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Die Wahrheit · 1914-06-26 · Heft 24 (26.6.1914) · page 5

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1914
Issue
Heft 24 (26.6.1914)
Date
1914-06-26
Page
– (sequence 5)
Language
German
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Nr. 24. Die Wahrheit Seite 5 Knllnrdilder ans dem Dorado des Anti femilismns. (Fortsetzung.) So wird dem gemeinen Soldaten von einem moralisch durch und durch korrumpierten Offizierkmps Achtung vor den Zivilgewalteil und der Volksvertretung beigebracht. Der nationale Hochmut der Panslawisten treibt überhaupt seltsame Blüten. Als im Dezember vorigen Jahres im Petersburger Adelssaal ein Meeting von russischen Anhängern des Ällslaventums in Galizien ganz offen den Abfall von Oesterreich proklamierte, wurde nach der,Krenz-Ztg." (24, 12, 13) das geschmackvolle Wort stürmisch applaudiert: „Das russische Volk ist so groß, daß es nur auszuspucken braucht, damit in seinem Answurf alle seine Feinde ersaufen." Die Hauptvorkämpferin dieser Richtung ist, wie Th. Schieman hinzufügt, die „Nomoje Wremja." Die Hanpteinuahmen des russischen Staates sind bekanntlich ans den Ertrag des Branntweinmonopols basiert, das nicht weniger als eine Milliarde Rubel einbringt. Aber mir welcben sittlichen Schäden und mit welcher grauenhaften physischen Degeneration des russischen Volkskörpers ist dieses gleißende Gold erkauft. Meuschikow stellt in der „Nowoje Wremja" darüber melancholische Betrachtungen au. Wenn die Generation der Politiker geschwunden sei, die persönlich an dem „glänzenden Fehler" (der Einführung des Branntweinmonopols) mit Schuld trügen, werde erst mit Entsetzen erkannt werden, wie groß dieser Fehler war. Vielleicht sei es auch nötig, daß das Volk und die saufenden (sic!) höheren Klassen sich bis zu der Grenze volltrinken, daß nichts übrig bleibt als eine Umkehr. Th. Schiemann berichtet hierüber in der „Kreuz-Ztg.": „Die während der Trunksuchtsdebatte am 17. Februar im Reichsrat vorgebrachten Tatsachen sind keineswegs geeignet, das trübe Bild, das der Oberproknreur des heiligen Synod entwirft, günstiger zu färben. Herr Gnrko, der den eigentümlichen Antrag stellte, in den Monopolbnden für einen „Wenigerverkanf" von Branntwein Prämien zu bezahlen, gab an, daß in Rußland jährlich 200.000 Mann in der Betrunkenheit stürben, an der infolge von Alkoholgennß entstandenen Schwindsucht 500.000 Personen. Von schulpflichtigen Kindern im Alter von 8—12 Jahren tranken 78 v. H. der Knaben und 42 v. H. der Mädchen nach den von Dr. Korowin angestelllen Untersuchungen, und ein Dr. Grigorjew teilte mit, daß von den Kindern, die im Gouvernement Petersburg die Schule besuchen, nur 6 v. H. itid)t trinken. In einer von ihm untersuchten Aufangsschule für Mädchen tranken alle 30 Schülerinnen und von ihnen waren 17 jeden Tag betrunken. Das sind allerdings entsetzliche Zahlen, die die Milliarde Reingelvinn vom Branntweinmonopol wohl erklären, aber gewiß nicht rechtfertigen können. Bei alledem gehört ein starker Glaube dazu, um anzunehmen, daß es möglich sein wird, in absehbarer Zeit dem Uebel zu steuern. Es gehört in den Zusammenhang moralischer und politischer Krankheitserscheinungen, die weit znrückliegen und deren explosive Erscheinung wir 1905 feinten gelernt haben. Vielleicht tröstet man sich in Rußland damit, daß ein so hoch kultiviertes Land wie Frankreich eine ähnliche Alkoholgefahr anfweist." Der Fluch der Branntweinpest—in Rußland werden täglich für 2 Millionen Rubel Wodka vertrunken — hat auch die berüchtigten Hooligans gezüchtet, deren verbrecherisches Treiben Rußland immer mehr dem Abgrund zntreibt. Sie haben insbesondere die Jugend aus dem platten Laude vergiftet, wie in authentischster Weise in dem „Allernnterränigsten Bericht des Oberprokurenrs des heiligen Synod für die Jahre 1911 und 1912" bezeugt wird, der vor wenigen Wochen veröffentlicht worden ist: „Sie (die Jugend) ist zur Religion überhaupt ganz indifferent geworden, sie säuft, ist unzüchtig, treibt Straßennnfng (russisch „ClraligaTistwlijetu, was kaum zu übersetzen ist und nur durch das Treiben der Hooligans in den großen Städten und auf dem stachen Lande erklärt werden kann)*), sie träumt von einer neuen Revolution, von der sie das irdische Paradies erwartet. In den Gemeindeversammlungen tritt sie stets gegen die Interessen der Kirche auf und hofft sich ihres Eigentums zu bemächtigen. Ueberhanpt nimmt das Treiben der Hooligans einen epidemischen Charakter an." In der Wirkung nicht minder gefährlich für den Zusammenhang des russischen Reiches ist die wahnsinnige Hetze der sog. Nationalisten gegen die „Fremdstämmigen". Es ist gewiß sehr bezeichnend, daß ein so monarchisch gesinnter Konservativer, wie der alte Fürst Meschtscherski, sich in jeder Nummer seines „Grashdanin" in immer schärferer Sprache gegen . das Treiben der Nationalisten wendet, von dem er wörtlich sagt: „Sie sind schlimmer als die Hooligans und Revolutionäre, weil sie unter den Klängen der Nationalhymne und mit der Maske falscher Ergebenheit für den Thron Rußland zugrunde richten, und bei diesem Treiben werden sie von Mitgliedern der Negierung unterstützt." Im „Grashdanin" ist kürzlich ein offener Brief an den Gouverneur von Kursk, Mnratow, veröffentlicht worden, in in dem es heißt: „Ew. Exzellenz, ich wende mich an Sie, als die bestbekaunte schlagfertigste und energischste Verkörperung des Hasses gegen die fremden Rassen im allgemeinen und gegen die Inden im besonderen. Ich bitte Sie. sich diese Frage zu stellen: Glauben Sie wirklich, daß Sie eme glänzende Karriere auf Tränen, Kunimer und Verzweistnng derjenigen begründen, denen Sie so häufig unb so oft ohne jeden Anlaß Unrecht tun. und indem Sie Haß zum Leitmotiv in der Politik machen, die Sie als Vertreter des Zaren in Ihrer Provinz verfolgen? Uns ergebenen Dienern des Zaren scheint es, daß Sie einen falschen Weg einschlagen, denn wir glauben, daß der Zar sein Volk mit einer Seele regiert, die nach Gerechtigkeit, Wahrheit und Barmherzigkeit für alle seine Untertanen dürstet.. " Der Brief ist unterzeichnet „Ein Russe". Aber selbst wenn es ein „fremder Russe" oder gar ein Jude wäre, verdient es. wie Th. Schiemann in der „Kreuz-Ztg." hierzu bemerkt, besondere Beachtung, daß er im „Grashdanin" abgedruckl wurde. Dazu kommt in religiöser Beziehung das Ueberhandnehmen des krassesten Aberglaubens im Volke. Alles sucht, wie der Petersburger Korrespondent der „T. R." schreibt, nach „neuen Göttern", die offizielle Kirche kann sich nur noch mit Hilfe der Polizei erhalten, das einfache Volk läßt alltäglich ans seiner eigenen Mitte neue „Gottesmütter" und Apostel entstehen, denen es göttliche Ehren erweist; die sogenannte „Gesellschaft" bis zu den allerhöchsten Spitzen hinauf schwört auf Raspntin, den „seligen Milia", den „wandernden Wassja" und wie die wirklich sonderbaren modernen Heiligen sonst noch heißen mögen, die ans Bauernichlanheit, grober Sinnlichkeit und Geldgier frömmelnde Tränkchen brauen, mit denen sie die weitesten Kreise des nenesten Rußland an Anstand und Sitte vergiften; die Wohltätigkeit ist zu einem regelrechten Gelderwerb geworden, der zahllose Exzellenzen und Durchlänchte männlichen und weiblichen Geschlechts vorzüglich ernährt. Unter dem Banernvolk grassiert das Sektenunwesen, dessen Entstehung in den erschütternden Feuilletons der bekannten Publizistin Frau Smirnowa folgendermaßen geschildert wird: „Unser Volk nennt sich rechtgläubig, es geht in die Kirche, betet zu Gott, aber was weiß es vom rechten Glauben? Der Knabe, der beim Examen in der Landschaftsschnle das erste Gebot vorliest nnd dabei sinnlose Worte bildet, ist in Wirklichkeit ein kleiner Heide, der nichts vom Christentum weiß. Sein Vater und seine Mutter. wissen oft nicht mehr. Deshalb fallen sie mit solcher Begier den Sektierern und falschen Propheten zn, um von ihnen das Wort Gottes zu hören. Wer diese Saat in ihre Seelen streuen will, findet *) Die Paranthese stammt nicht von Nils, sondern von dem Berichterstatter der „Krenz-Ztg."

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