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Die Wahrheit · 1912-10-25 · Heft 41 (25.10.1912) · page 8

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1912
Issue
Heft 41 (25.10.1912)
Date
1912-10-25
Page
– (sequence 8)
Language
German
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Seite 8. Die Wahrheit. Nr. 41. Angriffe gegen das Komitee der Dr. Moriz Rappaport'schen Stiftung bezw. gegen das Komitee zur Beurteilung der eiugelangteu Preisarbeiten bestimmten Juroren, veröffentlicht. Da das Komitee vom Vorstande gewählt, somit für feine Tätigkeit zunächst dem Vorstande verantwortlich ist, so halte ich mich für verpflichtet, auf Grund persönlich eingeholter Informationen, die folgende Mitteilung zu machen. In den Zeitungs-Artikeln wird dem Stiftungskomitee zunächst der Vorwurf gemacht, daß es sich nicht strenge an die Stiftungsvorschriften halte, indem es bei Ausschreibung der Preisfragen bisher ausschließlich historische Themata zur Bearbeitung sestsetzte, während die Fragen aus dem Gebiete der Sozialpolitik entgegen dem ausdrücklichen Wunsche des Stifters vollständig unberücksichtigt blieben. Demgegenüber bemerke ich, daß der Zweck dieser und ähnlicher Preisstiftungen im allgemeinen der ist, die Bearbeitung solcher wissenschaftlicher Einzelgebiete anzuregen und zu fördern, die bisher nur wenig oder unhistorisch behandelt wurden. Nun ist es bekannt, daß die Behandlung sozialpolitischer Fragen gerade in den letzten Jahren durch Berufene und auch Unberufene eine förmliche Ueberproduktion zutage gefördert hat, während das engere Gebiet der Geschichte der Juden von jüdischen Gelehrten weniger Beachtung fand, anderseits die Art, wie dieses Spezialfach seitens protestantischer Forscher behandelt wurde, vom jüdischen Gesichtspunkte aus manches zu wünschen übrig läßt. Dem weiteren Vorwurf gegenüber, daß das Kuratorium in seinen Preisausschreibungen Fragen anfwerfe, welche an das Wissen der Bewerber ungeheuere Anforderungen stellen und die meisten Ausschreibungen deshalb ohne Bewerber blieben, verweist der Präsident ans das nachfolgende Verzeichnis der bisher ausgeschriebenen Preisfragen, durch welches dieser unbegründete Vorwurf am besten wiederlegt werden dürste. 1. Im Jahre 1883 (erstmalige Ausschreibung nach Begründung der Stiftung) wurde das Thema: „Welchen Einfluß haben die jüdischen Aerzte auf das Judentum und das jüdische Volk ausgeübt? (kulturhistorisches Bild) 2 ausgeschrieben. Die einzige Bewerbnngsarbeit als zur Preisznerkennnug ungeeignet bezeichnet. 2. Im Jahre 1885 wurden 2 Preisfragen gestellt und zwar: a) „Welchen Einfluß haben die hebräischen Psalmen ausgeübt auf die Gestaltung der Liturgie, auf die Entwicklung und Fortbildung der Hymologie in den verschiedenen Kirchen, vorzugsweise unter den modernen Völkern." 5) „Die Leistungen der Juden in Frankreich seit ihrer Gleichstellung auf dem Gebiete der Wissenschaft, der Literatur und im bürgerlichen Leben." Ueber das erste der beiden Themen wurde eine der überreichten Arbeiten, und zwar der des oau6. phil. Julius Steinschneider aus Berlin der Preis von K 1600.— zuerkannt. Für das zweite Thema war eine Bewerbungsarbeit nicht eingelanfen. 3. Im Jahre 1887 „Die Geschichte der Juden in Rom seit ihrer ersten Niederlassung in der Hauptstadt des römischen 'Reiches bis zum Verschwinden des Ghettos unter der Regierung des Königs Humbert I." Diese Ausschreibung war ergebnislos. 4. Im Jahre 1890 wurde dieses Thema neuerlich verlantbart und wurden zwei der hiezu überreichten Arbeiten remuneriert. Der Autor der einen, Dr. A. Berliner, erhielt K 2000.—, die Autoren der anderen, Dr. Paul Rieger und Dr. Herrmann Vogelstein, je K 1000.— 5. 1893 lautete das Thema „Der Einfluß Spinozas auf die deutschen Denker und Dichter." Der Preis wurde dem damaligen Prediger Dr. M. Grünwald zuerkannt. 6. Jahre 1898 „Apologetik des Judentums von Josephus bis auf die Gegenwart": die Ausschreibung blieb ergebnislos. 7. Im Jahre 1901 wurde dieses Thema neuerlich und überdies ein neues Thema: „Die Geschichte .des jüdischen Volksschulwesens in Oesterreich" ausgeschrieben. Auch diese Ausschreibung war rücksichtlich beider Preisfragen ergebnislos. 