Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1912
- Issue
- Heft 46 (29.11.1912)
- Date
- 1912-11-29
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 93% known words query
- IRI
…/3062972-3063623-3063669--08190-3075337- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Nr. 46 Die Wahrheit Seite 9. Derbarg seinen Kopf hinter seinem Rockschoße, als wollte es lagen: rette mich! Doch er sprach: „Geh, dazu bist im geschaffen." Als - er aber eines Tages der Magd,. welche sein Limmer anfränmte und eine.Brut, won jungen Tieren vernichten wollte, abhaltend znrief: „Schone sie, den es steht in den Psalmen: ,Gott ist gütig gegen alle und hat Erbarmen mit allen seinen Geschöpfen'" (Ps. 14b, 9), da geuaß er wieder. (B. Mey. 84.) Und selbst, wo sie den betreffenden Psalm zitieren, beherrschten die Anschauungen des Psalmisten ihre Vorstellnngen -von der Krankheit als Prüfungen und als Mittel zur Besserung, deren sich Gott bedient, um die Gesetzesüberlreter auf die richtige Bahn zurnckznführen, wie der Lehrer seinen trägen Schüler bestraft, um seinen Lerneifer und seinen Fleiß anzuspornen. Der Geist der Psalmen atmet auch aus jenem Gleichnisse, Welches den Gedanken ansführt, daß Krankheiten die bewährten Sendboten Gottes sind, die seinen Willen zur bestimmten Zeit vollfnhren und auf sein Geheiß sich zum Bessern wenden. Sonazi sagte zu R. Akiba: „Ich weiß so gut wie du, daß die Götzen nichts sind, aber ich möchte doch wissen, wie das Lugeht, daß so viele Gebrechliche, die in den Götzentempel gehen, geheilt werden?" R. Akiba erwiderte: „Ich will dir dieses durch ein Gleichnis erklären. Einst wohnte in einer Stadt ein ehrlicher Mann, der das Zutrauen seiner Mitbürger in so hohem Grade besaß, daß jedermann ihm Geld und Gut anvertrante, ohne, darüber eine Schrift zu verlangen, mit Ausnahme eines einzigen Bürgers, der ihm nichts, ohne hierüber einen Pfandschein zu erhalten, anslieferte. Einmal jedoch geschah es, daß dieser Bürger genem Manne etwas ohne Sicherstellung gab. Da sagte dessen .Frau zn ihm: .Jetzt wollen wir uns an diesem Manne seines beständigen Mißtrauens wegen rächen und leugnen, daß er uns etwas anvertraut habe'. Der Mann antwortete: .Weil jener aus Unverstand mich so behandelt, soll ich seinetwillen meinen mir -erworbenen guten Namen auf das Spiel setzen? Das werde ich ..nie-tun/ So verhältes sich auch mit Gebrechen, . Krankheiten und Schmerzen, die dem Menschen anferlegt werden. Diese werden beschworen, ehe sie ihn treffen, so und so lange ihn zu Plagen und weder vor der bestimmten Zeit ihn zn verlassen, noch nachher bei ihm zn bleiben. Auch ist es bestimmt, durch welchen Menschen und durch welche Arznei die Krankheit behoben werden soll. Nun geht der Mensch an dem Tage, da ihn die ^Krankheit verlassen muß. in den Götzentempel. Die Krankheit sagt: Weil der Mensch bei dem Götzen, der nicht helfen kann, seine Zuflucht nimmt, sollte ich ihn eigentlich nicht verlassen; allein, ich bin beschworen worden, so will ich einen Schwur dieses Unvernünftigen wegen nicht brechen. Und so verläßt ihn die Krankheit. Er aber glaubt, der Götze habe ihn geheilt" (Tr. Aboda sara S. 54.) Von diesem Geiste waren auch die jüdischen Aerzte des Mittelalters erfüllt. Das Gebet, welches der Arzt Juda Halewi verrichtete, als er ein für sich selbst bereitetes Medikament trank: ,Send mir, o Gott, Heilung und Genesung! Dein Zorn wäre für mich Grab imd Verwesung. Nicht vertrauen