szökely, Gemeindepräsident Ludwig Adler, Baron Adolf Kohner, Varon Moriz Herzog Manfred v. Weiß, Hofrat Julius Wiuterberg und Max Szabolcsi, in Angelegenheit der jüdischen Autonomie beim Kultusminister Bsla von Jankovich vor. Hofrat Franz Szskely wies auf den einstimmigen Beschluß hin, den die Vertreter von 250 jüdischen Knltusgemeindeu am 2. Juni 1912 auf ihrem in Budapest abgehaltenen Kongreß gefaßt haben und worin ausgesprochen wird, daß die jüdische Konfession in Ungarn einheitlich und unteilbar sei und daß sie die einheitliche Autonomie wolle. Die Deputation sei nun vor Sr. Exzellenz erschienen, um ihn zu bitten, er möge die gerechte Sache der Judenschaft unterstützen und solche legislative Verfügungen initiieren, deren Zweck es wäre, die ungarländische Judenschaft zu einem gemeinsamen Kongreß einzuberufen, damit sie sich durch Schaffung entsprechender Statuten zu einer einheitlichen Organisation konstituieren könne. Ausschließlich von der Liebe für das öffentliche Interesse geleitet sei die Deputation vor. Sr. Exzellenz erschienen. Sie glaubt, daß die erhabene Weisheit und der allbekannte Liberalismus Sr. Exzellenz die vorgebrachten Wunsche werden würdigen können, und legt ihre Angelegenheit voll Vertrauen in die Hände des Ministers. Minister Jankovich ' erwiderte Folgendes: Meine Herren! Ich danke für Ihr ehrendes Erscheinen. Ich darf wohl sagen, ich wäre stolz, wenil es mir glücken würde, diese sich so lauge schon hinziehende Angelegenheit zu lösen. Die endgiltige Lösung dieser Frage stünde auch im Interesse der Regierung. Es bestehen aber auch große Schwierigkeiten namentlich von Seiten einer Fraktion. Es hatidelt sich um eine sehr heikle Sache. Es ist das Grundprinzip des Liberalismus, daß in solchen Fällen nicht regierungsbehördlich entschieden werde. Eine Autonomie, die regierungsbehördlich orgatrisiert ist, müßte im Zeichen der Gewalttätigkeit beginnen! Insofern also diesbezüglich eine Einigung zustande käme, gäbe es.in der Sache selbst keine Schwierigkeiten. Die Deputation überreichte sodann ihr Memorandum. In diesem wird ausgeführt, daß die jüdischen Gemeinden Ungarns eine Laudesbewegung eingeleitet haben, um die einheitliche Organisation der Konfession und die Autonomie zu erkämpfen. Diese Aktion sei in dem Landeskongreß vom 20. Feber 1912 zu einem historischen Wendepuukt gelangt. Die jüdische Konfession, deren Rezeption durch die G.-A. XL1I:1895 inartikuliert wurde, könne die Autonomie mit Recht fordern. Es ist die Ueberzeugung der Judenschaft, daß der innere Friede schon längst hergestellt worden wäre, wenn sie nicht von äußeren Einflüssen verhindert worden wäre, eine Verständigung anznbahnen. Das Memorandum bittet den Unterrichtsminister, einen Gesetzentwurf zu unterbreiten, der die Regierung anweist, die israelitische Konfession zur Abhaltung eines gemeinsamen Kongresses innerhalb einer bestimmten Frist anfznrufen, mit dem Zusatze, daß das hier geschaffene Normativ der Negierung, resp. der Legislative, zur Genehmigung unterbreitet werde. Der Minister erklärte hierauf, daß er die Frage studieren werde und daß er stolz wäre, wenn ihm die Lösung gelänge. Nach einer Ansprache Max Szabolcsis versicherte der Minister die Deputation abermals seines