Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1912
- Issue
- Heft 41 (25.10.1912)
- Date
- 1912-10-25
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 41. Die Wahrheit Sette 9. Der jüdischen Geschichte zn schreiben, sondern nur eingehend nnd -objektiv den Anteil darznstellen, den Samuel Oppenheimer und sein Kreis an der Gestaltung der österreichischen Finanzen an der Wende des 17. Jahrhunderts genommen haben. Deshalb mulßte bei der Auswahl der Juroren hauptsächlich darauf Bedacht genommen werden, daß anerkannt bedeutende, hervorragende Historiker, die besonders in der Wirtschaftsgeschichte Oesterreichs zu Hanse sind, als Preisrichter bestellt werden und daß eminentere als die drei Genannten wohl nicht zu finden wären, darüber werden Sie wohl mit mir übereiustimmeu. Hinsichtlich der Behauptung, daß Dr. Grnnwald das genannte Thema zuerst für seine von der Knllnsgemeinde veranstalteten öffentlichen Vorträge gewählt habe und daß das Kuratorium derRappnport-Stiftung erst hieraus dasselbe Thema ansgeschrieben und dann Dr. Grnnwald sich um den Preis beworben nnd auch erhalten habe, stellt der Präsident auf Grund der vorliegenden Äkten, wie übrigens auch ans dem mitgeteilten Verzeichnis ersichtlich. fest, daß diese Ausschreibung zuerst im Jahre 1905 erfolgte. im Jahre 1907 das Thema neuerlich zur Ausschreibung gelangte und daß Dr. Grnnwald sich schon anläßlich der Ausschreibung um den Preis bewarb, und seine endgiltige Preisarbeit am 29. Dezember 1911 überreichte, während er seine Vorträge über „Oppenheimer und seinen Kreis" am 14. Dezember 1911, bezw. am 4. Jänner 1912 gehalten hat. Ans diesen aktenmäßig festgestelllen Daten geht es nun klar hervor, daß Dr. "Grnnwald nahezu sechs Jahre an diesem Thema arbeitete und daß es nur begreiflich erscheinen muß. daß er dieses Thema, in welches er ans Grilnd jahrelangen Studiums eingedrnngen war. zum Gegenstände seiner Vorlesungen wählte, daß aber das 'Preisthema schon jahrelang, ehe diese Vorlesungen stattsanden, ausgeschrieben worden war. Ich ersuche die Herren, diesen Bericht zur Kenntnis zn nehmen. Allgemeine jüdische Kolonisations- Organisation. Am 10. Oktober fand in Berlin die jährliche Mitgliederversammlung der A. I. K. O. statt. Ihr war am 30. September die Generalversammlung der Aktionäre des Finanzinstitutes der Ä. I. K. Oder „Orient Cvlonising Company. Ltd.", vorangegangen. In beiden Versammlungen führte Kommerzienrat und Handelsrichter Gerson Simon den Vorsitz, während Doktor- Alfred N o s s i g den Jahresbericht erstattete. Wie ans den Berichten hervorgeht, hat die A. I. K. O. im letzten Jahre ihr Aktienkapital und ihre Mitgliederbeiträge beinahe verdoppelt. Ihre Propagandatätigkeit, die früher Deutschland nnd England gewidmet war, erstreckt sich in diesem Jahre auf zwei weitere Länder, Oesterreich und Rußland. In Oesterreich bildete Wien naturgemäß den Ansgaugspltnkt. Dank der Anterstützniig der führenden Persönlichkeiten. der Repräsentanz der Knltusgemeinde, des „Jüdischen Kolonisationsvereines", sowie der U-O. B. B.-Logen vermochten die Vertreter der A. I. 'K. O. bei planmäßiger Arbeit die jüdischen Finanzkreise Wiens für das jüdische Kolonisationswerk lebhafter zn interessieren, als dies je früher gelungen war. Unter dem Vorsitze des k. k. Hoflieferanten Heinrich Men dl bildete sich ein vorbereitendes 'Komitee, welches für ein neues, von der A. I. K. O. vorbereitetes Institut eine erfolgreiche Subskription eröffnete. die dann auch in Lemberg fortgesetzt wurde. Ebenso sind in Prag die Vorbereitungen für eine Subskription getroffen worden. Die österreichische Propaganda ruhte hauptsächlich in Händen des Herrn Ernst L ö w e n b e r g. In den öffentlichen Versammlungen, welche in Wien, Prag und Lemberg veranstaltet wurden, fanden die Bestrebungen der A. I. K. O. die wärmste Aufnahme seitens der maßgebenden Kreise der jüdischen Gemeinden. Von besonderer Bedeutung für die weitere Entwicklung und praktische Tätigkeit der A. I. K. O. waren die Ergebnisse ihrer Bemühungen in Rußland. Auf Grund voraugegangener Besprechungen mit hervorragenden