will ich auf -meine Knuste nur Du gib mir Gnade, nur Du mir Gunst!, ^enthält deutliche Anklänge an Verse aus den Psalmen. (Ps. 6 -und 39.) Ans ihnen zog er die Zuversicht auf Gott, der sein .Wort sendet, welches heilt und vor Verderben rettet. Umso mehr -sollte unser kleinmütiges Geschlecht durch das Lesen der Psalmen den Glauben an eine höhere, unsichtbare Kraft gewinnen, die den Arzt leitet, daß er die richtige, wirksamste Arznei wähle, nvelche die Natur des Kranken unterstützt. Ans ihnen nehme er -die trostreiche Hoffnung auf eine übernatürliche Macht, welche Port einsetzt, wo menschliche Hilfe versagt. Niemand soll daher die Psalmen, die Spender der Seelenruhe, am Krankenlager -entbehren. Sie sind ein. unversiegbarer Quell, ans dem wir Geduld, Fassung und Ausdauer schöpfen. Sie bannen die finsteren -Nachtgedanken, die Gebilde der aufgeregten Phantasie, durch den .Hinweis auf den bei uns weilenden, niemals schlafenden Wächter, -der unsere.Dunkelheit erleuchtet und erhellt, wenn alle Freunde Pch in Finsternis hüllen. Verschiedene Nachrichten. Wien. Freitag, den 29. November 1912, Predigt des Herrn Dr. Max Grunwald im Leopoldstädter Tempel. Wien. (Die Be r m ä h l n n g d es Barons Alsons Rot hschild.) lieber die Bermählnng des Barons Alfons Rothschild mit Miß Clarice Sebag-M ontefiore teilt die „Morniug Post" aus London noch folgende Einzelheiten mit: Die Trauung fand am 20. d. um 2 Uhr nachmittags statt. Das Vestibül des Tempels in der Great Porrland Street zierte eine Reihe hoher Palmen und weißer Chrysanthemen. Die Galerie war mir Blumengewinden übersät. Der Baldachin, unter dem die Zeremonie vollzogen wurde, bestand ans einem prächtigen Gewinde weißer Chrysanthemen, Lilien und blaßrocen Orangenblüren. Um 2 Uhr nachmittags betrat der Hochzeirszng, geführt von Reverend Dr. A d l e r, das Haus. Ihm folgren der Bräutigam, angetan mir dem Gebermantel, und die männlichen Mitglieder beiderFamiklen; als Tranungszenge des Bräutigams fungierte dessen Bruder Baron Louis Rothschild. Die Braut, die einige Minuten später in Begleitung ihres Vaters erschien, trug ein Hochzeitskleid aus weißer Charmeuse mit alten Brüsseler Spitzen und hatte einen prachrvollen Slranß weißer Orchideen in der Hand. Der lange Brautschleier auS Tüll fiel über einen Brautkranz von weißen Orangeblüren herab. Miß Clarice wurde von Miß Fould S v r i n g e r und Mr. Owen Montefiore geführt, der als Gainsborongh, „vlaüer Knabe", gekleidet war. Das Gefolge der Braut beschlossen 10 Kranzjungsern in herrlichen weißen Toiletten. Schließlich rrat das Brautpaar unter den Baldachin und die Trauuugs» Zeremonie begann. Dann folgte die Verlesung der Ehepakce, woraus Baron Alfons nach Anssetzen des Eheringes mir dem üblichen Segensspruch das Glas zn Boden warf: „Eher werden diese Glassplitter alle wieder zusammenwachseu. eher unser Bund sich löst." Nach Abschluß der Zeremonien begaben sich die Hochzeirsgäste znm Diner, während das Neuvermählte Paar die Hochzeitsreise nach dem Süden Frankreichs antrat. Unter den Gästen, die der Trauung beiwohnren, befanden sich nebst den Familienmitgliedern der österreichisch-ungarische Botschafter Graf MeuSdorf- D i e t r i ch st e i n. Graf K b u e u, Lord und Lady Salinen y, Lord und Lady Swaythling, Cecil A. Campbell, Baron Rita ff, Sir Philipp S aff von und Tochter, General Sir Bindou und Gemahlin, Baron Sp i elma nn und Gattin. Unter den Geschenken, die Baron Rothschild