Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1912
- Issue
- Heft 46 (29.11.1912)
- Date
- 1912-11-29
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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Die Wahrheit Nr. 46. Seite 10. Wien. (F e st g o t t e» d i e n st.) Sonntag, den 1. Dezember, 1j3h Uhv nachmittags, veranstaltet der Allg. Kranken- und Unterstützungs- Verein „Montefiore" anläßlich des 30. Bestandsjahres des Vereines im Tempel, IL, Tempelgasse, eilten Festgottesdienst. — Um 1j0ß Uhr abends desselben Tages findet eine zwanglose Zusammenkunft im „Hotel Europa", II., Ajpernbrückengafie, statt. Wien. (Agudath Israel.) Sonntag, den 3.November d. I. fand im Lokale des „MachsikeHadath" eine zahlreich besuchte Versammlung unter Vorsitz des Herrn Rabbiners Machersohn statt, die größeuleils von srommgläubigen östlichen Inden besucht war. Außerdem nahmen au ihr auch jüdische Studenten in großer Zahl teil. Der Referent, des Abends war der Odefiaer Rabbiner Jeschuay Di skin, der derzeit in Palästina ansässig ist. Redner hob an der Hand von Zitaren aus Bibel und Talmud hervor, daß das jüdische Volk trotz tausendjähriger Zerstreuung noch immer den Geist der am Berge Sinai erhaltenen Thora in sich wahrt und daß speziell bei den östlichen Juden dieser sromme Geist auch heute noch am intensivsten kultiviert wird. Die Erhaltung und Fortsetzung dieses Geistes bei den Nachkommen ist die Ausgabe der „Agudath Israel", die deshalb als Segen zu begrüßen ist. Der zweite Redner, der Talmudkenner Josef Schapatschuik, kommentiert in geistvoller Weise die Aufgaben der „Aguda". Kandidat Phil. Sanl Ko hu, der hierauf das Wort nahm, bemerke einleitend, daß der Stolz und die Waffe des Juden die Thora sei. Diese habe auch das Judentum bis heute erhalten. Der Zionismus habewohl das jüdische Volk wach gerüttelt, dock soll auch der Fortbestand des Judentums für die Zukunft gesichert werden und dies ist allein nur dadurch möglich, wenn zu dem idealen Bestreben auch noch das Reale hiuzugefügt wird, dadurch, daß die Jugend zur Frömmigkeit und Gottesverehruug erzogen werde. Redner schließt mit einer Aufforderung an die anwesenden jüdischen Studenten, dem „Agudath Israel" beizntreten. Herr Rosuer ist der Ansicht, daß bis nun schon genug theoretisiert worden sei. Es sei an der Zeit, zur praktischen Arbeit zu schreiten und den Gedanken der religiösen Erneuerung des Judentums in die Tat umzusetzen. Rabbiner Mayersohn beleuchtete noch zum Schluffe in überzeugender Weise die Notwendigkeit der Gründung der „Agudath Israel", worauf die Versammlung in gehobener Stimmung geschloffen wurde. — Beitrittserklärungen sind au den Präsidenten der „Agudath Israel" Rabbiner Mayersohn, EL, Adambergergojse 8, 1. Stock, zu richten. Wien. Der Vorstand der „Adas Jisroel" (Schiffsynagoge) gibt bekanur, daß zur Erinnerung an das Regiernngsjubiläum Sr. Majestät des Kaisers Franz Josef I., gleich wie in den Vorjahren der Betrag, der für und Belhausspeuden an dem, dem 2. Dezember vorangehenden 'p hereingebracht wird, zur Verteilung an Bedürftige verwendet wird. Wie«. (B e r l o b u n g.) Fräulein Margit T a n d l i ch, Zolyom (Ungarn), hat sich mit Herrn Karl Neumann, Oberkantor des Leopoldstädter Tempels, verlobt. Wie«. Zwecks Zusammenfassung der zahlreichen M i s