Wohlwollens und verabschiedete sich von den einzelnen Mitgliedern in freundschaftlichster Weise. Die Deputation begab sich sodann zum Staatssekretär Ludwig von Jlosvay. Aus die Ansprache des Hofrates Franz Szekely antwortete der Staatssekretär, es wäre wünschenswert, wenn schon die Ungarn sich nicht verständigen können, daß wenigstens die ungarischen Juden klüger seien und zu einer Einigung gelangen. Er wünsche das vom Herzen und stelle ihnen seine Unterstützung in Aussicht. Reminiszenzen an Gisenstadt. Der Brand im Eisenstädter Ghetto hat in mir Erinnerungen an die Zeit wachgerufen, die ich in der Rabbinerschule des Dr. Hildesheimer (1864—1869) dort verlebte, in dessen Hause sowohl wie in der Jeschiwa ich zwei Jahre Tenach und hebr. Grammatik unterrichtete. Diese ehrwürdige, vornehme Gemeinde nahm stets die Führerrolle unter den sogenannten „Schewa Kehilos“ ein. Sie vereinigte in sich Reichtum und Gelehrsamkeit. Bedeutende Persönlichkeiten gingen ans ihr hervor, wie der berühmte R. Herz Komen und R. Akiba Eger. Als Nabbiner sind die bekanntesten: R. Schamichon Wertheimer, R. Meir Asch und R. Mosche Perls. Dessen Nachfolger war Dr. Israel Hildesheimer, dem alle Gemeinden Ungarns ihren kultuellen Aufschwung zu danken haben. Seine Religiosität und Humanität waren für die Gemeinde vorbildlich, der er ein eigentümliches Gepräge anfdrückte. Diese kaum 70 Familien zählende Gemeinde hat 200 Bachurim erhalten, welche allerdings nur mit'dem Notwendigsten versorgt wurden. Zu meinen damaligen Kollegen zählten I. S. Bloch, Hillel Klein, N. Ehrenfeld. Salzberger, Jaulus Aachen, Rabb. Kohn, Kattowitz, Jehnda Löwenstein, Maszbach, I. A. Großberger, ein scharfsinniger Talmudist und der beste Hebraist Schmer! Herz, der Vater des Chief-Rabb: in London, der hebr. Gedichte ohne jede Kenntnis der Grammatik verfaßte, Rabb. Kramer, Wien, Sem.-Dir. Hoffmann, Berlin. Tansende von Schülern gingen ans dieser Schule hervor, denen Hildesheimer nicht bloß ein Lehrer, sondern Vater und Brotherr war. Seine Gattin Jettchen betreute sie mütterlich und pflegte sie in ihrer Krankheit. Sie war stets anwesend, wenn ich ihre Töchter in Chumesch und Psalmen unterrichtete. Durch ihre Opserwilligkeit waren die Familien Wolf, Spitzer. Singer, Austerlitz, Weil. Figdor. Klaber und Kauders ausgezeichnet. Viel leistete der Vereiit „Tifereth Bachurim“, welcher alle nötigen Bücher durch Sammlungen herbeischaffte. Unter diesem Namen gründete ich im Jahre 1869 eine Monatsschrift, in welcher Horowitz auf Grund archivalischer Studien „Das schwarze Buch", die Geschichte der Gemeinde Eisenstadt schrieb. Sie enthielt Beiträge von Holländer nnd Deutschländer. Nach Hildesheimers Scheiden von Eisenstadt, wozu ihn die in Ungarn nach dem Kongreß herrschenden Zustände bestimmten, hörte sie zu erscheinen auf. Die Gemeinde lebte in seinem Geiste weiter und erhielt diesen väterlichen Freund im beständigen Andenken. Die von ihm geschaffenen Institutionen bestanden unter seinem Nachfolger Kuttner fort. Noch heute pulsiert in ihr ein echtes, religiöses Leben. Sie wird auch die gegenwärtige Heimsuchung überdauern und aus dem Schutt mit verjüngter Kraft sich erheben und fortentwickeln zum Heile des Judentums. Luhatschowitz. Frankl-Grün.