seiner Braut überreichte, fielen ganz besonders ein Perlenkollier mit Diamantbesatz von ungeheurem Wert sowie eine Diamautbroiche und die Garnitur von rosa Perlen auf. Ans aller Welt waren Gratulationsdepescheu eingetroffeu. Der Thronfolger Erzherzog Franz Ferdinand und seine Gemahlin. Herzogin Sophie von Hohenberg sandten ein in herzlichen Worten gehaltenes Glückwunschtelegramm, ebenso die Erzherzogin Maria Therese. Ferner gratulierten Prinz Max von Thur» und Taxis, Fürstin Metternich und der Statthalter von Böhmen Fürst Thun und andre. Wien. (Verein z n r H e b n n g d e r G e w e r b e i u W i e n). Sonntag, den 1. Dezember um 7 Uhr abends, findet im großen Saale des österreichischen Ingenieur-- und Architektenvereines, I.. Eschenbachgasse 9. eine Plenarversammlung statt. Tagesordnung: 1. Referat' des Gemeinderates und k. k. Hofwagenfabrikanten, Herrn Ludwig L o h n e r: „Wiener Berkehrsverhältniffe". 2. Znm Vorabend deS 64. Regierungsjahres Seiner Majestät unseres Kaisers: „Szenen und Bilder ans dem Leben unseres Kaisers", mit 60 Skioptikonbildern, vorgesührt und besprochen von unserem Vorstandsmitgliede, Schriftsteller Herrn Jacques Ja eg er. Geladene Gäste auch Damen willkommen. Wien. (F r e i t a g-A b e n d - B o rtr aq im B e t-H am i d r as ch „Talmud-Thora". II., Malzgasse 16). Am 29. d. M. 7.30: Herr Rabbiner H. L. G o l d st e i n : „Eine Geschichte aus dem Mittelalter. Wien. (Jüdische T o y n b e e h a l l e, XX.. Othmargaffe 46.) Beginn der Vorträge: An Wochentagen 8 Uhr. Samstag, sowie an Soun- und Feierragen 7 Uhr abends. Eintritt frei für jeden Erwachsenen. Vortrags-Programm für die Zeit vom 29. November 1912 bis 6. Dezember 1912: Freitag, den 29. November, Bibelvortrag. Lehrer Leopold Weiß. Samsrag, den 30. November, Konzert-Arrangement» Frau Raja Barbe r-W a l d b e r g. Sonntag, den 1. Dezember, „Gibt es in Europa Arier?" Dr. Adolf Kapralik. Montag, den 2. Dezember. Deutscher Literarur-Zyklns. (Fortsetzung). Dienstag, den 3. Dezember, Ueber Lord Byron. Dr^J. Krug. Mittwoch, den 4. Dezember. Chanuka-Feier. Festrede Profeyor Dr. Mor. Rosenfeld. Donnerstag, den 5. Dezember, „Was verdankt das Recht dem Judentum?" Dr. Th. Jänner. Freitag, den 6. Dezember. Bibelvortrag. Wien. Herr Kantor Isidor L ö w i t und Frau feierten am 20. d. M. das Fest der silbernen Hochzeit. Aus diesem.Anlasse erhielt das Jubel- . paar viele Gratulationen und Depeschen ans Freundes- und Kollegenkreisen. . Persönlich gratulierten der Präsident des Vereines zur Bekleidung armer alter Männer, Herr Isidor Schwarz, der Präsident des Oest.-ung. Kantorenvereiues, Oberkantor Bauer und Gemahlin, Oberkantor Don Fuchs, Prof. Nasch 6 r, der. eine Ansprache hielt, der Tempelchor und viele Andere. Die türk. Gemeinde übersandte ein sehr ehrendes Schreiben nebst einem Ehrengeschenk, ebenso spendeten Gratulationsschreiben der Verein zur Bekleidung armer alter Männer und der Oest.-ung. Kantoren-Berein. Dr. Herzseld sandte ein Blumengewinde und die Tischgesellschaft in Herlingers Restauration widmete ein Los, welches Herr Boskowitz im Namen der Gesellschaft überreichte. Es gratulierten ferner der Präses der türk. Gemeinde Licco A d u t t, Vorsteher S. R. F a r ck i, Chacham P a p o, kais. Rat Dr. Lieben, kais. Rat W i l h e l m, die Oberkantoren Morgenstern, D ü n n m a n.n, B a s i e r, I. Kantor Matyas. Pros. K a n i tz, Direktor Weber und viele Kollegen und Freunde des Jubilars