r a ch i- Anhäuger in Wien gründete sich dieser Tage hier eine Ortsgruppe. Beitrittserklärungen sind zu richten an: M i s r a ch i, Wien, IX, Zirkusgaffe 20. III/20. , Wien. (Verein für unentg eltli ch en Arbeitsnachweis.) Donnerstag, den 28. November a. c., um 7 Uhr abends, findet im Vereinslokale des Israelitischen Humanitätsvereines „B'nai B'rith", IX., Universitätsstraße 4, die XHL ordentliche Generalversammlung des Vereines statt. Wien. Sonntag verschied hier nach langem Leiden Herr Leopold Tausky im 83. Lebensjahre, der sich durch viele Jahre hindurch nm seine Heimatsgemeiude Holics als Kultusvorsteher verdient gemacht hat. Auch m seinem letzten Willen hat der Verblichene der dortigen Gemeinde gedacht und namhafte Beträge für die Armen und Kranken ausgesetzt. Dienstag, den 26. d. fand vom Tranerhause aus die Ueberführnng aus den . Zentralfriedhof statt, woselbst die sterbliche Hülle zur letzten Ruhe gebettet wurde. Die kantoryle Funktion versah in ergreifender Weise I. Kantor Herr Matyas, während Rabbiner Dr. Ta glicht an der Bahre einen ehrenden Nachruf hielt. Er ruhe in Frieden! Wien. Sonntag, den 8. Dezember. 3 Uhr nachmittags, findet im Sitzungssaale des Tempelgebäudes, XX. Kluckygaffe, die XVIL ordentliche Generalversammlung des Brigittenau er Frauen- Wohltätigkeits-Vereines mit der Tagesordnung: Erstatttuug des Rechenschaftsberichtes und Erteilung des Absolutoriums, statt. Um */29 Uhr abends veranstaltet der Verein einen gemütlichen Abend mit Tanz im „Hotel Post" und am 12. Jänner 1913 eine Akademie im Sophiensaale. Jungbunzlau. Im hiesigen Stadttheater veranstaltete der Verein der Kunstfreunde Dienstag, den 19. d. M. ein 'Wohltätigkeitskonzert unter Mitwirkung des Bläserquartets des Prager Nationaltheaters, des Konzertfängers M a l i u a und des Frl. Gisa Singer aus Wien. Letztere eine Tochter des Oberkantors B. Singer und Schülerin Alfred G r ü n f e l d s erntete als Klaviervirtuosiu mit dem Vortrage der Ballade von Chopin, dem Gnomeureigen und der 15. Rapsodie von List wahre Triumphe. Nach der Ballade erhielt sie herrliche Blumenspendeu und mußte unter jubelndem Beifall ein Stück von Dworak zugeben. Das Theater war von deu besten Kreisen der hiesigen Gesellschaft besucht. Jüdische Bühne. Direktion M. Siegler. „Hotel Stefanie", IL, Tadorstraße 12. Freitag, den 29. und Samstag, den 30. November, „D u s P i u t a l e I ü d, Operette von B. Tomaschewski. Sonntag, den 1. und Montag, deu 2. Dezember, „D i e S e d e r - N a ch t", Operette von I.Lateiner. Sonntag, den 1.Dezember, halb 4Uhr nachmittags, „Jd al e der Blinde". Dienstag, den 3. Dezember, „D u s T o j r a l e", Operette von I. Teer. Mittwoch, den 4. Dezember, „Der wilde Men sch", von, I. Gordin. Auftteten des Herrn Sam. Halm. Donnerstag, den 5. Dezember, „Der komische Herrscher". — In Vorbereitung: Schir Haschirem. Analphabeten. Eine Episode aus dem russisch-japanischen Kriege. Von Babette Fried, Prag. (Fortsetzung.) > Da bekam auch er einen Brief vom Kriegsschauplätze. DerBrief wies wohl Chajims Handschrift ans, doch war von dem langen Brief an ihn selbst nur ein Gruß und die Bitte, seinen alten Rebbe und die Chawerim von ihm zu grüßen. Der Inhalt des Briefes aber war in Franzeks Namen an dessen Vater, den Holz-- schläger Petru gerichtet. Dieser Brief war