Vertretern der jüdischen Finanzkreise Rußlands begaben sich im März 1912 der Ehrenpräsident der A. I. K. O., Dr. Isidor Ginsberg, der erste Vorsitzende Kommerzialrat Gerson Simon und der Vorsitzende des geschäftsführenden Ansschnsses, Dr. Adolf Nossig, nach Petersburg, wo zur Unterstützung der Zwecke der A. I. K. O. zwei Komitees ins Leben gerufen wurden. Während eine Gruppe von Finanziers für das neue Institut unter gewissen Bedingungen Beteiligung zusagte, eröffnete ein anderer Kreis Zeichnungen für die „Orient Cvlonising Company. Ltd.", sowie für den Betriebs¬ und Kolonisationsfonds der A. I. K. O. Andere Ziele verfolgte die A. I. K. O. in Moskau, wo hauptsächlich der Generalsekretär Dr. S. R a w i k o w i t s ch tätig war. Hier wurde die Gründung einer Boden-Erwerbs-Geuossenschaft ans einer neuen, festen Basis angestrebt. Dank der eifrigen Tätigkeit der der Kolouisationsidee ergebenen Kreise sowie der Vorschläge hervorragender jüdischer Juristen, gelang es nach mehrmonatlichen Bemühungen eine vorbildliche Organisationsform zu finden und die B. E. G. „Kadimah" zu legalisieren. Die neue Boden-Erwerbs-Genossenfchaft soll mit der „Orient Colonisiug Company. Ltd." in einem engen Kooperationsverhältnis verbleiben. Die Vorzüge der neuen Organisationsform bestehen darin, daß an Stelle loser Gruppen ein kommerzielles Institut tritt, das voll den Behörden anerkannt und kontrolliert wird und dessen Mitglieder bindende finanzielle Verpflichtungen übernehmen. Da die Anteile ratenweise eingezahlt werden, können auch Minderbemittelte Boden erwerben. Gemeinsam mit der Boden - Erwerbs - Gesellschaft zu Bialystok hat die A. I. K O. die Vorbereitungen zur Bildung einer Kolonie in der Nähe einer Stadt auf dem jüdischen- An» siedlungsgebiet so weit gefördert, daß die Ueberlragung des Bodeits dem Abschlüsse nahe ist und die Uebersiedlung der ersten Partie der Kolonisten bevorsteht. Die Mehrzahl der zur Besiedlung des Terrains ausersehenen Familien haben sich bereits in Rußland mit der Landwirtschaft befaßt. Auch an einer zweiten Kolonie, welche gleichzeitig auf der Sinaihalbinsel vorbereitet wird, wird die A. I. K- O. beteiligt sein. Ans dem vom Schatzmeister der A. I. K. O.. Bankier Alois A. F. Marcus, vorgelegteu Nechnungsberichte ging hervor, daß die Ausgaben der Ä. I. K. O. im Jahre 1911 16.335*39 Mark betrugen, denen Einnahmen in gleicher Höhe gegeilübersteheu. Die Verwaltungsspesen der „Orient Colonisiug Company Ltd." sowie die Kosten der Vorbereitung des neuen Finanzinstitutes sind in dieser Snnme nicht mit inbegriffen. Im Namen der Revisionskommission beantragte Handelsrichter Bernhard Lilienfeld die Erteilung der Decharge, die die Versammlung einstimmig beschloß. Aus den Wahlen gingen die bisherigen Mitglieder des Vorstandes und des Zentralrates der A. I. K. O. hervor, überdies ist Herr Bernhard Lilienfeld in den Vorstand gewählt. In den Anfsichtsrat der „Orient Colonising Company. Ltd." wurde. Herr Georg L a ch m a u n neu gewühlt. Zn der Mitgliederversammlung waren von den auswärtigen Vorstandsmitgliedern der A. J.K. O. die Herren Dr. Abraham Hirsch- Halberstadt nnd Kommerzienrat George Marx- Königsberg eingetroffen. Dentschtnm und Indentnm. (Fortsetzung.) Fürdiesensittlichen und intellektuellen Makel, der dem deutschen Geistesleben vom Ende des 19.bis in den Beginn des 20.Jahrhnnderts hinein von der Nachwelt angeheftet werden wird, wird mau schon heute die politischen Demagogen und geschwätzigen Vertreter einer Talmiwissenschaft, die alle Rätsel der Menschheit mld alle geistigen Differenzierungen des Individuums mit der geheimnisvollen Zusammensetzung des Blickes lösen wollen, verantwortlich machen. Das feine Wort Wilhelm Jensens von den „Epidemien der Seele mit den großen Geschwüren des Hasses, der Habgier, des Fanatismus" hat eben leider auch heute noch Geltung. Gewiß, der Straßen- und Radauantisemitismus der Ahlwardt-Periode hat abgewirtschaftet; ans den Kreisen der Antisemiten selbst ist dagegen schärfste Verwahrung eingelegt worden, nnd selbst ein so Heißsporniger Antisemit wie Fritz Bley,