8. Im Jahre 1905 wurden zwei Preisthemen und zwar: „Das Judentum zu Ende des jüdischen Staates" und „Die. Juden und die österreichischen Finanzen 1648—1740" ausgeschrieben. Die Ausschreibung bezüglich des ersten Themas blieb ergebnislos, da die einzige vorgelegte Arbeit von den Preisrichtern abgelehnt wurde. Zu dem zweiten Thema überreichte- Dr.Herr Grunwald eine Arbeit, welche, nicht prämiirt wurde/Uebev Beschluß des Preisrichter-Kollegiums erhielt der. Antor eine Remuneration von K 800.— aus der Stiftung. 9. Am 1. August 1909 wurden wieder 2 Themen ausgeschrieben, und zwar „Samuel Oppenheimer und sein Kreis" und „Das Judentum zu Ende des jüdischen Staates". Auf diese Preisausschreibuug und deren Lösung komme ich später zurück. Die gleichfalls zum Vorwürfe erhobene Tatsache, daß. verschiedene Preisausschreibungen ohne Bewerber blieben, müßte wohl zugegeben werden, aber dieses Schicksal teilt die RapPaport'sche Stiftung mit vielen anderen Preisstiftungen. Einen großen Raum in den Angriffsartikeln nimmt die Bemängelung der Tatsache ein, daß dem Herrn Dr. Max Grunwald in zwei Fällen für seine Arbeiten der Rappaport-Preis zuerkannt wurde. Die Preisfrage: „Einfluß Spinozas auf deutsche Denker und Richter"*) wurde im Jahre 1893 von einem Kuratorium ausgeschrieben, in welchem u. a. auch der sei. Dr. Adolf Jellinek saß. Sie hatte den für die Geschichte der Juden sicherlich wertvollen Zweck, darzutnn, welchen befruchtenden Einfluß der Geist Spinozas auf die ganze moderne deutsche Literatur haue. Daß das damalige Preisrichterkolleginm, das ans den Gelehrten Professor Cohen-Marburg, Hofrat Professor Dr. Theodor Gomperz-Wien mib Geheimrat Professor Dr. Jellinek-Heidelberg bestand, nur vom Gesichtspunkte der wissenschaftlichen Bewertung, der eiugelangten Arbeit geleitet wurde, indem es den Preis dem damaligen Hamburger Prediger Dr. Max Grunwald zuerkannte, steht äußer Frage und ebenso hat auch die wissenschaftliche Kritik über die dann veröffentlichte Arbeit das günstige Urteil bestätigt. Aus der Fülle der Urteile seien hier die folgenden erwähnt: Der Philosoph Eduard von Hartmann schrieb in der „Neuen Freien Presse" vom 8. März 1904 über das Werk: „Ich wünsche, wir hätten ähnliche Monographien auch über andere einflußreiche Philosophen, denn sie sind sehr geeignet. klärend zu wirken." ■ Friedrich Spielhagen schrieb u. a.: „Ich weiß nicht, was ich mehr bewundern soll, die ungeheure Gelehrsamkeit, die das gigantische Material zusammenbrachte, oder die Klarheit, mit der es verarbeitet ist." Aehnlich lauten die Urteile von Ernst Haeckel und Felix Dahn. Den Ausgangspunkt der Angriffsartikel bildet eigentlich die im Jahre 1907 erfolgte Preisausschreibuug über das Thema: „Die Juden und die österreichischen Finanzen 1648—1740", das, wie aus dem obigen Verzeichnis zu ersehen, nachdem diese Ausschreibung nicht zu einem befriedigenden Ergebnisse führte, im Jahre 1909 dahin eingeschränkt wurde, daß das Thema: „Samuel Oppenheimer und sein Kreis" lautete. Es wird nun behauptet, daß es sich bei diesem Thema „um nichts anderes als um die Wuchergeschäfte einiger Hofjuden" handle, während andererseits den gewählten Juroren gewissermaßen die Qualifikation abgesprochen wird, in dieser Frage ein maßgebendes Urteil abzugebeu. Was die erstere Behauptung betrifft, so beweise gerade der Umstand, daß selbst ein jüdisches Blatt sich die Vorteile des- Geschichtsschreibers Mensi und des Genereralstabswerkes über die Feldzüge des Prinzen Eugen zu eigen macht, welche große geschichtliche Bedeutung die objektive Erforschung jener Geschichtsepoche und die Widerlegung der obenerwähnten Vorurteile hat, abgesehen davon, daß es sich in einem gewissen Sinne auch um die historische Ehrenrettung eines Mannes handelte, der zu seiner Zeit ein Repräsenlaut der Wiener Judenschäft war. Gegenüber der Bemängelung der Zusammensetzung, des . Preisrichter-Kollegiums genügt es, zu erwähnen, daß als Juroren Dr. Friedjung, Professor Herzberg-Fränkel, und Professor Pribram, letzterer ein Schwiegersohn des Stifters Dr. Nappaport, fungierten. Der Bewerber um diesen Pieis hatte eben nicht die Aufgabe, eine jüdische Familiengeschichte oder ein Kapitel aus *) In den Zeitungsartikeln wird die Preisfrage fälschlich ials „Einfluß Spinozas auf Goethe" angegeben.

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