für den Empfänger ebenso rälselhaft, wie er es für den Schreiber sein mochte. Er 'enthielt die Bitte an den Vater, für den Fall, daß Franzek in dem Kriege nmkomnien sollte, solle sein Vater ein Jahr nach dessen: Tode im Schweinestalle nachgraben. Dort werde er etwas finden, das er behalten könne, nur müsse er dann 12 Messem für ihn lesen lassen. Früher, so beschwor er ihn bei allen Heiligen, möge er nichts anrühren. Ob dieses seltsamen Schreibens schüttelte Reb Awrom das Haupt, schickte aber trotzdem zu Nachbar Petru, er möge abends zu ihm kommen, es wäre ein Brief von dem Soldaten angelangt. - Mit einer Hast, die bei dem Bauern fast befremdete, schob dieser die vor ihm'stehende Schüssel mit Suppe von sich, auf' die sich der hungrige Mann doch so gefreut hatte, und eilte in die Kretschma hinüber, wo er Nachricht vvn seinem Sohtie erhalten sollte. Abraham übersetzte ihm getreulich das angekommene Schreiben, worauf als Unterschrift Franzeks Handzeichen dreü krumme Kreuze gezeichnet waren. Weiß der Teufel, was der dumme Bube im Schweinestall. vergraben hat," meinte Petru ärgerlich. „Heute bin ich schon zu müde, aber morgen in. der Früh geh' ich nachgraben." „Langsam, langsam, Nachbar!" fiel ihm Abraham ins Wort. „Hört ihr denn nicht, daß der Franzek dies erst ein. Jahr nach seinem Tode erlaubt? Wenn er aber verschont bleibt, und dann nach Hause kommt, besteht dann kein Mensch vor ihm. Ihr wißt gut wie er wild sein kann." „Da habt ihr wieder mal Recht, Abraham. Ihr seid hall viel klüger als wir." Während noch die Nachbarn so allein da saßen und sichvon den in Kriegsdienst befindlichen Söhnen unterhielten, war wirklich in dem Schweinestalle nachgegraben worden, und zwar von niemand geringerem als der hohen Polizei selber, undetwas gar seltsames wurde da zu Tage gefördert. Vor einigen Monaten war nämlich im nahen Wallfahrtsorte eine Kapelle ausgeraubt worden und das Madonnenbild all seines wertvollen, von den Gläubigen-geschenkten Schmuckes beraubt worden. Von den Tätern fehlte bisher jede Spur, trotzdem man eifrig nach ihnen fahndete. Man nahm schließlich an, sie wären nachtsmit dem Raube über die österreichische Grenze geflüchtet. Als aber der Brief Chajims vor der Abgabe an den Adressaten von Amts wegen geöffnet und gelesen wurde, da. wurde von der Polizei die Durchsuchung des Stalles vorgeuom-- men, und der ganze Schatz in diverse Fetzen zerhackt vorgefnn-- den. Der Schatz wurde ins Gemeindeamt in Verwahrung ge--- bracht, und die Polizei begab sich geradewegs zu dem Inden, an welchem jener Brief adressiert war, um ihn zu verhaften. Da half kein Bitten, kein Weinen, kein Beteuern der Un-- schuld. Abraham und der bei ihm weilende Petru wurden gefesselt und ins Gefängnis geführt, ohne daß ihnen Zeit gelassen wurde, irgend eine Verfügung hinsichtlich ihres Haushaltes zu treffen, oder daß ihnen auch der Grund dieses Verfahrens mit-- geteilt worden war.' Erst bei dem Untersuchungsrichter erfuhrensie, was ihnen "zur Last gelegt worden war: nichts geringeres, als vollführter Kirchenranb. Petrn wurde bald freigelaffeu, trotzdem auf seinem Grund und Boden das gestohlene Kirchengnt gefunden war. Die Gerechtigkeit hielt sich an den Juden, an den dieser ominöse'Brief adressiert und von dessen Sohn er geschrieben war. . (Fortsetzung folgt.)